Ruhpolding – Nach zehn Jahren erfolgreichem Wirken in der Seelsorge verlässt Pfarrer Thomas Schmeckenbecher die Rauschberg-Gemeinde und zugleich den evangelisch-lutherischen Sprengel im südlichen Chiemgau. Schmeckenbecher wechselt von der Traun an den Lech, ins Dekanat Augsburg. Im Herzen der Fuggerstadt tritt der 44-Jährige bereits im August die Pfarrstelle in der Zentralkirche St. Ulrich an. Eine „einmalige Gelegenheit“ für ihn, „Gemeindearbeit und Pfarramtsführung verknüpfen zu können“, wie er sagt.
Man vermisst den Pfarrer jetzt schon
Außerdem reize ihn die langfristige Perspektive, an der Vorbereitung der 500-Jahr-Feier der „Confessio Augustana 2030“ wesentlich mitgestalten zu können. Im Übrigen ist Augsburg kein Neuland für ihn: Dort verlebte er die ersten sieben Jahre seiner Kindheit.
Die Nachricht, dass der charismatische und überaus beliebte Seelsorger seine Zelte in Ruhpolding abbricht, wurde nicht nur in der evangelischen Kirchengemeinde mit großem Bedauern aufgenommen. „Uns hat es förmlich den Boden unter den Füßen weggezogen“, beschreibt Barbara Christofori, die ehrenamtliche Sekretärin im Pfarrbüro, ihre Gefühle und die ihrer Kollegen im engeren Umfeld, als der Pfarrer seine Entscheidung bekannt gegeben habe. Sie sagte, die Tage darauf seien zu einem
„Wechselbad der Gefühle“ geworden. „Wir verlieren einen ausgesprochen liebenswürdigen, hilfsbereiten Chef, der uns jederzeit auf Augenhöhe begegnet ist“, schwärmt Christofori.
Auch für die katholische Schwesterpfarrei St. Georg stellt der Weggang einen Verlust dar. Pastoralreferent Georg Gruber, der mit Schmeckenbecher zusammen das Gedenken an „500 Jahre Reformation“ vorbereiten konnte, schätzt an ihm, „wie unkonventionell, kreativ und humorvoll er an die Dinge herangetreten ist“. Ein Ergebnis der ökumenischen Zusammenarbeit ist die gemeinsame Feier des Volkstrauertags, die auf Schmeckenbechers Initiative zurückgeht.
Eigentlich wollten Karoline und Thomas Schmeckenbecher in Ruhpolding bleiben, mindestens solange die Töchter Klara, elf Jahre, und Charlotte, zehn, das AKG in Traunstein besuchen.
„Aber so eine Chance bekommt man nur einmal im Leben, das ist wie ein Sechser im Lotto“, ist Schmeckenbecher, dem die Besetzungsstrukturen in seiner Amtskirche nicht unbekannt sind, überzeugt. Es klingt fast ein wenig schuldbeladen, schließlich weiß er nur allzu gut, was auf seine Familie, aber auch auf die Kirchengemeinde zukommt, die er „mit einem lachenden und weinenden Auge zugleich“ verlässt: „Doch nichts ist so beständig wie Veränderungen.“
Umso dankbarer sind sie für das Jahrzehnt in Ruhpolding, in dem sie Leben und Berufung „in einer so paradiesischen Umgebung“ verbinden konnten. Als Idealfall erwies sich dabei, dass sich Karoline Schmeckenbecher erfolgreich als Organistin und Leiterin des Gospelchors sowie des Kinder-Projektchors einbringen konnte. Auch im öffentlichen Leben gab es für die ganze Familie keine Berührungsängste; die Schmeckenbechers waren in Ruhpolding fest verankert, gehörten zum Dorfleben dazu. Da war es ganz selbstverständlich, dass der Pfarrer ehrenamtlichen Dienst schob am Biathlon-Schießstand während der Weltcups, seine Konkurrenten beim Schafkopfrennen schon mal unter den Tisch spielte oder die Töchter beim traditionellen Dirndldrahn eine gute Figur machten.
Freilich gab es in den vergangenen zehn Jahren auch so manche „Schleifspur“, vor allem dann, wenn Meinungsverschiedenheiten über das gewünschte Maß hinausgingen, blickt Schmeckenbecher, der auch als stellvertretender Dekan für die Landkreise Traunstein und Berchtesgaden tätig war, selbstkritisch zurück. „Ich kann austeilen, aber genauso gut einstecken“, charakterisiert er einen seiner Wesenszüge.
Ob Kirchengemeinde, Feuerwehr, Vereine, Freunde, Bekanntschaften, Mitarbeiter –all diese herzlichen und intensiv gepflegten Kontakte heißt es nun aufzugeben. Fehlen wird ihnen, wie alle vier unisono betonen, das idyllisch gelegene Pfarrhaus mit Gemeindezentrum und Garten, natürlich die Johanneskirche als geistiger Dreh- und Angelpunkt und der Chiemgau mit all seinen Facetten.
Nachfolger kommt erst im Frühjahr
Fehlen werden dem Pfarrer sicher auch die Gottesdienste mit den förderbedürftigen Schülern und Jugendlichen des Heilpädagogischen Zentrums: „Die strahlen eine unbekümmerte Herzlichkeit aus, das geht ganz tief ins Gemüt.“
Die nächsten Tage werden geprägt davon sein, deshalb steht auch keine große Abschiedsfeier auf dem Programm. Offiziell wird Schmeckenbecher am heutigen Samstag in der Johanneskirche durch Dekan Peter Bertram entpflichtet.
Bis die vakant gewordene Pfarrei wieder neu besetzt ist, wird es voraussichtlich bis nächstes Frühjahr dauern. In der Zwischenzeit werden sich Siegsdorfs Pfarrerin Anne-Katrin Streeck und Inzells Pfarrer Thomas Seitz die reduzierten Aufgaben teilen.