Rimsting/Prien – Der bissige Schäferhund aus Rimsting, der am 8. Juni zwei Buben im Gartenweg angegriffen und einen von ihnen verletzt hat (wir berichteten), war schon vor diesem Vorfall aktenkundig. Bereits am 30. März hat er eine Joggerin in Bernau in den hinteren Oberschenkel gebissen. Die Frau aus Rottau meldete sich nach dem jüngsten Bericht in der Chiemgau-Zeitung: „Ich bin entsetzt. Dabei haben die Beamten, die damals zusammen mit dem Krankenwagen gekommen sind, gesehen, dass der Hund potenziell aggressiv ist.“ Sie habe die Polizei gebeten, möglichst schnell etwas zu tun. Das nächste Mal könnte der Hund ein kleines Kind beißen, habe sie die Beamten gewarnt – nichts ahnend, dass genau dies einen knappen Monat später geschehen würde.
Coach und spezielles
Training sollen helfen
Auch die Halterin des Schäferhundes hat sich nun zu Wort gemeldet. Es sei ihr ein ernstes Anliegen, den betroffenen Familien und auch der Joggerin nachträglich ihr Bedauern auszusprechen, so die Frau. Ihr Name, auch der Name der siebenjährigen Hündin, sind der Zeitung bekannt – nur sollen beide nicht genannt werden. „Es tut mir alles schrecklich leid“, bekräftigt die Rimstingerin, „ich kann die Vorkommnisse leider nicht rückgängig machen, aber ich tue im Moment alles dafür, dass das nie wieder passiert“. Wie sie auch Polizei und Ordnungsamt mitgeteilt habe, sei sie seit dem jüngsten Beiß-Vorfall, bei dem der fünfjährige Nathan verletzt wurde, mit ihrer Hündin bei einer speziellen Hundetrainerin.
Diese coache auch sie selbst als Halterin: „Es ist keine normale Hundeschule, sondern ein Verhaltenstraining“, betont die Frau. Es tue ihr und dem Hund gut. „Ich merke auch schon an meiner Hündin, dass sie erste Fortschritte macht.“ Sie sei nur noch „konsequent mit Leine unterwegs“, wende durch die Tipps vom Coach auch eine neue Leinentechnik an.
Arg zu schaffen mache ihr, sagt sie gegenüber unserer Zeitung, dass ausgerechnet ein Kind gebissen worden sei. Sie wolle „auf gar keinen Fall“, dass sich die Kinder aus dem Gartenweg nicht mehr auf ihren Spielplatz trauen. Der Familie des kleinen Nathan Weinland habe sie in diesen Tagen einen Entschuldigungsbrief eingeworfen, weil sie sie persönlich nicht angetroffen habe.
Mutter Nina Weinland hatte sich zuletzt schärfere Maßnahmen gegen die Halterin gewünscht. Wie Diensthundeführer Bernd Weber von der Polizei Rosenheim betont, könne der Hund der Frau aber nicht einfach weggenommen oder gar eingeschläfert werden: Etwas anders gelagert wäre der Fall, wenn es sich etwa um einen Kampfhund handelte. Die Halterin indes hängt an ihrem Tier. Es wäre ihr nie in den Sinn gekommen, die Hündin wegzugeben, sagt sie: „Ich habe sie als rumänischen Straßenhund bei mir aufgenommen. Sie hat schwierige Zeiten durchlebt, auch eine enge Bezugsperson verloren. Ich wünsche mir, dass sie eine Chance bekommt.“ Nicht zuletzt deswegen habe sie sich für ein spezielles Verhaltenstraining entschieden.
Den Vorwurf, sie sei zu alt für die agile Hündin, möchte sie nicht auf sich sitzen lassen. Sie sagt: „Mein Hund ist nicht von Grund auf aggressiv.“ Die Schuld dafür, dass das Tier Menschen gebissen habe, gibt sie sich selbst. Daran, dass die beiden Kinder und die Joggerin traumatisiert sind, kann sie allerdings nichts mehr ändern.
Bericht der Polizei
kam nicht an
Ihre Ängste seit dem Biss sind auch der Grund, warum die Rottauer Joggerin anonym bleiben möchte: „Ich traue mich nicht mehr an Hunden vorbei, kann nicht mehr auf meiner früheren Route laufen gehen und habe das Ganze immer noch nicht verarbeitet“, sagt sie. Die Narbe der vier Zentimeter langen Bisswunde vom 30. März schmerze immer noch. Ein Chirurg vom Priener Romed-Klinikum habe sie nähen müssen, zehn Tage lang war sie bei ihrer Hausärztin in Behandlung. Sie meint, es hätte verhindert werden können, dass nach ihr der kleine Nathan gebissen wurde.
Wie sich auf Nachfrage unserer Zeitung herausstellte, wurde der Vorfall vom 30. März von der Polizei Prien an die Rosenheimer Hundestaffel weitergeleitet. „Weil in jenen Tagen Corona in der Region besonders heftig gewütet hat, wurde damals der Hund nicht persönlich in Augenschein genommen“, erklärt Bernhard Schmidt, Leiter der Operativen Ergänzungsdienste Rosenheim. Es sei jedoch am 28. April ein ausführlicher Bericht zum Fall zurück an die Polizei Prien und das Rimstinger Ordnungsamt gegangen. Man habe das Ganze von Anfang an sehr ernst genommen. Nur in Rimsting scheint der per Post versendete Bericht nie angekommen zu sein: Wolfgang Dettendorfer vom Ordnungsamt zufolge hat man erst im Zuge der jüngsten Ermittlungen vom Vorfall im Gartenweg erfahren und auch, dass der Hund bereits aktenkundig ist.
Warum der Bericht der Hundestaffel nicht schon Anfang Mai bei ihm ankam, weiß Dettendorfer nicht. Nur: „Die Ermittlungen sollen bald zum Abschluss kommen. Dann wird klar sein, ob die bisherigen Maßnahmen ausreichen, oder ob es eine darüber hinausgehende Verordnung unsererseits gibt“, versichert er.