Von Reit im Winkl – Celine Lorenz ist die einzige Frau im harten „Hike&Fly“-Rennen. Zu Hause ist die 26-Jährige auf der Winklmoos Alm. „Ich bin natürlich super aufgeregt und freue mich aber auch unglaublich auf das Riesenabenteuer“, sagt Lorenz im Gespräch mit der Chiemgau-Zeitung kurz vor Beginn des am vergangenen Sonntag gestarteten Abenteuers. „Der Reiz bei den großen Hike&Fly-Rennen ist für mich, dass man in der Früh in einem Tal startet und abends nicht genau weiß, wo man endet. Ob man zwei Täler weiter kommt oder noch im gleichen Tal sitzt.“
Der Startschuss zum laut Veranstalter Red Bull „größten Abenteuerrennen der Welt“ war nun in Kitzbühel, Lorenz hat eine der kürzesten Anreisen. Die anderen 32 Teilnehmer kommen von überall aus der Welt: den Alpenländern Österreich, Schweiz, Frankreich, Italien und Deutschland, aber auch Kanada, USA, Brasilien, Mexiko, China oder Australien. Die Route ist länger und schwieriger als jemals zuvor und mit drei Klettersteigen versehen. 1283 Kilometer von Kitzbühel in einer liegenden Acht über St. Moritz, zum westlichsten Punkt Les Deux Alpes in den französischen Alpen, zurück über die Schweiz und die Zugspitze zum Ziel in Zell am See. Zwölf Tage sind eingeplant – sechs benötigte der amtierende Champion bei der vergangenen Ausgabe.
Gelernte
Konditorin
Lorenz ist zum zweiten Mal am Start. 2023, das Rennen findet nur alle zwei Jahre statt, musste sie aufgeben, nachdem sie sich beim Fotoshooting in den Tagen vor dem Rennen den Fuß verstauchte, durch die Schonhaltung ein anderes Gangbild entwickelte und sich Blasen in den Schuhen lief – bis kurz vor der Blutvergiftung.
Für die Ausgabe 2025 ist das klare Ziel der Extremsportlerin, Zell am See zu erreichen und damit das Rennen zu beenden. Schon 2023 war sie die einzige Frau am Start, 2025 hat sich daran nichts geändert: „Ich finde es super schade, dass ich die einzige Frau bin. Aber irgendwo sehe ich es auch als Chance, vielleicht andere Frauen noch mehr für den Sport zu motivieren. Also Aufmerksamkeit auf den Sport und eine Fläche für Frauen zu bieten. Ich sehe es auch als Motivation, um ein bisschen Schwung in die Runde zu bringen.“
Dafür trainiert sie das ganze Jahr über draußen in den Bergen: Laufen und Fliegen, aber auch Rad fahren, Langlaufen oder Skitouren gehen. „Man muss einfach viel Ausdauerstunden sammeln, dazu Höhenmeter und Flugstunden, darauf kommt es an“, so Lorenz. Meistens mit dabei ihr Rucksack, indem ihr Gleitschirm ist: „Wenn der Schnee schlecht ist, ist der Schirm dabei und dann wird runtergeflogen“, erzählt sie mit einem Lachen, wobei die zweimalige deutsche Meisterin im Streckenfliegen insgesamt einen grundsätzlichen Optimismus ausstrahlt. Die verschiedenen Aktivitäten und Zeit in den Bergen sind quasi auch ihre Hobbys. „Nach dem Abi wusste ich nicht genau, was ich studieren will. Dann habe ich Konditorin gelernt. Das mache ich jetzt nicht so viel, aber klar, wenn ich oben (auf der Traunsteiner Hütte, Anmerkung der Redaktion) bin, dann helfe ich auch mit und mache Kaiserschmarrn und bediene“, erzählt sie. Zu Hause ist für Lorenz die Traunsteiner Hütte, die DAV-Hütte auf der Winkelmoos Alm, die ihre Mutter bewirtschaftet. „Die Hütte ist meine Hauptmeldeadresse, hier ist meine Basis und ich habe hier mein Zeug gelagert“, so Lorenz.
