„Die Gesprächskultur hat sich verschärft“

von Redaktion

Interview Bürgermeister Hans Egger legt Amt nieder und spricht über seine Erfahrungen

Inzell – Er hat seinen politischen Werdegang in Inzell begonnen und ist dort geblieben – bis zum Amt des Bürgermeisters, das er zehn Jahre lang ausübte. Am 30. April wird sein letzter offizieller Arbeitstag sein. Er legt sein Amt zwei Jahre vor der nächsten Wahl ab und übergibt die Schlüssel der Gemeinde an seinen frisch gewählten Nachfolger Michael Lorenz.

Herr Egger, Sie blicken auf eine lange politische Karriere zurück. Welchen Weg sind Sie gegangen?

Ich bin seit 28 Jahren im Gemeinderat und jetzt zehn Jahre Bürgermeister. Davor war ich zwölf Jahre Zweiter Bürgermeister. Wobei, „politische Karriere“ würde ich nicht sagen. Ich bin kein Parteimitglied. Ich bin ein Bürger für Inzell und das habe ich auch immer so gesehen und gesagt: Man muss ja eigentlich für die Bürger in Inzell da sein und das Ganze parteiübergreifend möglichst gut handhaben. Und das, glaube ich, ist mir auch ganz gut gelungen.

Wie kam es dazu, dass Sie gesagt haben, Sie schließen sich keiner Partei an? Ist der Weg ins Amt dadurch nicht erschwert?

Ja, das ist durchaus möglich, aber wie gesagt, ich bin halt einfach kein Parteimensch. Ich kann da aus meiner Haut nicht raus. Ich engagiere mich gerne für die Gemeinde. Ich war ja lange Vorstand von der Musikkapelle Inzell und daran liegt mir natürlich etwas. Das war seinerzeit die Möglichkeit, für die „Bürger für Inzell“ in den Gemeinderat gewählt zu werden. Das war für mich die Möglichkeit, wo ich gesagt habe: Na gut, eigentlich parteiunabhängig und ‚Bürger für Inzell‘, das ist das Richtige für mich.

Wieso haben Sie sich jetzt entschieden, Ihr Amt bereits zwei Jahre vor der nächsten Wahl niederzulegen?

Das hing mit Personalentscheidungen zusammen, die 2026 vielleicht für eine schwierige Konstellation sorgen könnten: 2026 wird eine Schlüsselperson in der Gemeindeverwaltung aufhören. Wenn man zeitgleich als Bürgermeister aufhört, dann ist das natürlich für die Gemeinde nicht so einfach. So kann man jetzt einen geregelten Übergang mit einer gut aufgestellten Verwaltung schaffen.

Da muss ich meinem Team einen großen Dank aussprechen, weil es ein sehr vertrauensvolles Miteinander ist. Ich denke, für die Gemeinde ist es wirklich eine sehr gute Entscheidung und auch für mich. Ich habe zwei Jahre früher die Möglichkeit, dass ich es ein bisschen ruhiger angehen lassen kann.

Ist Ihnen die Entscheidung schwergefallen, das Amt niederzulegen?

Das war eine der schwierigsten Entscheidungen, bis man so weit ist, dass man sagt: Man geht den Schritt. Aber ich habe zehn Enkelkinder, die immer jammern, dass der Opa nie Zeit hat, und das sind halt so Sachen, die die Entscheidung ein bisschen leichter machen. Ich werde dieses Jahr 67 und ich denke, das ist jetzt eine gute Zeit.

Worauf freuen Sie sich, wenn Sie Anfang Mai in den Ruhestand gehen?

Eigentlich darauf, einmal keine Termine zu haben. Darauf freue ich mich wirklich. Und einfach auf die Zeit danach: Mit der Frau und der Familie Sachen unternehmen. Meine Familie hat mir tatsächlich immer den Rücken freigehalten und jetzt kann ich da wieder ein bisschen was zurückgeben. Und es ist auch schön, als Opa da sein zu können.

Welchen Hobbys wollen Sie jetzt nachgehen?

