Ludwigs Traum von Versailles

von Redaktion

Gartenführung zeigt restaurierte Pracht – Brunnen sprudeln wieder nach Jahrzehnten

Chiemsee/Herreninsel – „Schließen Sie den Kauf sofort ab, das Gelände scheint entsprechend zu sein.“ Eine Gartenführung, die mit einer Order König Ludwigs II von 1873 beginnt, dreht sich also weniger um die Botanik als um das große Ganze, den Garten, oder sollte man besser sagen, den Park.

Start am
Osteingang

Los geht es auf der Ostseite des Schlosses, im sogenannten Ehrenhof. Hier war der eigentliche Eingang geplant, erzählt Schlossführer Stefan Syska. Von der Schiffsanlegestelle im Osten sollte die 900 Meter Allee gesäumte Auffahrt zum Schloss führen. Auch wenn die Anlegestelle nie verwirklicht wurde und die hufeisenförmigen Seitenflügel des Schlosses nicht lange Bestand hatten. Die fast exakt ausgerichtete Ost-West-Mittelachse der Anlage markiert symbolisch die Sonnenbahn, in deren Mitte das Schloss mit dem königlichen Schlafzimmer als Zielpunkt steht und die mit dem Spiegelsaal im Westen endet. „Stellen Sie sich vor, Sie blicken aus dem Spiegelsaal und sehen das reflektierende Licht der untergehenden Sonne in den Wasserspielen der Brunnen.“

Richtung Westen erstreckt sich das „Parterre d’eau“, bestehend aus zwei 13 Meter großen, auf Wunsch Ludwigs II. durch die Figuren Fama und Fortuna mythologisch überhöhten Bassins, das Blumenparterre mit dem Latonabrunnen sowie der „Grand Canal“, vor dessen spiegelnder Oberfläche sich der Apollobrunnen erheben sollte. Syska erklärt die Szenerie: Am Beckenrand des Fama-Brunnens und des Fortuna-Brunnens sitzen jeweils vier mythologische Figuren, die die acht großen Flüsse Frankreichs darstellen, die Putten im Brunnen reiten auf Delfinen.

Die beiden Brunnen wurden – getreu der barocken Symmetrie – nach dem Vorbild eines Brunnens im Königspalast La Granja de San Ildefonso in Spanien geschaffen, während der Latonabrunnen, ein Parterre tiefer, eine Nachbildung des gleichnamigen Brunnens in Versailles ist. Auf den Stufen sind die der Sage nach zu Fröschen, Lurchen und Schildkröten verwandelten Bauern dargestellt, die Latona und ihren Kindern Diana und Apollo verweigerten, Wasser aus ihrem See zu trinken. Syska weist noch auf ein anderes Detail hin: Wer von der Höhe der beiden seitlichen marmornen Kabinettsbrunnen auf die Fontänen des Latonabrunnens blickt, vermag eine Bourbonenlilie zu erkennen.

Dass König Ludwig II einen Nachbau der Schloss- und Gartenanlage von Versailles, einstige Residenz des Sonnenkönigs Ludwig XIV von Frankreich, wollte und dass das Graswangtal bei Ettal, wo aus einem Nebengebäude Schloss Linderhof erwuchs, für diese Pläne zu klein war, mag man vielleicht noch wissen. Aber dass auf Herrenchiemsee noch vor der Grundsteinlegung am 21. Mai 1878 und der Ausführung der Außenanlagen umfangreiche Vorarbeiten nötig waren, wohl eher weniger. So mussten für den von Carl von Effner 1875 geplanten, etwa 81 Hektar umfassenden Garten große Waldparten abgeholzt, Hügel abgetragen und Mulden des eiszeitlich wellig geformten Inselgeländes aufgefüllt werden. Ludwig II. wünschte auch ausdrücklich keine Ausblicke auf den See oder in die ländlich-bäuerlichen Fluren des Chiemgaus: Und so schweifen die Blicke anders als in Versailles mit seinen kilometerweit in die Umgebung ausgreifenden Sichtachsen in Herrenchiemsee in hohe Heckenwände.

Nicht immer zeigten sich die Gartenanlagen in einem so guten Zustand, merkt Syska noch an. Trotz der mit Hochdruck betriebenen Bauarbeiten war bis zum Tod des Königs 1886 nur etwa ein Drittel der geplanten Gartenanlage ausgeführt. Bereits kurz nach dem Tod Ludwigs II. mussten die Wasserspiele abgestellt werden, da die Becken Risse zeigten. Maschinen und Leitungen für die Brunnen wurden demontiert, die großen Wasserbecken zugeschüttet und die Brunnenanlagen waren Wind und Wetter ausgesetzt.

Gemüse in den
Blumenrabatten

Die Notzeiten vor und während der beiden Weltkriege führten zu einem weiteren Verfall der Anlagen: Auf den Blumenrabatten baute man Gemüse an, das Apollobecken diente als Viehtränke, der Kanal verlandete. Aber, so Syska weiter: „Der Wunsch, die Wasserspiele gemäß den Plänen des Königs zu vollenden, verstummte nie.“ Der 1961 gegründeten Vereinigung der Freunde von Herrenchiemsee sei es zu verdanken, dass zunächst der Latonabrunnen wieder instand gesetzt werden konnte. Ab 1985 erfolgte die Rekonstruktion der Kiesornamente in den beiden Blumenparterres, dann der Fama- und Fortunabrunnen (1994) und der große Kanal (1996). „Jetzt können Sie die Gartenanlage Herrenchiemsee weitgehend wieder in jenem Zustand, wie ihn seinerzeit König Ludwig II. noch erleben durfte, bewundern.“ elk

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