Lorenz ist aber viel unterwegs, nicht so oft in der Heimat. Geboren ist sie in Mittenwald bei Garmisch-Partenkirchen, mit zehn Jahren der Umzug in den Chiemgau. „Es ist super besonders hier auf der Alm, weil die Ruhe super schön ist. Und klar, manchmal wirkt es vielleicht ein bisschen idyllischer, als es dann tatsächlich ist. Wenn man in der Gastro aufwächst, muss man auch oft mit in der Küche stehen und mitarbeiten. Aber es ist unglaublich schön und ich liebe die Natur“, schwärmt sie von der Winklmoos Alm. Geschlafen wird während eines der brutalsten Rennen der Welt in Campern: „Ich habe ein Team von fünf Leuten dabei, die begleiten mich mit zwei Autos. Das Ziel ist, jeden Abend im Camper zu schlafen. Aber wenn es sich nicht ausgeht, kann es sein, dass man auch mal eingewickelt im Schirm irgendwo am Berg liegt und dort schlafen muss.“ Das Begleit-Team versorgt sie rundum: „Theresa ist meine Physiotherapeutin, Daniel kümmert sich mit der Kamera um Bilder für Social Media. Tim ist mein Hauptsupporter, der ist bei allem dabei und muss auch bei den Checkpoints mit unterschreiben. Er checkt Wetter, Wind und was die anderen machen, ist also auch ein bisschen für die Taktik zuständig.“ Außerdem wird Celine noch von zwei eigenen Sherpas begleitet: „Noé und Anton sind beide super krasse läuferische Maschinen, haben extra Wasser, Snacks und Klamotten auf langen Hikes für mich dabei.“ Das Team muss Lorenz in der Zeit auch bezahlen. „Das Rennen ist finanziell ein Minusgeschäft“, auf die vorderen Preisgeldplatzierungen wird sie laut Selbsteinschätzung keine Chancen haben. Zwischen 21 und 6 Uhr muss sie sieben Stunden ruhen. „Aber da muss ich noch essen, werde massiert und bis ich zur Ruhe komme, sind es vielleicht fünf Stunden“, rechnet Lorenz vor. „Irgendwann hat man einfach einen Schlafmangel. Und dann muss man sich bewusst auch sagen, ich bin jetzt nicht ganz oben mit meiner Energie“, beschreibt die Extremsportlerin eine große Gefahr des Rennens.
Auch die Nahrungsaufnahme ist während des Rennens eine große Herausforderung: „Ich verbrenne bei diesem Rennen viele Kalorien, das muss mit dem Essen bestmöglich aufgefangen werden, um die nötige Energie zu haben.“ Tagsüber versorgt sie sich mit Zuckergetränken, Gel und Riegeln, „in den vergangenen Wochen habe ich versucht, möglichst selten auf Riegel zurückzugreifen, damit sie mir während des Rennens nicht zum Hals raushängen“, verrät sie schmunzelnd ihren Essensplan.
Der Letzte
fliegt raus
Ihren ersten Flug bekam sie von ihrer Mutter mit elf Jahren geschenkt – ein Tandemflug in Kössen. Seither ist sie begeistert von dem Sport. Wenn Lorenz oben an einem guten Start-Spot zum Fliegen angekommen ist, kann sie in rund drei Minuten abheben – die Abläufe hunderte Male geübt, auf rund 400 Flugstunden kommt sie pro Sommer. „Klar, im Rennen muss ich voll fokussiert sein und Wind und Wetter im Blick haben. Aber wenn ich zum Spaß fliege, ist das auch Erholung pur und ich kann die Natur total genießen“, sagt Lorenz, die als Assistentin in der Gleitschirm-Flugschule in Unterwössen nebenbei etwas Geld verdient.
Lorenz und die anderen Teilnehmenden können auf der Event-Seite per Live-Tracking verfolgt werden. Die Funktion nutzt Lorenz selbst auch, „um zu sehen, was die anderen so machen, was bei Ihnen funktioniert“. Aber auch um die Konkurrenz im Blick zu haben. Denn alle 48 Stunden muss die letztplatzierte Person das Rennen verlassen.