Prien – Der Advent, die „stade Zeit“, heißt es. Doch die Wahrheit sieht oft bei jedem anders aus. Stress und Zeitnot prägen das Miteinander. Entschleunigung versprechen dann die Weihnachtsfeiertage. Doch wie verbringt ein Pfarrer Weihnachten? Für ihn bedeutet der Advent und die Heilige Nacht eine besondere Zeit, die im Hochfest mit zahlreichen Terminen, Gottesdiensten, Messen und und und mündet. Pfarrer Klaus Hofstetter, zuständig für die Pfarrverbände Westliches Chiemseeufer und Bad Endorf, gab der Chiemgau-Zeitung einen Einblick in seine „stade“ Zeit.
Was steht alles rund um Weihnachten auf der Agenda eines Pfarrers und Seelsorgers?
Das sind unter anderem Adventsfeiern, Engelämter (Rorate), Messen, Gottesdienste, Friedhofsandachten, Besuche, Salbungen, seelsorgerische Tätigkeiten, besondere Veranstaltungen und und und. Aber: Wir sind ein neunköpfiges Team, teilen uns die Arbeit auf und haben im Vorfeld möglichst wenige Sitzungen von Gremien in die Vorweihnachtszeit gelegt. Der Teamgedanke ist mir wichtig. Gerade in unserem großen Pfarrverband kann ich nicht überall selber sein. Das passt auch, denn Gott ist nicht ein bestimmter kirchlicher Vertreter.
Sie haben dabei Ihre eigene „Odyssee“ zu Heiligabend hinter sich…
Ja, das stimmt. Ich hatte am ersten Advent bei Bad Endorf eine Autopanne und war eigentlich auf dem Weg zu einer Familie, deren Vater im Sterben lag. Da fragt man dann doch: „Warum Gott, gerade die Panne jetzt?“ Doch ich entschloss mich, die Situation im biblischen Sinne zu nehmen. Auch Maria und Josef hatten einen beschwerlichen Weg im Advent. Kaum war ich meinen Ärger los, kamen Lösungen. Die Familie holte mich ab, ich konnte noch zu dem Sterbenden. Das Auto ließ ich über Nacht stehen und bekam tags darauf ein Leihauto. Man muss Widrigkeiten als Chance sehen. Gott sorgt für einen. Die Menschen und die Menschlichkeit stehen gerade jetzt im Fokus.
Wie feiert eigentlich ein Pfarrer Weihnachten? Schließlich ist der Tag von mehreren Arbeitseinsätzen geprägt…
Heiligabend beginnt bei mir dieses Mal mit einer Frühmesse in der JVA Bernau. Dann gibt es eine spezielle Feierstunde zu Weihnachten im Medical Park Chiemsee. Nachmittags stehen Christmetten an, die Kindermetten überlasse ich meinen Kollegen. Ein gemeinsames Essen mit dem Kaplan ist schon Tradition. Etwa zwei Stunden feiere ich dann persönlich Weihnachten. Heuer, obwohl ich es sonst gerne habe, aber ohne klassischen Baum. Ich habe einen aus Treibholz und hänge den ganzen Advent über pro Tag Sterne und Kugeln daran. Ich schmücke quasi in Schichten. Nach der Christmette, meist gegen 0.30 Uhr lasse ich den Tag im Wohnzimmer bei meinem selbst gebauten Kripperl mit Pater Joschi und einem Glaserl ausklingen. Zum Runterkommen spiele ich dann auch gerne Zither. Aber nicht zu lange. Denn am ersten Weihnachtsfeiertag zelebriere ich die Frühmesse in Greimharting.
Was erklingt dann für ein Lied auf der Zither? Haben Sie ein Lieblingsstück zu Weihnachten?
Das ist eindeutig auf beide Fragen ,Stille Nacht, Heilige Nacht‘. Das spiele ich auf der Zither zweistimmig.
Und die Familie? Wann feiern Sie mit Ihren Verwandten?
Mit der engsten Familie, darunter meine Mutter und mein Bruder, wird am 25. Dezember Weihnachten begangen. Nach der Frühmesse in Greimharting fahre ich zu ihr. Wir verbringen den Tag zusammen. Ich bin nicht der große Schenker. Aber für meine Nichte und meinen Neffen habe ich natürlich etwas. Abends dann bin ich wieder in meinen Pfarrgemeinden im Einsatz. Am zweiten Weihnachtsfeiertag steht dann der Besuch der weiteren Verwandten an.
Kommen Sie noch zum „Durchschnaufen“? Bereiten Sie sich speziell auf die Adventszeit vor? Oder ist der Urlaub danach schon gebucht?
Ich habe vor dem Advent drei Tage frei und auch nach der Weihnachtszeit. Das tut mir gut und das brauche ich. Dabei brauch ich aber keinen Luxusurlaub, sondern genieße einfach gerne Zeit mit Freunden oder treffe mich mit anderen Priestern. In einer Ferienwohnung oder auf einer Hütte, das gefällt mir im Urlaub, da ich gerne selbst koche. Aber ein Tapetenwechsel zum Entspannen tut gut.
Was bedeutet Weihnachten für Sie?
An Weihnachten wird Gott Mensch. Er wird einer von uns. Weihnachten beziehungsweise dessen Botschaft ist jedoch nicht auf ein Datum begrenzt. Dies kann mitten im Alltag, im Urlaub oder in der Arbeit das ganze Jahr über der Fall sein.
Die eigentliche Bedeutung von Weihnachten contra Konsum ist ein Dauerstreitthema. Wie stehen Sie hierzu?
Weihnachten ist für Kinder wichtig. Dazu gehören die Vorfreude durch die Adventszeit hinweg, wie auch die Geschenke unterm Christbaum. Als Erwachsener kann man sich wiederum mehr auf die Bedeutung und die Geschichte konzentrieren. Ich will aber kein Moralapostel sein. Und nicht, dass eine Familie an Heiligabend auseinandergerissen wird, weil einer in die Kirche gehen „muss“. Wenn stattdessen das Miteinander, sei es beim Spielen oder gemeinsamen Musizieren, im Vordergrund steht, dann soll dies durch den späten Kirchgang abends nicht zerfleddert werden. Dennoch ist es immer beeindruckend, für wie viele Menschen es ein Ritual ist, Heiligabend in die Kirche zu gehen. Wichtig ist, dass wir erkennen, dass es uns nicht schlecht geht. Aber auch, dass wir so nicht weiterleben können. Stichworte sind hier Klimaveränderung, Gesellschaft und Rechtsextremismus.
Kommen Sie selbst noch zum Innehalten und dem Bewusstwerden der Adventszeit?
Innere Ruhe und zu Gott finde ich bei Gebetszeiten und Meditationen. Ein Entspannungsmoment ist für mich auch der tägliche Espresso mit einem Stück Schokolade. Regelmäßige Gymnastik und frische Luft sind für mich ebenfalls wichtig und oft Momente für eine Zwiesprache mit Gott.
Was ist Ihre schönste/kurioseste Erinnerung an Weihnachten?
Als vier- oder fünfjähriger Bub stehe ich mit hochrotem Kopf neben dem Christbaum und versuche angestrengt, eine Kerze auszupusten. Jedem Beobachter ist aber die Unmöglichkeit meines Unterfangens bewusst, handelt es sich bei der Kerze um ein elektrisches Modell.
Was wünschen Sie sich und ihren Pfarrgemeinden zum Fest?
Das Herz öffnen und weit machen. Sich befreien von äußeren Rahmenbedingungen.
Interview: Silvia Mischi