Gerry Weber macht dicht

von Redaktion

Betroffen sind auch Filialen in der Region – Neustart ohne Shops geplant

Bernau/Region Der international agierende Modehändler-Gruppe Victrix aus Spanien plant den Neustart der Marke Gerry Weber. Im vorläufigen Insolvenzverfahren der Gerry Weber International GmbH (GWI), der Holdinggesellschaft des Gerry- Weber-Konzerns, hat der vorläufige Gläubigerausschuss dem Übernahmekonzept des spanischen Familienunternehmens zugestimmt. Dieser Neustart sieht vor, dass künftig die Produkte von Gerry Weber nicht mehr in eigenen Filialen verkauft werden.

Die Victrix-Gruppe plant nach jetzigem Stand, Gerry Weber über ausgewählte Multimarkenhändler (Wholesale) in Deutschland und weiteren europäischen Ländern anzubieten (wie es beispielsweise bereits bei den Modemärkten Röther und Adler stattfindet). Die bestehenden Stores von Gerry Weber in Deutschland und in anderen europäischen Ländern werden in den kommenden Monaten nach den üblichen Abverkaufsmaßnahmen geschlossen.

In Deutschland betreibt das Unternehmen derzeit gut 40 Shops und Outlets. Im Berchtesgadener Land hatte die Marke nur noch eine Filiale in Ainring in Betrieb. Eine weitere Filiale befand sich in Bernau.

Ware wird
noch verkauft

„Gerry Weber passt perfekt zu unserer Kernmarke Punt Roma“, kommentiert das Management der Victrix-Gruppe. „Wir bauen damit unsere Position im gehobenen Mittelpreissegment aus, vor allem in Mittel- und Osteuropa, wo Gerry Weber eine hohe Bekanntheit hat. Durch die zügige Umstellung von Sourcing und Produktion auf unsere bestehenden Strukturen werden wir sicherstellen, dass es für den Handel und die Endkunden einen nahtlosen Übergang geben wird.“

Für etwa 300 Mitarbeiter in Deutschland und 400 Mitarbeiter in Österreich bedeutet diese Entscheidung, dass sie eine vorläufige Kündigung erhalten. Wie es für diese in Zukunft weitergeht, ist derzeit noch unklar, das wird derzeit mit dem Betriebsrat verhandelt. Schon im Jahr 2023 hatte die Marke im großen Stil Stellen abgebaut (rund 450 Stellen wurden wegen Filialschließungen gestrichen). Laut Mitteilung der IG Metall hängen viele Mitarbeiter an dem Unternehmen. Fatalerweise hatten sich die Mitarbeiter von Gerry Weber 2023 einverstanden erklärt, auf Teile ihres Weihnachts- und Urlaubsgelds zu verzichten. Ein Vor-Ort-Besuch in den Filialen Bernau und Ainring zeigt, dass triste Stimmung bei den Mitarbeitern im Verkauf vorherrscht. So berichtet eine Mitarbeiterin in Bernau, dass Gerry Weber sie in der Luft hängen lässt, eine Kommunikation mit ihnen findet nicht statt. Sie hofft darauf, dass der neue Investor sich entscheidet, die Standorte in Bernau und Ainring in Form eines Multi-Marken-Stores zu erhalten. Ab wann die Filialen endgültig ihre Tore schließen, ist noch unklar – die noch bestehende Ware muss verkauft werden. Janina Hirsch von der IG Metall Bielefeld äußert Kritik am Verhalten gegenüber den Mitarbeitern. Sie ist in den Schließungsprozess der Marke eng involviert. Täglich beantwortet sie Anfragen zur Insolvenz der Mitarbeiter von Gerry Weber aus ganz Deutschland. „In der Zentrale in Halle arbeitet derzeit noch eine kleine Gruppe von Mitarbeitern an der Abwicklung der Schließung. Die Mitarbeiter, die Gerry Weber nicht mehr benötigt, sind freigestellt. Das gilt auch für die Mitarbeiter im Verkauf: Im Gegensatz zu den Mitarbeitern aus der Zentrale dürfen sie sich aber nicht nach einer neuen Position umsehen. Sie sollen bis zum Schluss bleiben. Das ist ein unfaires Vorgehen. Normalerweise lässt man Mitarbeiter ziehen, wenn sie eine Aussicht auf eine neue Stelle haben“, schildert Hirsch. Ebenso melden sich bei ihr auch Unternehmen, welche die freigestellten Mitarbeiter gerne übernehmen würden, aber von der Marke abgeblockt werden. „Wir versuchen dann den Weg über die Vermittlung durch den Betriebsrat. Für die meisten Auszubildenden haben wir zum Glück bereits passende Stellen gefunden, sodass diese zumindest ihre Ausbildung dann nach der Schließung fortsetzen können“, erklärt Hirsch.

