Prien – Zum Lachen bringen und gleichzeitig zum Nachdenken anregen – das will das Theater. „Dabei spielen Tradition und Dialekt auf der Bühne eine große Rolle“, betont Franz Fritz, Vorsitzender des Bauerntheaters Prien, in seiner Festrede zum 100. Geburtstags des Vereins. Als besonderes „Geschenk“ zum Jubiläum hatte Sepp Käser, Vizepräsident Süd des Verbands bayerischer Amateurtheater und Bezirksvorsitzender Oberbayern eine Auszeichnung dabei.
„Leben ohne
Theater sinnlos“
Frei nach Loriot gratulierte er mit den Worten: „Ein Leben ohne Theater ist möglich, aber sinnlos.“ 100 Jahre Menschen zu begeistern (vor und auf der Bühne) sei bemerkenswert. Das Priener Bauerntheater sei dabei eine von 349 Institutionen in Oberbayern und eine von 700 bayernweit. Die „Bewahrung des Feuers“ für die Theatersache auch in den nächsten 100 Jahren wünschte er zur Verleihung der Ehrenurkunde. Dabei betonte er, dass die Arbeit mit Menschen wie am Theater zu den schönsten Hobbys gehöre. „Bei uns gibt es von Mord, Totschlag, Liebe, Leid, Schlitzohrigkeit, Kampf und Gesang, alles.“
Themen
behalten Aktualität
Dass das Bauerntheater dabei nicht an Aktualität verliere, wünschten sich Fritz und Priens Bürgermeister Jürgen Seifert. Die Themen seien oftmals die Gleichen, nur die Umstände anders im Vergleich zu vor 100 Jahren und heute. Seifert zufolge gilt zwar 1919 als offizieller Start der Priener Institution, aber das erste Schauspiel fand den Belegen zufolge schon 1884 statt. „Die Stücke sprechen den Zeitgeist an. Die Autoren haben den Menschen auf die Finger geschaut und das Zwischenmenschliche dokumentiert“, so Seifert.
Drei Monate Vorbereitung
Drei Monate Vorbereitung stecken in den jeweiligen Stücken, 70 Stunden Probenzeit für jeden plus Text lernen sei neben dem Beruf zu erbringen. „Da ist Leidenschaft für die Sache gefordert“, so Fritz. Er würdigte den Einsatz aller – teils über Familien und Generationen hinweg – sowie die Solidarität der Schauspieler und das brennende Feuer stellten bei der Vorpremiere zu „Der Geisterbräu“ 43 Akteure vor und hinter der Bühne unter Beweis. Und seit über drei Jahrzehnten treu an der Seite der Schauspieler: die Trautersdorfer Musik. Sie spielt vor und – ganz in Manier des Bauerntheaters – zwischen den Akten auf. „Mit den Musikern sowie zum Trachtenverein, der uns sein Heim öfters für Proben überlässt verbinden uns enge Freundschaften. Vergelt‘s Gott dafür“, betonte der Theatervorsitzende.
Gerade für die Spielleiter sei Fingerspitzengefühl bei Stückauswahl, Besetzung und der „Darstellerbetreuer mit ihren vielen verschiedenen Charakteren“ gefordert. Dass dies Josef Furtner vor Herausforderungen stellte untermauert folgender Beweis: „Wir haben vor dieser Vorpremiere zum Festabend genau einmal alle Akteure in einer Probe beieinander gehabt.“ Hat das der Aufführung irgendeinen Abbruch getan? Mitnichten.
Der eine oder andere leichte Texthänger – Souffleuse Irmi Furtner hatte alle Zeilen im Griff – fiel kaum auf und wurde im Gegenteil gekonnt und charmant überspielt. Allerdings hätte die Inszenierung in einigen Szenen etwas mehr Tempo vertragen können. Aber: Das Volksstück in sechs Bildern von Joseph Maria Lutz in der Priener Version bereitet überaus vergnügliche Stunden. Szenenapplaus dokumentierte dies mehrfach.
Schon das Intro mit Trauerzug durch den Saal zum Friedhof samt Musikkapelle und Standartenträgern sorgt für pietätvolle und zugleich erheiternde und mit mehr als einem Körnchen Wahrheit versehene Realität. Überhaupt wird der moralische Zeigefinger zwar immer wieder erhoben – aber auf unterschwellige und gut verpackte Art und Weise. Ein Beispiel hierfür: der Tratsch am Friedhof. Kleiner Gag nebenbei ist, dass der Priener Veteranenvorsitzende, Georg Fischer junior, im Stück quasi seinen Amtskollegen aus Burgberg mimt.
In der kleinen Ortschaft Burgberg spielt der „Geisterbräu“. Zum Inhalt: Der Unterbräu wird bei einem wohl sensationellen Herz-Solo, das er nicht mehr ausspielen kann, beim Schafkopfen durch einen Herzinfarkt aus dem Leben gerissen. Während seiner Beerdigung gehen bereits Gerüchte um, dass sein Lebenswandel nicht ganz einwandfrei war und er den Frauen und dem Alkohol frönte. Durch das Erscheinen der frivolen Tänzerin Lola (kokett: Veronika Geisler) beim Leichenschmaus nimmt die Schande für die Witwe (man leidet mit ihr: Brigitte Sperger) ihren Lauf. Die 500 Mark, die der Verstorbene als Mäzen der Dame noch schuldet führen nahezu zum Bankrott der Brauerei samt Gasthof. Noch beim Leichenschmaus buhlen die selbsterwählten Ehegatten-Anwärter um die Gunst der Unterbräuwitwe. Dies sind: Gymnasiallehrer Eichinger, Apothekenprovisor Körner und Postsekretär Schlegelberger (Franz Fritz, Martin Obermüller und Stefan Huber: jeder auf seine Art und Weise überspitzt und amüsant dargestellt). Das ist dem Braumeister (Christian Lackerschmid) alles andere als recht, meint er doch der richtige Nachfolger als Bräu und Ehemann zu sein.
Unterstützt von Schäfer Sixtus alias Klaus Kollmannsberger und der heimliche Star des Stücks geht es ans Geistern. Unterstützt wird er dabei vom Totengräber Geistbeck (Hans Wallner; herrlich skuril), der auf schräge Art und Weise an Freibier gelangen will und „a hui“ zum Schreck des Dorfes mutiert. Wie weit es dabei mit der Hilfsbereitschaft, der Ehr‘ und dem Eigennutz ist, davon kann sich jeder in den überaus empfehlenswerten Aufführungen überzeugen.