Grassau – Fritz Seibold berichtet bei einer kleinen Werkstattführung, dass vor 125 Jahren sein Großvater Paul Seibold von Waging nach Grassau zog. Hier in Grassau hatte es damals keinen Steinmetz gegeben, dafür aber einen großen Friedhof. Die Auftragslage schien gesichert. So kaufte sich sein Großvater ein kleines Haus an der Bahnhofstraße 1, also unweit des neuen Friedhofs, der 1897 im Lindenfeld errichtet wurde und auch mit Steindenkmälern ausgestattet ist. Diese Grabsteine und Grabeinfassungen sowie die Grabplatten zu den Gräbern an der Friedhofsmauer zu fertigen, gehörten zur Aufgabe des Paul Seibold.
Stück für
Stück erweitert
Bereits drei Jahre später wurde deutlich, dass der Platz zu klein war und die Familie zog in die Bahnhofstraße 41. Das Haus befand sich damals im Rohbau. Interessant war zu erfahren, dass damals bereits gemakelt wurde und erst nach dem Verkauf weitergebaut wurde. Neben dem Wohnhaus wurde eine Werkstatt errichtet, die immer noch vorhanden ist. Stück für Stück wurde die Werkstatt erweitert. Die Familie wuchs und vier Kinder lebten im Haus. Während der älteste Sohn Paul Bildhauer wurde, erlernte Fritz den Beruf des Steinmetzes und sollte den elterlichen Betrieb einmal übernehmen.
Der König-Ludwig-Brunnen, der zentral vor der Kirche steht, war einst ein Kriegerdenkmal und wurde vom Steinmetz Paul Seibold neu gestaltet und an den jetzigen Platz versetzt. Ein Abdruck des wasserspeienden Löwenkopfs ist immer noch in der Werkstatt vorhanden.
Wie Fritz Seibold, die dritte Generation der Steinmetzfamilie, berichtete, wurden in der schlechten Zeit während der Kriegswirren in der Werkstatt zwei Kühe gehalten. Früher, so Fritz Seibold, verließ keine Arbeit die Werkstatt ohne eine persönliche, kreative Ausschmückung oder Ornament. Eine Art persönliche Widmung oder Signatur könnte man heute sagen.
Sein Vater, der den Betrieb dann nach dem Tod des Großvaters übernahm, hatte eine weitere Leidenschaft, die Musik. So wuchs Fritz Seibold mit dem Klang von Meisel und Hammer, die den Stein formten, und dem Gesang und der Musik des Vaters auf. Fritz Seibold, genannt der „musikalische Steinmetz aus Grassau“, war Musiker, Sänger, Chorleiter, Zither-, Geige-, Klavier- und Orgelspieler und komponierte selbst. Fritz Seibold, die zweite Generation des Steinmetzbetriebs, wurde 1902 als drittes von vier Kindern seines Vaters Paul geboren. Alle Kinder waren sehr musikalisch und die Schwester Maria absolvierte ein Studium als Sängerin. Gerne wäre Fritz, der zweitgeborene Sohn, künstlerisch tätig gewesen, besuchte jedoch nur kurz die Akademie der Bildenden Künste und musste in Grassau in den Steinmetzbetrieb einsteigen.
1938 lernte er in Bern in der Schweiz seine Anneliese Grosse kennen und heiratete sie. Ihr Sohn, natürlich wiederum ein Fritz, sollte in die Fußstapfen seines Vaters steigen und den Beruf des Steinmetzes erlernen. Ein Unfall schien dies zunächst zunichtezumachen. So erlernte die Schwester das Handwerk des Steinmetzes. Doch Fritz kämpfte sich durch, bewies, dass dieses Handicap ihn nicht an der Ausübung des Berufs behindert und übernahm schließlich den Betrieb. Die Schwester war für die kunstvolle Beschriftung zuständig. Nach dem Tod des Vaters 1967 war Fritz Seibold für den Betrieb verantwortlich. In den Jahrzehnten seither hinterließ Fritz Seibold, der von seinem Vater auch die Leidenschaft zur Musik übernommen hat, viele Spuren seines Wirkens in Grassau. Kunst- und kulturinteressiert, aber auch politisch aktiv, gehörte Fritz Seibold viele Jahre dem Marktgemeinderat an und ist Träger der Bürgermedaille. Der Brunnen vor dem Rathaus, die Freundschaftssteine im Kreisel, der Brunnen auf dem Mietenkamer Dorfplatz, wie auch die Pestsäule zu Reifing sind nur wenige Beispiele seines Schaffens.
Sehr stolz ist Fritz Seibold auf seinen Sohn, wiederum, wie es so der Brauch ist, ein Fritz, der den Betrieb mittlerweile in vierter Generation weiterführt. Alte Techniken und alte Denkmäler sind seine Passion. Den Römerstein in Staudach-Egerndach bildete er nach alten Vorlagen nach.
Seit 125 Jahren
Familienbetrieb
Auf einer Plakatwand haben Vater und Sohn Fritz Seibold die Meilensteine ihres 125-jährigen Betriebs zusammengefasst. Zu sehen sind Pferdefuhrwerke, mit welchen der schwere Stein zum Betrieb transportiert wurde, aber auch ein Unfall auf einer Brücke mit einem schweren Felsen. Wie Seibold betonte, wurde früher hauptsächlich heimischer Stein aus Marquartstein, Untersberg, Ruhpolding verwendet. Heutzutage kommen Marmor und besondere Steine aus aller Welt. Dies missfällt Seibold, da doch so schönes Gestein vor der Haustür zu finden ist, und die Umwelt mit schweren Transporten nicht belastet werden sollte.
Mit Stolz blickt die Familie Seibold auf 125 Jahre zurück. Einige Geräte und Werkzeuge stammen noch aus der Anfangszeit.