Geheimnis unter Traunsteins Rathaus

von Redaktion

Bauarbeiter stoßen auf vergessenen Brunnenraum – Stadtarchivar ordnet Fund ein

Traunstein „Zuerst hat man gedacht, es sei etwas Kirchliches“, erinnert sich Stadtarchivar Franz Haselbeck. Ende der 90er-Jahre soll das Traunsteiner Rathaus umgestaltet werden. Dann ein rätselhafter Fund: An der Nordseite des Gebäudes werden bei den Bauarbeiten Überreste eines Raumes entdeckt. Direkt unter dem heutigen Gehweg vorm Rathaus schlummerte ein Stück Traunsteiner Geschichte, verschüttet, vergessen.

Gotisches Gewölbe
und Vermutungen

„Wir müssen im Nebengebäude in den Keller, der Hausmeister bringt uns hin.“ Der Traunsteiner Stadtarchivar Franz Haselbeck sei selbst schon länger nicht mehr dort unten gewesen, erzählt er bei unserem Treffen. Hausmeister Herbert Kraller hat den Schlüssel, kennt den Weg: Über eine Treppe und mehrere Gänge gelangt man schließlich in einen Raum mit großer Holztür. Dahinter beginnt die Zeitreise.

„Da hat man am Anfang nicht gewusst, was das überhaupt ist“, erzählt Stadtarchivar Franz Haselbeck. Erste Vermutungen des Landesamts für Denkmalpflege gehen bei dem gotischen Gewölbe von einem kirchlichen Raum aus: „Durch die schöne Architektur, durch diese verbliebenen gotischen Bögen“, so Haselbeck. Er selbst bezweifelt die These schon damals, da Quellenhinweise auf einen klerikalen Ort fehlen. Der aufgefundene Raum ist circa 17 Quadratmeter groß und befindet sich auf Höhe des Chores der Stadtparkkirche Sankt Oswald. Die Längsseite schließt direkt an die nördliche Kelleraußenwand des ehemaligen Salzmaieramtes an. In der Mitte des Raums ist eine niedrige, halbkreisförmige Ummauerung zu sehen: Und die verrät letztlich die Funktion. Es ist die Einfassung eines ehemaligen Brunnens: „Das konnte dann auch durch technische Experten verifiziert werden: Es ist eindeutig ein Brunnenhaus.“ Es handelt sich um einen Außenkeller eines Vorgängergebäudes, der teilweise den Brunnen in sich aufnahm. „Man sieht es ja heute noch – der Brunnen war zur Hälfte in den Keller gerichtet und nach oben vorgesetzt, sodass der Bürger von außen Wasser schöpfen konnte“, erläutert Haselbeck. Das Ergebnis: eine Mischform aus öffentlichem und privatem Brunnen. „Denn Brunnen waren damals nicht nur zur Zierde da“, erklärt er weiter, sondern zur Wasserversorgung. Hier konnte also auch der normale Bürger seinen Durst stillen. Warum wurden Brunnen überhaupt in Keller gebaut? „Weil es Tiefbrunnen waren. Man war vom Keller aus schon näher am Grundwasser dran“, erklärt Haselbeck. In einigen alten Bürgerhäusern in Traunstein finde man noch heute solche Keller, manche würden laut Haselbeck sogar noch Wasser führen. Durch massives Gestein und Geröll bis zum Grundwasser graben, schon heute eine technische Herausforderung, damals doch fast unmöglich?

„Ich wundere mich oft, welch unglaublich technisches Können und welche Handarbeit damals schon vorhanden waren.“ Die Motivation für diese immense Aufgabe sei für Haselbeck aber nachvollziehbar: „Wasser war überlebenswichtig.“ Die Brunnen waren lange Zeit die einzige Möglichkeit zur städtischen Wasserversorgung. Eine erste Wasserleitung vom höher gelegenen Bürgerwald zum Stadtplatz sei bereits 1526 dokumentiert, in Holzrohren floss das Wasser zunächst wohl eher in wohlhabende Bürgerhäuser, so Haselbeck.

Der unterirdische Brunnen vor dem Rathaus – nicht die einzige zufällige Entdeckung bei Bauarbeiten. Bekannter dürfte der, bei der Sanierung des Stadtplatzes entdeckte Brunnenschacht in der Nähe des Lindlbrunnens sein: Hier wurde eine Glasabdeckung angebracht und so mancher hat schon einen Blick hinuntergewagt: „Das war ein Tiefbrunnen, der geht sicher zehn Meter runter“, sagt Haselbeck. Da sei plötzlich ein Loch aufgetaucht, verfüllt mit Müll – historischem Abfall. Für die Rekonstruktion der Traunsteiner Geschichte hoch spannend.

„Der Müll wurde ausgegraben, durchnummeriert, Sackarchäologie nennt man das“, so Haselbeck. Daraus ließen sich die Nutzung und der Verfüllungszeitraum bestimmen. „Man hat Pfirsichkerne, Münzen, Scherben gefunden – alles wurde katalogisiert und ist heute im Stadtmuseum ausgestellt.“

Das gotische Gewölbe im Rathauskeller datiert Haselbeck auf das 14. Jahrhundert – die Zeit der Stadtgründung. Der Baustil passe zum angrenzenden Salzmaieramt, das damals das Finanzhaus des herzoglichen Beamten war. „Das erklärt die hochwertige Bauweise“, so Haselbeck. Der Brunnen könnte also ursprünglich auch eine Maßnahme des Herzogs gewesen sein, um Wasser für Beamte und Bürger bereitzustellen. Der Raum ist zwar heutzutage nicht mehr regulär zugänglich. Beim Tag des Denkmals oder auch auf Anfrage von interessierten Gruppen könne sich Franz Haselbeck aber schon vorstellen, den Brunnenraum zu öffnen. Dass das, was sich unter dem Traunsteiner Stadtplatz alles verbirgt, viele Leute interessiert, zeigen die vielen Gerüchte.

Nachdem die Stadt Traunstein ein Video vom gotischen Brunnenraum auf Facebook veröffentlicht, wird in den Kommentaren wild spekuliert: „Gibt es eigentlich mal eine Möglichkeit unter die Stadt zu schauen? Hab schon öfters gehört, dass unter dem Stadtplatz viele Gänge sind“, so ein Schreiber.

Gibt es Tunnel
unter der Stadt?

Ein Mythos, der immer wieder auftaucht: unterirdische Tunnel unter dem Stadtplatz. Haselbeck winkt ab: „Mir ist nichts bekannt.“ Zwar gebe es schöne Keller wie in der Festung, wo Konzerte oder Vorträge stattfinden, doch Tunnel oder geheime Gänge sieht der Archivar skeptisch. „Das sind Geschichten. Wirklich bewiesen ist da nichts.“ Wenn allerdings jemand einen Geheimgang wüsste, dürfe er sich gern bei ihm melden, Haselbeck wäre interessiert.

Artikel 1 von 11