Seeon-Seebruck – Dass der Seeon-Seebrucker Gemeinderat mit großer Mehrheit hinter dem geplanten Wohnhof-Projekt in der Seestraße in Seeon steht, wurde in der jüngsten Sitzung einmal mehr deutlich. Bei zwei Gegenstimmen billigte das Gremium den überarbeiteten Planentwurf sowie den Vorhaben- und Erschließungsplan. Gleichzeitig wurde die Durchführung der Öffentlichkeits- und Behördenbeteiligung abgesegnet. Das Bauleitverfahren für ein Mehrfamilienhaus mit Pflegeeinrichtung auf dem Grundstück des ehemaligen klösterlichen Gerichtsdienerhauses läuft seit über drei Jahren. Es gibt aber auch Kritiker in der Bürgerschaft, die trotz Überarbeitung der Planentwürfe die Dichte und Massivität des geplanten Bauwerks beanstanden.
Fortwährende
Planänderungen
Wie wiederholt berichtet, soll auf dem Grundstück in der Seestraße eine Wohnanlage mit Pflegestützpunkt entstehen. Der aktuelle Planentwurf sieht zwei Gebäude mit 17 Wohneinheiten zwischen 50 und 145 Quadratmetern sowie ein Büro für den Pflegedienst vor. Von den 43 Stellplätzen sollen 39 in einer Tiefgarage untergebracht werden. Oberirdisch sind drei Kfz-Stellplätze vorgesehen und ein öffentlicher Carsharing-Stellplatz mit Ladestation im Bereich der Tiefgarageneinfahrt.
Der in der Sitzung anwesende Stadtplaner und Architekt Max Wüstinger erinnerte an die fortwährenden Planänderungen. Nicht nur der geplante Turm sei niedriger geworden, auch die Riegelwirkung des Gebäudekomplexes sei durch die Aufteilung in zwei Gebäude aufgelockert worden, sagte Wüstinger. Der ganze Prozess beinhaltete auch eine Reihe von Untersuchungen: Neben einer schalltechnischen Berechnung und einer verkehrsgutachtlichen Stellungnahme sowie einem Artenschutzgutachten, mussten auch geotechnische Stellungnahmen eingeholt werden.
Bevor sich die Gemeinderäte zu Wort meldeten, machte Bürgermeister Martin Bartlweber (FW) auch wegen der Kritik von außen deutlich, weshalb der Gemeinderat hinter dem Projekt stehe. Grundsätzliches Ziel sei die Schaffung von Wohnraum, sagte Bartlweber. Von Vorteil sei auch, dass es sich um einen einheimischen Bauherrn handle und somit auf dem Grundstück kein Spekulationsprojekt geschaffen werde. Des Weiteren teilte er mit, dass auch der Öffentlichkeit die Zugänglichkeit zu dem Gesamtensemble und den Blick auf den Seeoner See ermöglicht werden soll. Die Nutzung in Form eines öffentlich zugänglichen Gemeinschaftsraums mit Dachterrasse, einem öffentlichen WC und einer Durchwegung des Grundstücks müsse aber zwischen der Gemeinde und dem Bauherrn vertraglich gesichert werden.
Ebenso vertraglich festgelegt werden muss, dass sich nur ein Pflegedienst niederlassen darf und die Wohnungen lediglich vermietet und nicht verkauft werden dürfen. Bartlweber hielt auch nicht hinterm Berg, dass es sich um eine dichte Bebauung handle. Aber eine sozialgerechte Bodenpolitik sei auch in der Gemeinde Seeon-Seebruck ein wichtiges Thema.
„Grundsätzlich brauchen wir Wohnraum und wir haben hier private Investoren, die das für die Gemeinde machen wollen, räumte Sepp Daxenberger (CSU) ein. Der Gemeinderat sei auch auf die Befürchtungen der ursprünglichen Bebauung eingegangen. So sei jetzt er Turm niedriger als das benachbarte alte Schulhaus. Er warnte vor einer weiteren Abspeckung des Projekts: „Wenn wie auf noch weniger Wohnraum drängen, wird es noch teurer“, so Daxenberger, der bei seinem Statement, in dem er auch von bezahlbarem Wohnraum sprach, von kopfschüttelnden Zuhörern im Saal, die offenbar an einen bezahlbaren Wohnraum zweifeln, unterbrochen wurde. Bürgermeister Bartlweber lenkte ein und rief zur Ordnung auf, worauf sich alle wieder beruhigten.
Das Projekt sei unterstützungswürdig, sagte Michaela Losbichler (Grüne). Wichtig sei es, mit Pflegediensten in der Gemeinde in Kontakt zu treten. Um das Gemeinschaftsgefüge der Wohnanlage zu unterstützten, schlug sie einen Spielplatz und einen Grillplatz vor.
Wohnraum ja, aber nicht um jeden Preis, so lautete die Devise von Sabine Pfaffenzeller (FW). Die Seeonerin zählte die aktuell geplanten Wohnbauprojekte in Seeon und Truchtlaching auf und stellte die Frage: „Müssen wir denn so viel Wohnraum schaffen?“ Dabei gab sie zu bedenken, dass bei der Fertigstellung der Bauprojekte auch die Infrastruktur, wie Kindergärten, Verkehr oder Abwasserentsorgung vorgehalten werden müssten. Gleich zu Beginn räumte sie ein, dass sie noch nicht wüsste, wie sie sich entscheiden werde. Letztendlich entschied sie sich neben Clemens Kronast (FW) gegen den Beschlussvorschlag.
Am Rande der Gemeinderatssitzung kritisierten Bürger aus Seeon die massive Nachverdichtung. Das Baurecht sei immens ausgereizt worden. Dichte und Massivität des geplanten Bauwerks und die erhöhte Lage würden unzweifelhaft hinsichtlich des Ortsbildes von Seeon einen auf Generationen hinaus nicht mehr gut zu machenden Schaden darstellen, beklagten Bürger gegenüber der Chiemgau-Zeitung.
Wohnburg
mitten im Dorf
„Wir haben nichts gegen eine moderate Verdichtung oder die Architektur. Aber der Klotz ist weithin sichtbar und stellt eine Bausünde dar“, erklärte Dr. Helmut Wittmann. „Ein städtebauliches Fiasko, ohne Rücksichtnahme auf die Nachbarn“, kritisierte Sepp Binder. Er könnte sich elf Wohnungen ohne Turm vorstellen.
Durch den 15 Meter hohen und weithin sichtbaren Turm mit einer Grundfläche von 84 Quadratmetern und öffentlicher Besucherterrasse erhalte das Bauwerk den Charakter einer Wohnburg mitten im Dorf. Dies stehe im krassen Gegensatz zur Geschichte und Landschaft um den Klostersee.