„Eine Willkommenskultur gab es damals nicht“

von Redaktion

Sudetendeutsche feiern 75-jähriges Jubiläum ihrer Ortsgruppe – Gut 100 Teilnehmer erscheinen bei der Festveranstaltung

Prien – Mit Musik der „Egerländer Blaskapelle Waldkraiburg“ und böhmischen Spezialitäten feierte die Ortsgruppe Prien der Sudetendeutschen Landsmannschaft nun im Priener Trachtenheim ihr 75-jähriges Bestehen und die Anerkennung der Sudetendeutschen als „Vierter Stamm Bayerns“ vor 70 Jahren.

„14 Millionen Deutschen wurde alles geraubt, aber nicht ihre Schaffenskraft“, so Obfrau Gabriele Schleich in ihrem Rückblick auf die Geschichte. Am 8. Oktober 1948 haben die Schlesier einen Verband gegründet, am 24. des Monats folgten die Sudetendeutschen. Die Teilnahme an Sudetendeutschen Tagen und regelmäßige Treffen in den zahlreichen Ortsgruppen im Landkreis dienten der Pflege der Dialekte und der Kultur. Erster Höhepunkt war die Anerkennung der Sudetendeutschen, die Pioniere des Vereinten Europas seien, als vierter Stamm Bayerns. Da die Mitgliederzahlen der Ortsgruppen sanken, schlossen sich viele Menschen der Ortsgruppe Prien an.

Prien wurde laut Bürgermeister Andreas Friedrich in der Zeit nach 1945 durch die Flüchtlinge und Vertriebenen, die rund ein Fünftel der damals 5600 Einwohner stellten, „bereichert und geprägt“. Den größten Anteil der Neubürger stellten die Sudetendeutschen mit 60 Prozent vor den Schlesiern mit 25 Prozent. Die Integration sei relativ problemlos gewesen, da Kultur und Religion identisch waren.

Steffen Hörtler sieht die erste Zeit der Sudetendeutschen in der neuen Heimat, die von diesen oft nicht als Heimat empfunden wurde, nicht nur rosig. „Eine Willkommenskultur gab es damals nicht“, so der Landesobmann der Sudetendeutschen Landsmannschaft. Auch sei es jetzt an der Zeit, die Geschichte lückenlos zu sehen. „Die Dekrete gelten noch, und das kann in Europa nicht sein“, so Hörtler zur Grundlage für die Vertreibung. Hoffnung setzt er auf die junge Generation in Tschechien. An den Gedenkveranstaltungen zum Todesmarsch von Brünn würden immer mehr einheimische Jugendliche teilnehmen.

Unter den gut 100 Teilnehmern der Festveranstaltung waren zahlreiche Angehörige der jungen Generation.

Ernst Böhm, der 1936 in Böhmisch Leipa geboren wurde, erinnert sich noch gut an die „wilde Vertreibung“ am 5. Juli 1945. Über Bad Schandau ist er nach Bayern gekommen, wo er als Heizungsbauer gearbeitet hat. Ingrid Kröff, Jahrgang 1938, erinnert sich: „Ende 45 wurden wir aus unserem Haus rausgeworfen und in ein Sammellager gesteckt.“ Im Juli 1946 wurde sie im Viehwagen in die Sowjetisch besetzte Zone transportiert. Im Dezember 1947 kam sie schließlich nach Bayern.

Hannelore Gruber, Jahrgang 1936, will, dass die Geschichte nicht in Vergessenheit gerät: „Ich habe alles aufgeschrieben.“ Ihre Vertreibung aus Sonneberg bei Böhmisch Leipa begann am 9. August 1945 und endete im April 1946 in Raubling. Sie hält auch Kontakt. „Ich war seither schon 21-mal in meiner Heimat.“ Nicht mehr an das Sudetenland erinnern kann sich Rainer Wicha, der 1944 in Troppau geboren wurde, aber dafür an die „furchtbare Zeit danach.“ Sein Vater, der Bankbeamter war, konnte in Bayern nur als Gleisarbeiter bei der Bahn Geld verdienen. Er selbst sei Lehrer und schließlich Schulleiter in Prien geworden.

Alfred Schubert

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