Das richtige Kraut zur rechten Zeit

von Redaktion

Wer in diesen Zeiten die Gunst der Stunde für einen ausgedehnten Spaziergang in freier Natur nutzt, kann sein grünes Wunder erleben. Die Priener Heilkräuterexpertin Ilona Baur verrät, was draußen wächst und uns gerade jetzt besonders guttut.

Prien/Traunstein – Die Wildkräuter sprießen. Sie beim Sparziergang durch Wald und Wiese zu sammeln, macht Kindern und Erwachsenen Spaß. „Aroma und Geschmack sind bei Wildkräutern besonders intensiv. Der Gehalt an Vitaminen, Mineralstoffen und sekundären Pflanzenstoffen, wie Saponine, Flavonoide oder Gerb- und Bitterstoffe, ist in Wildkräutern höher als in Kulturpflanzen. Es wird ihnen sogar eine gesundheitsstärkende Wirkung zugeschrieben“, erläutert Ulrike Birmoser, Ernährungsberaterin beim VerbraucherService Bayern im KDFB e.V. aus Traunstein. Nachweislich wirken zahlreiche wilde Pflanzen zudem antibakteriell und antiviral und werden daher seit frühester Zeit traditionell zu Heilungszwecken eingesetzt.

Mit Brennnessel die
Abwehr stärken

Eine, die sich mit den essbaren Frühlingsboten auskennt, ist die Priener Heilkräuterexpertin Ilona Baur. Normalerweise würde sie um diese Jahreszeit mit interessierten Pflanzenfreunden in der Natur unterwegs sein und ihnen Wesen und Wirkung von Wildpflanzen näherbringen – Kurse im Chiemgau sind zum Beispiel Ende April und im Mai geplant, wenn es dabei bleiben darf.

Baur will gerade in diesen Zeiten den Blick „auf die Geschenke öffnen, die uns die Natur anbietet.“ Wildkräuter, die jetzt wachsen, beinhalten Baur zufolge genau das, was die Menschen in der aktuellen Situation brauchen: Eine Fülle von natürlichen Antibiotika, welches das Immunsystem stärken kann, Gifte aus dem Körper ausleiten, Vitalkraft verleihen, den Geist anregen und obendrein ein Seelenpflaster für die belastete Psyche sein kann. Oft sei es so, sagt Baur, dass Wildkräuter mehr wertvolle Inhaltsstoffe besäßen als die uns bekannten Gemüsesorten.

„Stark unterschätzt wird etwa die Brennnessel.“ In der alteuropäischen Heilkräuter-Mythologie und der Pflanzen-Signaturenlehre wird ihre wehrhafte Erscheinung dem Planet Mars zugeordnet, ebenso wirkt sie abwehrstärkend auf den menschlichen Organismus. Ihre Vitamine und ihr Eisengehalt kräftigen das Immunsystem, Kieselsäure gibt Struktur, die Brennnessel reinigt Blut und Nieren. „Man kann die Blätter wie Spinat zubereiten oder daraus einen Tee aufgießen.“ Während die Brennnessel schon aufgrund ihrer Erscheinung Abwehr und Stärke signalisiert, möchte man ins zarte Gänseblümchen gern das Gegenteil hinein interpretieren. Weit gefehlt, sagt Baur: „Gänseblümchen wirken stark antiviral und antiseptisch und verfügen über einen hohen Vitamin-C-Gehalt.“ Überdies gelte sie als Seelenpflanze. Einfach auf der Wiese ein paar saubere Blütenköpfe in den Mund gesteckt oder über den mit Wildkräutern angereicherten Salat gestreut, kann die tägliche Portion ihre Wirkung entfalten.

