Grassau – Andi Hofmann steht am Ende des Bauernschmiedwegs in Rottau und zeigt mit seiner Hand auf die Wiesenfläche, auf der sein Ärztehaus entstehen könnte. Die Straße ist bereits für den Ausbau vorbereitet, dennoch haben die Gemeinderäte eine Prüfung des Standorts hauchdünn mit 9:8 Stimmen abgeschmettert. Obwohl fast alle grundsätzlich für das Projekt sind, das einen deutlichen Mehrwert für den Ortsteil von Grassau bringen könnte.
Persönliche
Vorbehalte?
Wichtigster Hintergrund für die Nein-Stimmen dürfte eine Grundsatzentscheidung des Gemeinderates sein, an den Ortsrändern derzeit keine neuen Baugebiete zuzulassen. Im Ort ist aber auch zu hören, dass persönliche Vorbehalte gegen Hofmann eine Rolle spielen könnten. Weil im neuen Ärztehaus auch seine Tochter als Zahnärztin praktizieren soll.
Aber überwiegt in diesem Fall nicht der Nutzen für den Ort? „So vertreibst du jeden Investor. Ich will alles komplett selbst finanzieren, es gibt kein Risiko für die Allgemeinheit. Jede andere Gemeinde würde mich gern nehmen“, schimpft Hofmann im Interview mit der Chiemgau-Zeitung. Er denkt laut darüber nach, sein Millionen-Projekt in „Österreich umzusetzen“, wo seine Tochter derzeit als Zahnärztin praktiziert. Aber eigentlich, das spürt man im Gespräch, würde der selbstständige Architekt und Stadtplaner seinen Herzenswunsch viel lieber daheim im Achental erfüllen. Schließlich sehnen sich praktisch alle Einwohner Rottaus zumindest nach dem fehlenden Allgemeinarzt im Ort.
Hofmann würde sich natürlich freuen, wenn seine Tochter zu ihm in ihre Heimat zurückkehren würde. Er wohnt in einem Haus schräg gegenüber von der Grünfläche, wo das Ärztehaus entstehen könnte. Das Grundstück gehört ihm bereits. Es liegt derzeit allerdings noch im Außenbereich und darf nicht bebaut werden. Wenn das Gebiet Bauland werden würde, würde Hofmann natürlich von einer enormen Wertsteigerung profitieren – deshalb unterstellen ihm einige Bürger wohl persönliche Vorteilsnahme. Als Alternative für den Ärztehaus-Bau hat ihm die Gemeinde ein bebaubares Grundstück im Bastackerweg angeboten, doch das ist laut Hofmann für seine Vorhaben viel zu klein und „wirtschaftlich nicht tragfähig“.
Drei Arztpraxen – neben seiner Tochter als Zahnärztin sollen noch ein Allgemeinarzt und ein Facharzt einziehen – mit jeweils 160 Quadratmetern plant der erfahrene Projektmanager. Dazu wegen der angespannten Wohnungssituation im Chiemgau drei Wohnungen à 60 Quadratmeter, die zweckgebunden nur an die Ärzte oder medizinisches Personal vermietet werden dürfen. Macht insgesamt 660 Quadratmeter, dafür braucht es ein entsprechend großes Grundstück. Hofmann hat das Projekt in den vergangenen Jahren in mehreren Gesprächen mit dem Grassauer Bürgermeister Stefan Kattari weiterentwickelt und fühlt sich jetzt alleingelassen.
Nach der knappen Ablehnung im Gemeinderat ist das Verhältnis der beiden Protagonisten extrem angespannt. Es gab Vorwürfe per E-Mail, die Kattari aber in einem persönlichen Gespräch ausräumen möchte. „Mein Wunsch ist, dass wir uns an einen Tisch setzen und kooperativ eine Lösung finden – und ich bin überzeugt, dass es die auch gibt“, so Kattari gegenüber der Chiemgau-Zeitung: „Ich würde mir sehr wünschen, dass wir das Projekt mit Herrn Hofmann weiterverfolgen.“ Bis Wochenmitte hatte sich Kattari allerdings noch nicht wegen eines persönlichen Gesprächs bei Andi Hofmann gemeldet. „Ich warte darauf! Ich würde mich sehr darüber freuen, wenn man so ein wichtiges Projekt nicht einfach ad acta legt“, so der Investor.
Als ersten Schritt möchte der Ortschef noch einmal prüfen, ob es nicht alternative Standorte in Rottau gibt. Falls sich passende Grundstücke im Gemeindebesitz finden würden, ließe sich laut Kattari über finanziell günstige Rahmenbedingungen für Hofmann wie Erbpacht-Verträge reden. Der Bürgermeister nennt dabei erneut den von Hofmann bereits wegen der mangelnden Größe abgelehnten Standort im Bastackerweg und erwähnt zudem zwei Grundstücke in der gleichen Straße in Rottau, die im Miteigentum des Investors seien. „Das ist keine Option, weil der Eigentümer eine Gesellschaft ist und die Wohnungen weitgehend schon verkauft sind“, so Hofmann.
Falls die gründliche Suche nach einem passenden Ärztehaus-Grundstück, „das den Wünschen des Marktgemeinderats entspricht“, weiterhin erfolglos bleibe, könnte möglicherweise der von Hofmann vorgeschlagene Standort doch noch eine Mehrheit unter den Bürgervertretern finden. „Der Gemeinderat hat sich sehr klar geäußert, dass er das Projekt toll und mutig findet und ein großer Mehrwert für den Ort entsteht“, so Kattari: „Die knappe Ablehnung für den Standort resultiert aus der Ansicht von einigen, dass das Dorf in den vergangenen Jahren zu stark gewachsen ist. Deshalb stehen die Leute auf der Bremse – aber es ist wohl allen klar, dass das in ein paar Jahren Bauland sein könnte.“
Das zeigt ja schon allein der bereits in diese Richtung vorhandene Straßenanschluss. Wird dieser am Ende wegen des Ärztehauses doch schon in nächster Zeit weitergebaut? Die Tür ist zumindest trotz der ersten Ablehnung nicht gänzlich zu, schließlich wurde erst mal nur die Prüfung des Standorts abgelehnt. „Es wurde noch nicht eine Aufstellung eines Bebauungsplans geprüft und es gibt auch keinen Antrag auf einen Bau-vorbescheid“, so Kattari. Beide Wege stehen Andi Hofmann weiterhin offen.
Ärztemangel
in Sicht
Die Diskussion um eine derzeitige medizinische Überversorgung von 113 Prozent in der Region ist laut Kattari dafür jedenfalls kein Hinderungsgrund: „Uns ist bewusst, dass wir in der Region künftig auf einen Ärztemangel zusteuern. Etliche ältere Hausärzte werden nicht mehr ewig praktizieren, und wir halten es unbedingt für nötig, dass moderne, barrierefreie Praxisräume für Ärzte entstehen.“