Glasklarer Chiemsee bereitet Sorgen

von Redaktion

16 Berufsfischer gibt es am Chiemsee, ihre frischen und geräucherten Delikatessen aus dem bayerischen Meer sind weit über die Region beliebt. Doch es droht akute Gefahr durch die invasive Quagga-Muschel. Florian Kirchmeier, Chef der Fischereigenossenschaft Chiemsee, schägt Alarm.

Chiemsee/Region – Der Chiemsee ist momentan glasklar. „Es gibt kaum Krautwuchs, es sind offenbar wenig Nährstoffe da. Und unsere Fischfangergebnisse sind heuer ein bisschen schlechter“, erzählt Florian Kirchmeier. Woran das liegt? Der Vorsitzende der Fischereigenossenschaft Chiemsee, der fast täglich von Berufs wegen auf dem Bayerischen Meer unterwegs ist, hat Verdachtsmomente. An den langen Trockenperioden dürfte es liegen, aber auch die Quagga-Muschel könnte eine Rolle spielen.

Existenz der
Fischer gefährdet

Die invasive Muschelart ist momentan das Stress-Thema am Chiemsee überhaupt, vor allem unter den 16 Berufsfischern. „Die Quagga-Muschel macht uns schon Sorgen. Wir haben Angst, dass sie unsere Existenz gefährden könnte. Das wäre eine Katastrophe“, sagt Kirchmeier im Gespräch mit der Chiemgau-Zeitung. Zur Einordnung dieser dramatischen Worte: Gefischt wird im Chiemsee mindestens seit dem Mittelalter. Die Fischereigenossenschaft existiert seit 175 Jahren. Und jetzt gefährdet offenbar eine Muschel die, frisch oder geräuchert, geliebten Delikatessen wie Renke, Brachse oder Saibling?

„Zwei negative Eigenschaften machen sie so gefährlich: Zum einen filtert die Quagga-Muschel Plankton aus dem Wasser und entzieht damit Nährstoffe, die Grundlage für die Nahrungskette im See sind. Zum anderen vermehrt sie sich explosionsartig“, erzählt Kirchmeier. Professor Herwig Stibor von der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) hat kürzlich in einem Vortrag erklärt, was das konkret bedeutet: „Eine Muschel legt eine Million weitere ab. Das könnte dramatische Folgen für unsere heimischen Ökosysteme haben.“

Im Bodensee ist das beispielsweise bereits der Fall. Dort hat sich die Muschel dramatisch vermehrt und macht nicht nur den dortigen Fischern das Überleben immer schwerer. In jedem Liter Bodensee-Wasser befinden sich im Schnitt zwei Quagga-Larven, heißt es auf dem Umweltportal Baden-Württemberg. Das hat zum Beispiel auch Folgen für die Trinkwasserqualität und für Wasserleitungen, die von den Muscheln zugesetzt werden. Genau das fürchtet auch das Erlebnisbad Prienavera in Prien für seine Seewasser-Wärmepumpe, die gerade in Planung ist.

Eindringling
am Ankerseil

Ob die Quagga-Muschel auch im Chiemsee für größere Probleme sorgen wird, müssen wissenschaftliche Studien erst noch belegen. „Der Chiemsee hat durch die Tiroler Ache einen stetigen Wasser- und Nährstoffzufluss, das Wasser des Sees wird also schneller ausgetauscht als zum Beispiel am Bodensee. Wir hoffen, dass der Chiemsee für die Quagga-Muschel nicht so einen guten Lebensraum wie der Bodensee abgibt“, so Kirchmeier.

Fest steht, dass die invasive Muschelart da ist. Zuerst wurde sie im vergangenen Jahr an einem Ankerseil entdeckt. Die Chiemsee-Fischer schickten Proben ans Institut für Fischerei in Starnberg und bekamen im November die Antwort, dass tatsächlich zwei verschiedene Unterarten von Quagga bestätigt sind.

Ursprünglich hat die Quagga-Süßwassermuschel (Dreissena rostriformis bugensis) ihren Ursprung im Schwarzen Meer und ist eng mit der heimischen Zebramuschel verwandt. In den vergangenen Jahrzehnten hat sich diese Art jedoch in vielen Gewässern Europas und Nordamerikas ausgebreitet und stellt eine ernsthafte Bedrohung für die heimische Biodiversität dar. Ihr Gehäuse kann von der braunen Farbe ausgehend in verschiedenen Tönen variieren. Es herrscht also „Alarmstufe Braun“ am Chiemsee.

Wie sie in das Bayerische Meer eingeschleppt wurde, kann nur vermutet werden: Die wahrscheinlichste Hypothese sind Boote, die von einem Gewässer zum anderen transportiert werden, und an denen Muscheln oder Larven anhaften. Eine Verhinderung dieser Verbreitungsmöglichkeit könnte auch ein Schutz für nicht Quagga-befallene Gewässer wie den benachbarten Simssee sein.

Allheilmittel ist
nicht in Sicht

„Das Problem ist, dass es noch kein Allheilmittel gegen die Muschel gibt“, sagt Kirchmeier: „Wir hoffen, dass die Politik drauf schaut und entsprechende Untersuchungen unterstützt. Es geht dabei nicht nur um uns Fischer, sondern das könnte auch zum Problem für den Tourismus werden.“

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