Die Geschichte eines Jahrhundertwerks

von Redaktion

Aus dem OVB-archiv Jüngst brachte eine aufsteigende Leitung den Ringkanal in Erinnerung

Prien – „Die Sanierung des Chiemsees, die mit allen flankierenden Maßnahmen auf bayerischem und Tiroler Gebiet rund eine halbe Milliarde Mark kosten wird, kann ohne jegliche Übertreibung als Jahrhundertwerk bezeichnet werden“, setzt Marc Enders in seinem Artikel im Oberbayerischen Volksblatt (OVB) vom 24. November 1989 an. „In einer einmaligen Gemeinschaftsleistung ist es in nur zehn Jahren gelungen, das Gebiet zwischen dem Pass Thum bei Kitzbühel und dem Inn bei Rosenheim von ungereinigten Abwässern zu befreien, das bayerische Meer mit einer umfassenden Ringkanalisation auszustatten.“

Glanzleistung
der Ingenieurkunst

„Die Sanierung des Chiemsees ist aber noch mehr: Sie ist ein Glanzstück technischer Ingenieurleistung, ein Muster an überlegter Planungsarbeit und ein nachahmenswertes Beispiel dafür, dass Kommunalpolitiker rund um den Chiemsee, aber auch im benachbarten Tirol und auf höchster Ebene im Freistaat Bayern in einem vorbildlichen Zusammenspiel zwischen Verbandsgeschäftsführung, Ingenieurbüros und Fachfirmen in der Lage waren, ein wichtiges Stück Umweltschutz in die Praxis umzusetzen und das bayerische Meer damit vor einem möglichen Kollaps zu bewahren“, lautet die Einleitung von Marc Enders weiter. Auf nicht weniger als 16 Seiten wurden im Folgenden die Zeitungsleser dann über alle Details des Vorhabens informiert.

Erst vor Kurzem kam die Ringleitung wieder ins Gespräch: Bootsführer auf dem Chiemsee trauten jüngst ihren Augen nicht. Ein unbekanntes Objekt tauchte aus dem Wasser auf. Manche verglichen es mit dem mysteriösen Monster „Nessi“ von Loch Ness. „Zwischen Seebruck und Lambach sind etwa zehn Meter der Leitung an die Wasseroberfläche aufgeschwommen“, berichtete Rimstings Bürgermeister Andreas Fenzl auf Anfrage der Chiemgau-Zeitung.

Etwa 28 Kilometer der Abwasser-Leitungen der im AUV zusammengeschlossenen Chiemsee-Gemeinden verläuft im bayerischen Meer – normalerweise durch Ballast beschwert am Boden. „Vermutlich sind durch Faulgas und Lufteintrag in der Leitung die Gewichte verrutscht, deshalb ist die Leitung nach oben getrieben“, so Fenzl damals. Das letzte Mal vorgekommen sei das vor „vielen Jahren“. Durch geeignete Maßnahmen und den Einsatz von Tauchern solle das nun behoben werden.

„Vorteile der Seeleitungen gegenüber landverlegten Abwasserdruckleitungen sind: Die Bauzeit ist wesentlich kürzer als bei Landleitungen. Die Gefahr einer Zersiedelung der Uferbereiche wird vermindert, da nur punktuelle Anschlussmöglichkeiten im Bereich der Pumpwerke möglich sind. Eingriffe in die schützenswerten Uferbereiche werden erheblich verringert. Der Fremdenverkehr wird kaum oder nur geringfügig beeinträchtigt. Zwanzigjährige positive Erfahrungen mit seeverlegten Abwasserdruckleitungen an österreichischen Seen in Kärnten und im Salzburger Land haben den Abwasserzweckverband dazu bewogen, dieses System auch am Chiemsee anzuwenden“, fasste die Entscheidungsgrundlagen für ihre Verwendung Diplom-Ingenieur Gilbert Schober, einer der beratenden Ingenieure, zusammen.

Bis zu einer
Tiefe von 55 Meter

„Insgesamt wurden in der Produktionsanlage zur Herstellung der Rohrleitungen mit Außendurchmessern von 160 bis 630 Millimeter etwa 930 Tonnen Rohstoff verarbeitet. Die Wandstärken der produzierten Rohre betragen je nach Rohrdurchmesser 9,1 bis 35,7 Millimeter“, so Dippold weiter, „Um die Schleppnetze der Chiemseefischer nicht durch die Gewichte zu beschädigen, wurden runde Gewichte mit abgefasten Kanten und versenkte Schraubenköpfe gewählt. […] Die größte Verlegetiefe wurde zwischen Mitterndorf und Gstadt mit etwa 55 Meter erreicht. Im Uferbereich wurden die Rohrleitungen bis zu einer Wassertiefe von drei Metern eingegraben. In den übrigen Bereichen sind die Leitungen auf dem Seeboden abgelegt.“

Wie aber kam es dazu? Schon seit den 50er-Jahren wurde nach einer Lösung für die Abwasserentsorgung gesucht. „Als besonderes Anliegen der Regierung, wie auch der Kreisbehörden und Wasserwirtschaftsämter bezeichnete der Präsident die Reinhaltung der Gewässer“, wird etwa Regierungspräsident Johann Mang in einem Bericht vom oberbayerischen Fischereitag in der Zeitung vom 22. September 1953 zitiert. Auch weitere Redner hätten dem nachdrücklich zugestimmt. „Der gesetzlichen Regelung der Abwasserfrage […] müssten alle Energien gewidmet werden“, sei man sich einig gewesen.

1977 dann lag eine vom Landesamt für Wasserwirtschaft in Auftrag gegebene Studie vor. „In den letzten Jahren waren die Ufergemeinden rings um den See gewiss nicht untätig, vieles ist sogar recht gut geregelt, aber der alles entscheidende Griff nach einer umfassenden Lösung war bisher nicht möglich, da es am Grundsätzlichen fehlte: Dem Chiemsee hilft auf Dauer nur eine Abwasser-Ringleitung“, heißt es in einem Artikel dazu vom 4. September 1977.

1984 wird
Kläranlage gebaut

Vor allem das Engagement des Priener Bürgermeisters Lorenz Kollmannsberger und des Zweckverbands ab 1978 habe dann in verhältnismäßig rascher Zeit zum Baubeginn geführt. 1983 war ein Standort für die Kläranlage gefunden, 1984 konnte mit den Planungsarbeiten begonnen werden, 1986 war Baubeginn.

„Es war für den damals in der Politik noch nicht so erfahrenen Priener Bürgermeister eine diffizile Aufgabe, alle Chiemseebürgermeister unter einen Hut zu bringen. Mittlerweile besteht kein Zweifel mehr, dass nur ein umfassendes, alle Anliegergemeinden betreffendes Konzept zum Erfolg führen konnte“, fasst es Marc Enders in seinem Beitrag zusammen. „Ein herzlicher Dank geht heute an die Gemeinden in Tirol für den lückenlosen Bau von Kläranlagen entlang der Tiroler Ache und an die dortige Landesregierung. Meine besondere Anerkennung gilt Erstem Bürgermeister Mayer aus Rimsting und seinem Gemeinderat, der auf Rimstinger Gebiet das Großklärwerk tolerierte“, bemerkte Kollmannsberger selbst in seinem Grußwort anlässlich der Einweihung.

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