Marquartstein – Seit sie 2003 eingerichtet wurde, findet die Achental-Tafel regen Zuspruch. Holten sich anfangs noch 60 Personen dort ihre Lebensmittel, stieg deren Zahl stetig an. Vergangenes Jahr, so berichtete Tafel-Leiterin Elke Sommer nun bei einer Spendenübergabe des Lions Clubs, waren es 140 Bedürftige, die regelmäßig kamen.
Zum Kernteam der Tafel-Mitarbeiter gehören neben Sommer auch Zweite Bürgermeisterin Claudia Kraus, die auch Mitglied im evangelischen Kirchenvorstand in Marquartstein ist, und Diakon Michael Soergel von der Erlöserkirche. Er führt immer die Erstgespräche mit den Anwärtern und stellt die Berechtigungsscheine aus. Alle Personen, die nachweisen, dass sie kein höheres Einkommen als den derzeit gültigen Sozialhilfesatz haben, können Gebrauch von der Tafel machen.
Angst vor Gerede:
Dunkelziffer ist hoch
Doch die Mitarbeiter wissen: Die Dunkelziffer der Leute, die die Tafel eigentlich bräuchten, ist viel, viel höher. „Die Angst gerade bei alten Leuten im dörflichen Umfeld, wo jeder jeden kennt, ins Gerede zu kommen, ist ungeheuer groß“, erklärt Claudia Kraus.
Träger der Achental-Tafel ist die Diakonie. Die Gemeinde Marquartstein stellt die Räume, Strom und Heizung zur Verfügung. Bis vor Kurzem war die Tafel im Untergeschoss des Rathauses untergebracht, jetzt stehen ihr ebenerdige Räume in einem Haus am nördlichen Ortsausgang zur Verfügung. Genutzt wird sie von Bedürftigen aus dem gesamten Achental – bis aus Reit im Winkl und Übersee.
Jeden Samstag gegen Mittag ist Ausgabe der Lebensmittel. Schon mehrere Stunden vorher müssen die Helfer kräftig anpacken. Alles ist genau organisiert: Die Nahrungsmittel werden kurz vor Geschäftsschluss am Samstag oder Freitagabend von den Geschäften abgeholt, aussortiert und in dem großen Ausgaberaum möglichst ansprechend präsentiert.
Die insgesamt 38 ehrenamtlichen Helfer sind in vier Gruppen eingeteilt. Jede Gruppe ist alle vier Wochen an der Reihe. Durchschnittlich werden sieben Helfer pro Schicht dringend gebraucht, die dann alle Hände voll zu tun haben. Fällt einer aus, stehen Springer zur Verfügung. „Das Durchschnittsalter der Helfer, überwiegend Frauen, liegt bei etwa 70 Jahren“, sagt Claudia Kraus. Aber auch einige Männer sind dabei – gerade wegen ihrer physischen Kräfte hoch erwünscht. So etwa Pfarrer Hanns Krämmer, der nur allzu gut weiß, wie notwendig die Tafel ist.
Dank der Mitarbeit vieler Geschäftsleute im Achental gibt es meistens genügend Lebensmittel, so dass es für alle Abholer reicht. Die Tafel bekommt Lebensmittel, die nach den EU-Richtlinien nicht mehr in den Handel gelangen dürfen, aber noch einwandfrei brauchbar sind. Den Geschäftsleuten wird die Entsorgung abgenommen, die Lebensmittel müssen nicht mehr weggeworfen werden, und vielen Menschen ist geholfen.
Grundnahrungsmittel wie Milch und Milchprodukte, frisches Obst und Gemüse werden allerdings kaum gespendet und müssen zugekauft werden. „Pro Vierteljahr benötigt die Achental-Tafel eine Palette Milch, die 650 bis 700 Euro kostet“, erklärt Elke Sommer. Hauptsponsor war von Anfang an der Lions-Club Marquartstein-Achental, dessen großzügige Geldspenden gerade an Weihnachten unabdingbar sind. Aber es gibt auch andere Spender, zum Beispiel eine Person, die für Weihnachten Essensgutscheine finanziert.
Etwa ein Drittel der Tafelabholer sind nach Aussage der Mitarbeiter alte Leute, deren Rente nicht reicht, ein weiteres Drittel sind Familien, bei denen die Eltern arbeitslos sind oder der Lohn nicht ausreicht. Das letzte Drittel sind anerkannte Flüchtlinge mit oft sehr großen Familien.
Da die Auswahl zu Beginn der Öffnungszeit natürlich größer ist, kommen die Abholer monatlich zu verschiedenen Zeiten dran. Während es zum Beispiel in München oft lange Schlangen bei den Tafeln gibt, sind bei den hiesigen Tafeln die Zeiten für die Abholung im Viertelstundentakt eingeteilt. Wer einmal nicht kommen kann, muss sich abmelden. Wer dreimal unentschuldigt nicht erscheint, wird von der Liste der Tafelabholer gestrichen.
Diskretion ist das
oberste Gebot
Besonders wichtig ist Tafel-Leiterin Elke Sommer die Diskretion. Alle Helfer seien zu strikter Vertraulichkeit angehalten – über Kunden und Lieferanten. Nach getaner Arbeit, wenn alles aufgeräumt und geputzt ist, seien die Helfer oft körperlich und seelisch geschafft, erklärt sie. Doch trotz der anstrengenden Arbeit seien viele Helfer seit Jahren und mit Freude dabei, weil sie erleben, dass sie etwas Sinnvolles tun und wirklich helfen können.
Claudia Kraus betont aber, dass es eigentlich Ziel der Tafeln sei, vorübergehende Hilfe zu leisten, bis die Leute wieder ohne diese Unterstützung leben können. „Leider sind aber die Tafeln zu einer bequemen Dauereinrichtung für den Staat geworden, gerade bei alten Leuten, deren Situation sich voraussichtlich nicht mehr ändern wird“, so Kraus. „Wir freuen uns über jeden, der es geschafft hat, auf eigenen Beinen zu stehen“, sagt Elke Sommer. Glücklicherweise könne sie dies immer mal wieder mitverfolgen.