Früher Torflieferant, heute CO2-Speicher

von Redaktion

Warum die Naturschutzbehörde um die Renaturierung der Lienzinger Filz kämpft

Gstadt – Sie dienten einst der Landbevölkerung als Torfquelle, heute sind sie Naturschutzgebiete: Moore. Ein Bedeutendes seiner Art im Chiemgau ist das Hochmoor Lienzinger Filz in der Gemeinde Gstadt. Auf rund 160 Hektar – so groß wie 160 Fußballfelder – erstreckt es sich von Mooshappen in nordöstlicher Richtung bis zur Staatsstraße bei Stetten.

Um dieses spezielle Hochmoor dreht sich die Arbeit von Bärbel Gänzle aus Rimsting, Fachfrau für Naturschutz und Moorrenaturierung. Für die Untere Naturschutzbehörden Rosenheim und Traunstein besteht ihre Aufgabe seit zehn Jahren darin, Flächen des Moores im Namen des Landkreises zu kaufen oder zu pachten – „denn das Hochmoor ist ein immens wichtiger CO2-Speicher für die Region, und seine weitestgehende Renaturierung unser Ziel“, erklärt Gänzle. „Dies ist in besonderem Interesse aller kommenden Generationen.“ Hintergrund ist das Klimaschutzprogramm Bayern 2050, das im Jahr 2008 aufgelegt wurde.

Besitzer trennen
sich oft nur ungern

Rund 15 Tonnen klimaschädliches CO2 kann ein Hektar renaturiertes Moor im Jahr speichern, „und zwar für Tausende von Jahren, ohne dass es dabei wieder zu einer erneuten Freisetzung kommt“, schildert Gänzle.

Auch die Lienzinger Filz hat dieses Potenzial. Bisher erwerben konnte der Landkreis inzwischen 21 Grundstücke mit insgesamt 12,5 Hektar Moorfläche für eine spätere Renaturierung. Gänzle hofft, dass es noch mehr werden. Die Herausforderung dabei: „Das Torfmoor ist in zahlreiche, schmale und lange Teilflächen untergliedert, die in Privatbesitz sind. Ihr Ertrag ist heutzutage gering, manchmal sogar negativ – trotzdem können sich die Besitzer oft nicht leichten Herzens für einen Verkauf an uns entscheiden.“ Etwa, weil die Fläche traditionell in Familienbesitz ist und einen emotionalen Wert hat. Oder die darauf wachsenden Kiefern im Winter den Kachelofen heizen. Gänzles Auftrag ist vor allem, den Besitzern zu erklären, dass mit dem Verkauf und der Renaturierung ein großer Beitrag zum Klimaschutz vor Ort geleistet wird: „Es ist eine Art Pionierarbeit, wie in den 1980er-Jahren, als Umweltschützer Jutesäcke statt Plastik forderten – heute, fast 40 Jahre später, ist das Umdenken in den Köpfen angekommen. Die Renaturierung der Moore ist auch so ein Generationen-Projekt.“

In Unterlagen des Vermessungsamtes von 1814 ist verzeichnet, dass das Moor damals einen einzigen Eigentümer hatte. In einer Karte von 1856 dagegen ist das ganze Areal schon in 165 schmale Grundstücksstreifen aufgeteilt. Jeder Bürger der Gemeinde Gstadt, dazu viele aus Breitbrunn, besaßen damals einen Torfstich.

Um dieses Moorgebiet intensiver nutzen zu können, gründeten die Eigentümer zu Beginn des 20. Jahrhunderts einen Verband zum Zweck, das Gebiet zu entwässern und um befahrbare Wege zu erstellen.

Die damaligen Entwässerungsaktionen sind heute die Krux am Vorhaben der Renaturierung. „Damit das Moor effektiv und nachhaltig CO2 speichern kann, muss es vor allem wieder richtig feucht werden“, führt Fachfrau Gänzle an. Das Klimaschutzprogramm sieht daher eine maßvolle Entfernung von Fichtenbeständen sowie die Aufschüttung von Entwässerungsgräben vor.

„Der Moorwasserspiegel soll steigen; der Moorboden braucht Licht, damit das Torfmoor zum Wachstum angeregt wird. So kann es CO2 aus der Luft aufnehmen und in sich einlagern.“ Alle Moorpflanzen, die unter Wasser absterben, würden nicht verrotten, sondern als ewiger CO2-Speicher weiter bestehen. „Torfmoose sind in ihrer Struktur wie ein Schwamm, sie saugen Regenwasser auf, und dadurch kann der Moorwasserspiegel mit dem wachsenden Torfmoor in die Höhe steigen.“ Gleichzeitig entstünde so ein natürlicher Hochwasserschutz für die Umgebung. „Nicht zu vergessen der damit einhergehende Artenschutz.“

Gänzle: „Wer Moorflächen besitzt, kann einen wertvollen Beitrag für den Erhalt der Lebensgrundlagen zukünftiger Generationen leisten.“ Indem er sie zu ortsüblichen Grundstückspreisen zur Verfügung stellt – oder die Moorflächen selbst renaturiert.

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