2000 Wanderer allein in Marquartstein

von Redaktion

Jeden Morgen und jede Nacht sind ehrenamtliche Helfer unterwegs und sammeln, was das Zeug hält. Die Chiemgau-Zeitung hat drei davon im Achental begleitet. Was sie motiviert und wie sie den schleimigen Gesellen helfen können.

Marquartstein – Anette Grimm fährt langsam mit dem Auto durch die Nacht. Obwohl der Abschnitt auf der Marquartsteiner Straße zwischen 20 und 6 Uhr auf 70 Kilometer pro Stunde beschränkt ist, fährt Grimm keine 50. Wer noch die Faustformeln aus der Fahrschule rezitieren kann, weiß, dass der Anhalteweg bei der Maximalgeschwindigkeit etwa 70 Meter beträgt. Zu lang. Das hat Anette Grimm im Hinterkopf.

Schleim auf der
Straße

Das Landratsamt Traunstein rät bei Amphibien auf der Straße: Geschwindigkeit verringern, „da sich durch überfahrene Tiere und entsprechende Witterung eine rutschige Schleimschicht auf der Straße bilden kann“, sagt Pressesprecher Mathias Heinrichs. Durch eine reduzierte Geschwindigkeit von 30 Kilometern pro Stunde schütze man auch die Amphibien, „da so kein größerer Unterdruck unter den Autos entsteht, der die Organe der Tiere schädigen kann.“ Das Landratsamt rät ab, selbst in der Dämmerung aktiv zu werden: „Lieber verständigt man nach Fahrtende die Straßenmeisterei oder beispielsweise die örtlichen Verbände, wie den Bund Naturschutz, dass auf dem Straßenteil eine größere Wanderung stattfindet.“

Um 22 Uhr an einem Dienstagabend geht die Biologin mit anderen Helfern des Bund Naturschutz (BN) der Ortsgruppe Achental ihrem Ehrenamt nach. Ein grüner Zaun, etwa 30 Zentimeter hoch, erstreckt sich über einige hundert Meter am Straßenrand. Grund hierfür ist ein kleiner Weiher abseits der Marquartsteiner Straße. „Zu ihm wandern jährlich etwa 2000 Kröten und Frösche“, meint Grimm. Sie haben sich in dem Gewässer von der Kaulquappe entwickelt und kehren dorthin zurück, um zu laichen.

Steigende Temperaturen und leichter Regen locken die Tiere aus ihren Winterquartieren. „Durch die bereits milden Temperaturen im Februar sind die Amphibien heuer so früh unterwegs wie noch nie in den vergangenen Jahrzehnten“, heißt es vonseiten des Bund Naturschutz. „Auf ihrer Wanderung wird es für sie besonders gefährlich, wenn sie eine Straße überqueren müssen. Daher sind bereits seit Ende Februar bayernweit wieder viele ehrenamtliche Helfer unterwegs“, erklärt Beate Rutkowski, stellvertretende BN-Landesvorsitzende und Kreisvorsitzende in Traunstein.

An einer Parkbucht am Straßenrand angekommen, trifft Anette Grimm Claudia Riess und Lukas Hartmann. Alle drei sind mit Stirnlampen, Einmalhandschuhen, Eimern, Gummistiefeln und Warnwesten ausgestattet. Gemeinsam gehen sie den Zaun ab. Die Amphibien werden an der Barriere entlanggeleitet und fallen in eingegrabene Eimer. Aus diesen holen sie die Helfer und transportieren sie in ihren Eimern über die Straße.

Das Thermometer zeigt sechs Grad Celsius an. „Zu trocken und zu kalt für die Tiere“, so Grimm, „man sagt, bei über fünf Grad wandern sie, aber meistens noch ein bisschen mehr.“ In der Nacht zuvor hatte es geregnet. „Gestern waren es 231, davon sechs Frösche“, sagt die Biologin. An dem Übergang in Marquartstein kommen überwiegend Kröten zusammen. „Mir wäre es heute ehrlich gesagt auch zu kalt als Kröte“, lacht Grimm. Heute werden es nur neun Amphibien sein.

Im Landkreis Traunstein organisiert der Bund Naturschutz schon seit den 90er- Jahren Amphibienschutzzäune. „Landkreisweit gibt es derzeit neun betreute Querungsstellen“, berichtet Wolfgang Selbertinger, Mitarbeiter der Unteren Naturschutzbehörde im Landratsamt Traunstein. Anette Grimm hilft seit etwa fünf Jahren beim Sammeln der Frösche im Achental mit: „Das ist einfach eine richtig sinnvolle Arbeit. Nicht am Schreibtisch sitzen, sondern einfach mal was machen“, sagt die Biologin, während sie den Zaun abschreitet. Zwischen den Laubblättern des letzten Herbstes sprießt frischer Bärlauch, der durch den Kontakt zu Gummistiefeln würzig duftet.

Im ersten Eimer am Zaun sitzt eine kleine Kröte. Wahrscheinlich ein Männchen: „Die Weibchen sind deutlich größer als die Männchen“, erklärt Grimm und sammelt das Tier ein. Einen Eimer weiter findet sie ein Pärchen. Ein Männchen hat sich auf dem Rücken des großen Weibchens festgeklammert. Zum Weiher ist es noch ein ganzes Stück, aber „die Männchen steigen auf, sobald sie eine Chance dazu bekommen“, sagt Grimm.

Die Biologin hebt das Paar behutsam in ihren Eimer. Der kleine Kröterich, der dort bereits auf seine Überfahrt zu den Laichgewässern wartet, wittert eine Chance und krabbelt auf das Zweiergespann. Das Männchen im Sattel akzeptiert allerdings keinen Nebenbuhler, stößt einen hochtonigen quietschenden Warnton aus und schiebt mit einem kräftigen Tritt seiner Hinterbeine den einsamen Junggesellen weg. „Es gibt viel mehr Männchen als Weibchen“, sagt Grimm.

„Etwa 50 Prozent der 20 in Deutschland lebenden Amphibienarten stehen aktuell auf der ‚Roten Liste der gefährdeten Arten‘“, so der Bund Naturschutz. In Bayern seien zehn von 19 Arten gefährdet. Rund 6000 freiwillige Helfer sind laut BN jedes Frühjahr in Bayern für Frosch & Co. im Einsatz und retten eine halbe Million Amphibien. Nach Anette Grimm werden an dem Übergang in Marquartstein jährlich gut 2000 Amphibien gesammelt. Dieses Jahr waren es schon über 1700. Der Großteil der Wanderung könnte demnach bald beendet sein. Die ersten Kröten seien auch bereits auf der Heimreise. Der Rückweg passiere allerdings nicht in so konzertierten Wellen.

Verändertes
Verhalten

Klimatische Veränderungen und eine intensivere Landwirtschaft schränken allerdings den Lebensraum der Amphibien in Bayern ein und sorgen für ein verändertes Wanderverhalten der Tiere. BN-Landesvorsitzende Beate Rutkowski fordert daher ein fest installiertes Amphibienleitsystem, „da die Wanderperioden immer länger werden und auch die Rückwanderer und Jungtiere im Sommer geschützt werden müssen.“

Nachdem die drei Ehrenamtlichen im Achental den Zaun an beiden Seiten abgegangen sind, bringen sie die Tiere in ihren Eimern zum Weiher. Damit ist ihre Schicht für heute beendet. In den Morgenstunden werden andere Helfer kommen und den Übergang wieder kontrollieren.

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