Was Baur jedem sehr empfiehlt, ist der Giersch. Im Geschmack an Sellerie und Möhrenkraut erinnernd, liefert er beispielsweise viele Vitamine und wirke im Körper basenbildend, was ihn bei Übersäuerung, insbesondere bei Rheuma und Gicht, so wertvoll mache. „Man kann ihn klein schneiden und dem Salat beimengen oder unter die Gemüsebeilage mischen“, schlägt sie vor, „oder ihn als Zutat in den grünen Smoothie geben.“

Wie schon die frühen Heilkundigen wussten, ist auch Baur überzeugt: „Die Natur sorgt dafür, dass immer die Pflanzen besonders stark wachsen, die der Mensch gerade am dringendsten braucht.“ Das kann der Giersch im Garten gegen rheumatische Beschwerden sein. Ist eine ganze Gesellschaft wie jetzt von der Corona-Pandemie betroffen, bevölkern bestimmte Heilpflanzen mitunter großflächig die Umgebung.

Aktuell hat sich der stinkende Storchenschnabel ausgebreitet: „Er ist ein echtes Abwehrkraut“. Die schon im Mittelalter geschätzte Heilpflanze gehört zu den Geranium-Gewächsen. Im Chiemgau zeigt sich der Verwandte der Geranie, der demnächst kleine rosa Blüten ausbildet, überall in der Natur und im Garten. An eher trockenen Stellen, auch an Mauern und in Pflanzkübeln entdeckt man ihn. „Er wirkt unter anderem antiviral und antibakteriell, reinigt besonders die Schleimhäute“, weiß Baur. Die Blätter könne man über den Salat streuen, zum Wildkräuter-Pesto oder -öl geben, in Kräuterbutter einarbeiten.

Pflücken mit einem
gutem Gewissen

Ebenso stark antiviral, blutreinigend und ausleitend wirke Gundermann, auch Gundelrebe genannt. „Die himmelblauen Blüten öffnen den Geist und unterstützen die eigene Visionskraft, weshalb man auch Himmelsleiter zum Gundermann sagt“, erklärt Baur. Vielen Menschen fehle es in diesen schweren Zeiten an Leichtigkeit und Unbeschwertheit – die Blütenessenz der „Himmelsleiter“ bringe diese wieder zurück, was bereits Hildegard von Bingen gewusst und genutzt habe.

Baur rät vor allem Neulingen in der Wildkräuterküche, erst mal mit ein paar Blättern oder einer Handvoll Grünem anzufangen und sich bei Gefallen langsam zu steigern. Ein schlechtes Gewissen selbst beim reichlichen Pflücken brauche man übrigens nicht haben: „Alle genannten Kräuter wachsen bald nach, man tut nichts Falsches. Für manche, wie die Brennnessel, ist die Ernte sogar ein Impuls, noch stärker zu wachsen.“

Jetzt entdecken: Wilde Kräuter mit antiviralen Eigenschaften

Aktuell sprießen in freier Natur zahlreiche Wildkräuter, deren antivirale Eigenschaften belegt sind. Ilona Baur zählt auf, welche man jetzt draußen findet:

Bärlauch, Lauchgewächse wie wilder Knoblauch, Brunnen- und Gänsekresse, Barbara-
kraut, Gänseblümchen, stinkender Storchenschnabel, Gundelrebe, Spitzwegerich (gilt auch als lungenwirksam), Schafgarbe, Wiesen-Labkraut, kriechender Günsel, Knoblauchrauke, Dost (wilder Oregano), Goldrute, Löwenzahn, Brombeerblätter, Nelkenwurz, Meisterwurz (wächst vermehrt in höheren Lagen, Alpenraum) sowie junge Fichtenspitzen. Auch der eigene Garten bietet Platz für Heilpflanzen: Man könnte dort Meerrettich anbauen. Dieser stärkt, reinigt und wirkt antiviral. Genauso die Melisse, welche zudem das Nervensystem ausgleicht. Auch viele Wiesenkräuter finden sich im eigenen Garten.

Nur an sauberen Stellen („nicht an der Hundemeile“) pflücken und gut waschen.

Damit sich Inhaltsstoffe nicht verflüchtigen, empfehlen manche Experten, Kräuter erst bei der Zubereitung zu zerkleinern und im Ganzen aufzubewahren.

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