Traunstein – „Schnell zum Holzer Haus, die Nazis woll’n den Jud Holzer vertreiben!“ Viele Traunsteiner Bürger und auch der damalige Bürgermeister hätten sich in der Pogromnacht schützend vor die Holzers gestellt, um die Viehhändlerfamilie vor den Nazis zu beschützen. So begann die jüngste Lesung zur Buchvorstellung im Rathaussaal in Traunstein. Es ist ein Märchen.
„Die Wirklichkeit sieht anders aus“, mit diesen Worten zerstört Friedbert Mühldorfer die Illusion einer Geschichte mit gutem Ausgang. 150 Menschen waren gekommen, um bei der Vorstellung und Lesung seines neuen Buches dabei zu sein: „Aus Traunstein freiwillig verzogen…“ – die Vertreibung der jüdischen Familie Holzer in der Pogromnacht 1938. Nach einer Begrüßungsrede der Zweiten Traunsteiner Bürgermeisterin Walburga Mörtl-Körner und Danksagungen des Autors an Förderer und Unterstützer des Buches beginnt Kristin Schirmer vorzulesen.
Am Anfang
steht ein Märchen
Die Einleitung des Buches, eine schöne Happy-End-Geschichte – wie die Traunsteiner in der Pogromnacht alle zusammenhalten gegen die Schergen der SA, wie sie die jüdische Familie Holzer beschützen und wie dieser letztlich die Ausreise gelingt und somit alle überleben. Sie ist von Friedbert Mühldorfer erfunden. Die meisten im Raum wissen, dass es so nicht war.
„Es hätte aber so laufen können, das wäre eine Möglichkeit gewesen, hätte man gewollt“, so Mühldorfer. Noch in den 1950ern steht Verdrängung statt Aufklärung auf der Agenda Traunsteins. Auf Anfrage von staatlicher Seite zur Zahl der in Traunstein zur NS-Zeit lebenden Juden und deren Verbleib antwortet die Stadt in Bezug auf die Familie Holzer, sie seien „freiwillig verzogen“.
Der Historiker Friedbert Mühldorfer beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Widerstand und Verfolgung im Nationalsozialismus, insbesondere auch im Landkreis Traunstein. Er organisiert Gedenkveranstaltungen, initiiert die Errichtung von Gedenktafeln und Mahnmalen. Sein neuestes Buch gibt den verfolgten und vertriebenen Traunsteiner Juden ein Gesicht, eine Geschichte, die nicht vergessen werden soll.
„Die Recherchen waren sehr mühsam.“ Es seien fast alle Dokumente, alles Belastende bereits im April 1945 vernichtet worden. Mühldorfer spricht am Donnerstagabend auch über sein schlechtes Gewissen. Hätte er sich speziell mit diesem Thema schon früher auseinandergesetzt, wären vielleicht noch persönliche Gespräche mit Zeitzeugen möglich gewesen. Andererseits habe er so nach langer Zeit zufällig noch Verwandte der Holzers in den USA gefunden, die zumindest einige Dokumente und Fotos bereitstellen konnten. Wer waren die Holzers? Was hat sich wirklich in der Pogromnacht in der Kernstraße in Traunstein abgespielt und was wurde danach aus der Familie?
Sie ziehen zur Jahrhundertwende aus Baden ins beschauliche Traunstein. Hier gibt es zwar keine jüdische Gemeinde, keine Synagoge, aber dafür viel Landwirtschaft und Viehhaltung, gut für die Viehhändlerfamilie. Als Erstes lässt sich Ludwig Louis Holzer in Traunstein nieder. Fünf Jahre später steigt sein Bruder Willy in das Geschäft mit ein. Sie heiraten jeweils die jüdischen Schwestern Bertha und Fanny. Im Ersten Weltkrieg werden beide Brüder eingezogen, ihre jeweiligen Ehefrauen Bertha (+1922) und Fanny (+1936) sterben in den Folgejahren. Als sich die Wirtschaft nach dem Krieg erholt, etablieren die Holzers ihren Viehhandel zu einem der größten in der Region und sind angesehene Geschäftspartner.
Es hätte nach der Machtübernahme der Nazis viele Schikanen geben: Ein Kapitel im Buch beschäftigt sich auch detailliert mit der Entwicklung nach der Machtübernahme Hitlers von 1933 bis 1938. Die Holzers, so Mühldorfer am Lesungsabend, hätten immer wieder gehofft, dass der Spuk vorübergehe. Eine Flucht ins Ausland sei schwer möglich gewesen, habe sich die Familie ja vor Ort mit Viehhandel einen Namen gemacht. So bleiben die Holzers bis zur schrecklichen Nacht des 9. Novembers 1938. „Traunstein muss judenfrei werden“, steht in einer Randnotiz am 9. November in den „Traunsteiner Nachrichten“. In der Nacht ergehen Funksprüche an NSDAP- und SA-Stellen im ganzen Reich mit der Aufforderung, „spontane Volkswut“ gegen Juden zu organisieren.
Worten folgen Taten, auch in Traunstein: „Vor dem Haus der Holzers beginnen bis zu 40 SA-Männer und Parteileute noch vor Mitternacht mit dem Lärmen und Grölen“, erzählt Friedbert Mühldorfer im Kapitel zur Pogromnacht in Traunstein. Schüsse wären gefallen, einige Männer seien in das Haus der Holzers eingedrungen. Der Ablauf des Abends rekonstruiert sich, so Mühldorfer im Buch, vor allem über Aussagen im späteren Verfahren gegen den NSDAP-Mann Franz Werr, Leiter des damaligen Traunsteiner Naziblattes „Traunsteiner Nachrichten“.
In weiterer Folge flieht die Familie Holzer nach München zu Verwandten, ihr Besitz wird ihnen genommen, eine Flucht ins Ausland, die große Hoffnung der Familie, ist nicht mehr möglich. Clara Holzer, die Tochter von Willy und Fanny, hat großes Glück. Sie ist zufällig zu dieser Zeit bereits zu Besuch in Frankreich, kehrt von dort nicht zurück und emigriert letztlich in die USA.
In München folgt nach Zwangsarbeit die Deportation: Willy Holzer, Vernichtungslager Treblinka, in der Gaskammer ermordet. Ludwig Holzer stirbt im KZ-Theresienstadt. Benno, Alfred und Martha Holzer, Cilly Holzer, jetzt Spatz und ihr Sohn Wilhelm – Deportation nach Kaunas in Litauen – mit Maschinengewehren hingerichtet. Max Holzer, nach langem Gefängnisaufenthalt, stirbt in Auschwitz. Hedwig Holzer, vergast in Auschwitz. Fast die ganze Familie wird ausgelöscht. Hanna und Ilse Holzer überleben durch Flucht beziehungsweise Heirat mit einem nicht-jüdischen Mann.
Fast die ganze
Familie stirbt
Friedbert Mühldorfer erzählt in seinem Buch nicht nur die Geschichte der Traunsteiner Familie Holzer und anderer Traunsteiner Jüdinnen, sondern auch, wie sich Hass und Hetze in einer Gesellschaft festsetzen können. „Gerade in Zeiten, in denen die Sprache des NS schon wieder öffentlich gesprochen wird“, mahnt an diesem Abend auch die stellvertretende Bürgermeisterin, sei die Erinnerung wichtiger denn je.
Und so endet die Lesung des Abends mit einem Foto einer Lichterkette in Traunstein Anfang des Jahres mit dem Motto: „Nie wieder ist jetzt.“