„Verhärten der Fronten“

von Redaktion

Die Hemmschwelle sinkt: Besonders online steigt die Zahl an Hassreden. Ziele sind am häufigsten Politiker, Flüchtlinge und Aktivisten. Aber nicht nur digital werden lokale Politiker angefeindet. In Bernau am Chiemsee gehen Bürger einen anderen Weg.

Bernau – Jede Gemeinde hat ihre Streitpunkte: In Rott ist es die Unterkunft für Geflüchtete, in Marquartstein waren es die Bauern-Proteste und in Neubeuern das Fällen der umkämpften Kastanien vom Marktplatz in den Morgenstunden.

Das Vorgehen der Gemeinden und ihrer Bürgermeister schlägt so manchen Bürger deutlich auf. „In einer Demokratie herrscht nie vollständige Einigkeit, denn Demokratie bedeutet auch immer Austausch und Diskussion“, sagt Rosenheims Landrat Otto Lederer.

Wohin Anfeindungen
letztlich führen

Ein Problem liegt nicht im Austausch, sondern auf welche Art und Weise er geführt wird: „Wichtig ist, dass diese Auseinandersetzungen mit friedlichen, demokratischen Mitteln geschehen. Anfeindungen führen hingegen zum Verhärten der Fronten“, so Lederer. Ein Treiber in der Veränderung der Diskussionskultur ist die Anonymität im Internet.

Oft mit „Hatespeech“
konfrontiert

Das Statistische Bundesamt stellte 2023 fest, dass sich mehr als ein Viertel der Internetnutzer mit „Hatespeech“ konfrontiert sahen.

Laut Statistischem Bundesamt zählen zu „Hassrede oder „Hatespeech“ Informationen oder Kommentare, die feindselig oder erniedrigend gegenüber Personengruppen oder Einzelpersonen sind.“

Nach der kürzlich veröffentlichten Studie „Lauter Hass – leiser Rückzug“ sehen Internetnutzer aggressive oder abwertende Aussagen am häufigsten gegen Politiker gerichtet.

Immer niedrigere
Hemmschwelle

„Je anonymer, desto niedriger ist die Hemmschwelle, was unsachliche Äußerungen angeht“, sagt Priens Bürgermeister Andreas Friedrich. Nicht alle anonymen Anfeindungen passieren allerdings im Netz.

Beschuldigungen sind
teils „Harakiri“

„Ich habe im Schreibtisch eine Schublade, da ist eine Ladung anonymer Briefe drin und die sind nicht alle schön“, sagt Bernaus Bürgermeisterin Irene Biebl-Daiber, „und so was belastet halt auch.“ Manche seien „Harakiri“ – „da regt sich einer auf, das ist okay“, sagt die Bürgermeisterin.

Wie „Stimmung
gemacht“ wird

„Anstatt sachliche und konstruktive Debatten zu führen, wird immer wieder mit pauschalen Verallgemeinerungen, Emotionen oder gar Falschinformationen Stimmung gemacht“, so Landrat Otto Lederer,

„Politikerinnen und Politiker werden gleichzeitig immer häufiger zu Projektionsflächen für Unzufriedenheiten.“

Die unsachlichen anonymen Briefe steckt Biebl-Daiber allerdings leichter weg. Mehr ärgern würden sie die sachlich gehaltenen Briefe: „Auf die hätte man gut zurückschreiben können und es hätte Antworten gegeben.

Sachliche Kritik
immer willkommen

Aber man kann dem Bürger die Antworten gar nicht geben, weil er anonym schreibt, und das ist so schade.“

Jeder, der Ideen oder Kritik habe, könne diese sachlich immer gerne anbringen.

Briefe in der
Schublade

In einem Großteil der Briefe in der Schublade der Bürgermeisterin geht es allerdings nicht um die Flüchtlingspolitik, die Energiekrise oder überregionale und globale Herausforderungen. Es sind die Bäume, die die Menschen beschäftigen und die Bürger in Aufruhr versetzen.

So kam es beispielsweise zu Beschwerden wegen gefällter Bäume im Kurpark oder am Strandbad im Chiemseepark Bernau-Felden.

„Wir sind ja immer
in der Kritik“

Gerhard Kintscher ist Gärtner der Gemeinde Bernau und zertifizierter Baumkontrolleur.

Er steht der Gemeinde beratend zur Seite und beurteilt die „Stand- und Bruchsicherheit“ der Bäume. Zweimal jährlich inspiziert er dazu jeden Baum – einmal im belaubten und einmal im unbelaubten Zustand.

„Ich bin eigentlich grundsätzlich gegen Fällen“, sagt der Spezialist. Habe der Baum allerdings einen fortgeschrittenen Pilzbefall oder eine andere tiefgreifende Beschädigung, gebe es keinen Ausweg.

„Wir sind ja immer in der Kritik“, sagt Kintscher, und viele Menschen sagen: „Mensch, lasst doch die Bäume stehen.“

Oftmals fehlt es den
Kritikern an Wissen

Wenn man ihnen allerdings erkläre, wie umfangreich die Beurteilung ist, heiße es immer: „Oh, das hätten wir jetzt aber nicht gedacht.“

Das Schlimme sei, „dass sich Menschen immer dann über ein Thema aufregen, von dem sie überhaupt keine Ahnung haben.“

Artikel 3 von 11