Ich spiele gerne Musik, auch in der Musikkapelle Inzell. Ich bin Motorradfahrer und habe ein paar Oldtimer. An denen sollte zum Teil etwas geschraubt werden, das ist die vergangenen zehn Jahre auf der Strecke geblieben. Ich betätige mich auch gerne handwerklich rund um Haus und Garten. Und Freizeitsport natürlich.

Ihnen wird also erst mal nicht langweilig werden?

Nein, da habe ich absolut keine Sorge. Das ist bei den meisten so, dass sie fragen: Hans, was machst du jetzt dann? Dann sage ich: Ihr braucht euch wirklich keine Sorgen zu machen, ich habe mehr als genug zu tun.

Ihr Nachfolger, Michael Lorenz, wurde ohne Gegenkandidaten gewählt. Warum glauben Sie, wollte sich sonst niemand als Bürgermeister aufstellen?

Michael Lorenz hätte 2026 sowieso kandidieren wollen, und bevor ich die Entscheidung endgültig getroffen habe, habe ich natürlich mit ihm gesprochen und ihn gefragt, ob er sich vorstellen könnte, schon vorzeitig zu kandidieren. Erst als ich das Okay bekommen habe, habe ich dann den Schritt bekannt gegeben. Warum sich sonst keiner zur Wahl hat aufstellen lassen, kann man schwer abschätzen.

Sie haben 28 Jahre Erfahrung in der Lokalpolitik sammeln können. Haben Sie während dieser Zeit eine Veränderung im gesellschaftlichen Diskurs und in der Diskussionskultur feststellen können?

Ich sage mal, die Gesprächskultur hat sich irgendwie verschärft. Das merkt man besonders seit Corona in der ganz normalen Bevölkerung. Da muss man ein bisschen aufpassen, weil jetzt wird zum Teil jedes Wort, das man sagt, auf die Goldwaage gelegt. Der Ton ist aggressiver geworden.

Was mir bei der Presse zum Teil deutlich auffällt, ist, dass oft – ich nenne es mal reißerische Überschriften und Schlagwörter genommen werden. Wenn man dann den Beitrag weiter durchliest, dann sagt man: „Ja gut, der Beitrag an sich ist eigentlich so weit in Ordnung.“ Viele lesen aber nur die Überschrift und die ersten drei Zeilen auf ihrem Handy.

Wie lassen sich Probleme von Bürgern lösen, wenn der Ton viel schärfer geworden ist?

Zum einen muss man natürlich Verständnis aufbringen und versuchen, auf einen vernünftigen Nenner zu kommen. Manchmal ist wirklich die Stimmung relativ aufgeheizt. Wenn man dann ganz normal ins Gespräch kommt und eben auch vielleicht Interesse oder Verständnis zeigt, dann kommt man ganz gut voran.

Welche schönen Erinnerungen fallen Ihnen spontan zu Ihrer Amtszeit ein?

Vielleicht gleich 2014, weil da war bei uns der Bundesparteitag von der Jungen Union, da ist die Angela Merkel seinerzeit als Bundeskanzlerin bei uns in Inzell gewesen. Das war als ganz frisch gewählter Bürgermeister schon ein besonderes Ereignis.

Oder ich durfte einer Frau zu ihrem 103. Geburtstag gratulieren. Sie hatte kurz vorher noch einen Unfall gehabt, ist aber wieder gut genesen. Beim Gratulieren hat sie mich am Arm genommen und gesagt: „Ach Herr Egger, ich denke, ich brauche jetzt eine Haushaltshilfe, alleine schaffe ich es jetzt nicht mehr.“ Das sind so Erinnerungen.

Ich bin nach wie vor einfach immer gerne unter den Leuten. Ich gehe auch ab und zu am Sonntag zum Frühschoppen, wo man sich einfach ganz normal mit den Leuten unterhält. Ich habe das Amt wirklich gerne gemacht, mache es auch jetzt noch gerne und kann wirklich auf eine sehr schöne Zeit zurückblicken.

Interview: Helmuth Wegscheider

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