Zum dritten
Mal insolvent

Im Falle einer Insolvenz hätten die Mitarbeiter eigentlich ein Anrecht auf ein vorzeitiges Arbeitszeugnis. Dieses stellt die Marke bewusst nicht aus: Die Verkaufsmitarbeiter sollen nicht vorzeitig aus dem Unternehmen scheiden. „Wir haben jetzt die Situation, dass am Ende die Mitarbeiter die Filiale nach Abverkauf für den neuen Mieter zusammenräumen und diesen dann übergeben. Es herrscht allerdings eine große Loyalität gegenüber der Marke vor. Teilweise arbeiten die Mitarbeiter schon seit 40 Jahren im Unternehmen und wollen ihr Team auf der Fläche nicht im Stich lassen“, so Hirsch. Dabei mussten die Mitarbeiter bereits den Weg zur Bundesagentur für Arbeit gehen und erhalten Insolvenzgeld (da Gerry Weber die Gehälter nicht mehr auszahlen kann). Die Marke meldet nicht zum ersten Mal Insolvenz an: Tatsächlich ist es bereits das dritte Mal, dass das Unternehmen diesen Schritt gehen muss. Bisherige Versuche, das Unternehmen zu sanieren, waren gescheitert. Die IG Metall vermutet, dass derzeit versucht wird, so schnell wie möglich aus bestehenden Mietverträgen auszusteigen und noch so viel finanzielle Mittel herauszuholen, wie es noch geht. Generell kriselt es derzeit in der Modebranche: Auch die Marke Esprit musste Insolvenz anmelden. „Es besteht natürlich eine Krise in der Textilbranche. Aber wenn eine Marke dreimal Insolvenz anmeldet, dann liegt das an anderen Gründen. Da muss schon von einem Missmanagement ausgegangen werden. Ausbaden müssen das jetzt die Angestellten, das ist traurig.“

Die Gewerkschaft versucht derzeit auch für die Mitarbeiter in der Zentrale in Halle eine Abfindung auszuhandeln: „Viel wird dabei nicht herauskommen, wenn kein Geld mehr vorhanden ist“, ergänzt Hirsch. Bei den Mitarbeitern auf der Fläche sieht die Situation laut IG Metall katastrophal aus: Für sie wurde nie ein Tarif vereinbart. In der Regel handelt es sich um Frauen in Teilzeit, die gerade einmal den Mindestlohn erhalten haben. „Man kann sagen: Die verbleibenden Mitarbeiter auf Verkaufsfläche werden komplett ausgenutzt. Man bedenke: Die Shops werden mit den verbleibenden Produkten überschwemmt. Kunden strömen wegen der Rabatte in die Filialen. Das Arbeitsaufkommen ist erhöht und das zermürbt. Das nutzt Gerry Weber aber auch als Argument dafür, dass die Mitarbeiter bis zum Schluss bleiben müssen. Schließlich könne man auf diese aufgrund des erhöhten Arbeitsaufwandes nicht einfach verzichten“, schließt Hirsch.

Asien überschwemmt
den Markt

Billigware aus Asien findet immer mehr Einzug in deutsche Haushalte, wie eine Umfrage aus 2024 des Deutschen Handelsverbands belegt. Diese führen zu einer Konkurrenzsituation zwischen Fast-Fashion und lokalem Handel. 62 Prozent gaben bei der Befragung an, bei Händlern wie Temu oder Shein zu bestellen. Was dabei außer Acht gelassen wird: Die Ware weist Qualitätsmängel auf und kann sogar schädliche Stoffe enthalten. Vermehrt werden diese mittels mobiler Endgeräte bestellt: Der Gang ins Geschäft entfällt. Unter den Händlern befanden sich bereits Stimmen, die einen Abgang von Kunden zu asiatischen Händlern festgestellt hatten. Das Problem: Bei einem derart niedrigen Preisniveau wie auf den asiatischen Plattformen können die Unternehmen nicht mithalten. Sie befürchten einen negativen Einfluss auf den lokalen Handel.

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