Callboys schweigen vor Gericht

von Redaktion

Ein geplantes Sex-Wochenende in Prien hatte für einen 69-Jährigen ein übles Ende. Er wurde bedroht, erpresst und ausgeraubt. Doch die Angeklagten bestreiten, Gewalt angewandt zu haben.

Traunstein/Prien – Stammten die leichten Blessuren eines 69-Jährigen von einer Gewalttat in seiner Zweitwohnung in Prien oder von „einvernehmlichem Sex“ mit Callboys? Das ist die Frage im Prozess der Ersten Strafkammer am Landgericht Traunstein mit Vorsitzender Richterin Heike Will gegen einen Venezuelaner (23) und einen Jamaikaner (32) wegen erpresserischen Menschenraubs, besonders schwerer räuberischer Erpressung, besonders schweren Raubs und gefährlicher Körperverletzung, der gestern weiter verhandelt wurde.

Der Geschädigte hatte am 21. Juni 2024 Anzeige bei der Polizeiinspektion Prien erstattet. Den Sachverhalt übernahm Staatsanwalt Florian Jeserer in der Anklage. Demnach holte der 69-Jährige den 23-Jährigen, den er für ein Online-Dating gebucht hatte, am Abend des 20. Juli 2024 am Bahnhof Prien ab. In der Wohnung soll der Angeklagte dem Mittäter heimlich die Wintergartentür geöffnet haben. Die Beiden sollen den Geschädigten mit einem Messer bedroht, den Mund verklebt und mit Handschellen und Klebeband gefesselt haben. Dazu musste er eine Schlafmaske über die Augen ziehen.

Ziel der Tat war es nach Angaben des 69-Jährigen, ihm die PIN für PayPal-Geschäfte abzupressen. Rücke er diese nicht raus, werde man ihm den Penis abschneiden, sollen die Täter gesagt haben.

Zwei Überweisungen in Höhe von insgesamt 700 Euro sollen auf diese Weise auf das Konto des 23-Jährigen erzwungen worden sein. Nach sechs Stunden sollen die Angeklagten dem Opfer die Fesseln abgenommen haben. Auf der Flucht nahmen sie auch Uhren und Schmuck im Wert von rund 27000 Euro sowie 700 Euro in bar, acht Parfums und ein Handy mit.

Beide Tatverdächtigen konnte die Polizei am 26. Juni vergangenen Jahres in einem Hotel im Frankfurter Bahnhofsviertel festnehmen. Dort wurden neben dem Diebesgut aus Prien auch Handschellen sichergestellt.

Ein Polizist aus Prien erinnerte sich, der Geschädigte habe in der Dienststelle zuerst „rumgedruckst“, dann aber den Sachverhalt geschildert. Mit dem 23-Jährigen habe der Anzeigeerstatter Wochen vorher bereits Kontakt gehabt. Eine Rosenheimer Kripobeamtin sicherte in der Wohnung Spuren wie Fingerabdrücke und Genmaterial an Stellen, die die Täter berührt haben mussten – an der Tür des Wintergartens, im Schlafzimmer, im Bad, im Wohnzimmer, an Möbelstücken und anderen Gegenständen. Am Klebeband, an Dusche und Waschbecken, an Gläsern und Flaschen – vielerorts wurde die Polizeizeugin damals fündig. Viele Spuren, auch an den Handschellen, konnten später Sachverständige den Angeklagten zuordnen.

Nach der Festnahme hatte der 23-Jährige geschwiegen. Der 32-Jährige indes bestätigte bei der Festnahme das Geschehen zum Teil. Allerdings behauptete er, man habe keine Gewalt angewendet, sondern – wie mit den Fesseln – quasi Wünsche des Geschädigten erfüllt. Der 69-Jährige habe, so der 32-jährige Angeklagte, die beiden über Nacht gebucht und jedem 500 Euro versprochen. Die Wertgegenstände habe man mitgenommen, weil frühere Kunden Paypal-Überweisungen rückgängig gemacht hätten, begründete der 32-Jährige. Vor Gericht beriefen sich beide Angeklagte auf ihr Schweigerecht.

Zur Aussage des 69-Jährigen am dritten Prozesstag unter Ausschluss der Öffentlichkeit wurde nichts bekannt. Die Verteidiger haben bereits beantragt, den Geschädigten nochmals zu laden.

Die Verhandlung geht am Dienstag, 1. April, um 9.30 Uhr weiter. Mit dem Urteil wird im Juni gerechnet.

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