Borkenkäferalarm im Chiemgau

von Redaktion

Bäume in Gefahr – Waldbesitzer müssen handeln

Traunstein – Der Klimawandel ist da. Auch im schönen Chiemgau. In Form von Hitze, Gewittern, Stürmen – manchmal aber auch auf sechs Beinen: Der Borkenkäfer feiert derzeit Rekorde. Die Problematik, so Wolfgang Madl vom Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AELF), sei nicht neu. Jeden Sommer warnt das Forstamt Waldbesitzer vor dem Schädling, aber: „Durch die extreme Trockenheit haben wir dieses Jahr besonders starke Schwärmkurven.“ Er habe eine solche Entwicklung bislang noch nicht beobachtet.

40 verschiedene
Borkenkäferarten

Die Käfer fühlen sich wohl. Mögen sie es denn gern heiß? Dazu müsse man wissen, so Madl, dass es zirka 40 verschiedene Borkenkäferarten gibt, uns plagt vor allem der sogenannte Buchdrucker. Er hat sich auf Fichten spezialisiert. Unter der Rinde des Baumes nisten die Käfer und legen ihre Eier. Die Tiere selbst brauchen nicht zwingend sommerliche Temperaturen. Sie können bei Temperaturen bis zum Gefrierpunkt überleben.

Die Fichte wiederum kann mit der zunehmenden Trockenheit nicht gut umgehen: „Sie ist die durstigste Baumart, die wir haben“, so Madl. Eigentlich wehrt sich der Baum bei einem Käferbefall mit der Produktion von Harz. Und dazu braucht er Wasser: Die steigende Tendenz der Waldschutzproblematik korreliere mit dem Klimawandel, so Madl. Das ist an der diesjährig extremen Borkenkäfersituation gut nachvollziehbar: Drei Generationen bilden sich über ein Jahr. Die letzte überwintert unter Baumrinden und schwärmt bei zirka 18 Grad im Frühjahr aus.

Das war dieses Jahr bereits im März der Fall.: „Da konnten wir beobachten, dass schon besonders viele Käfer unterwegs waren.“ Madl vermutet, dass außergewöhnlich viele Tiere aus dem vergangenen Jahr überwintern konnten. Das wiederum hänge womöglich mit der erhöhten Menge an Holz aus Schneebruch und Stürmen zusammen, weitere Phänomene, die durch den Klimawandel vermehrt auftreten. Und jetzt? Die dritte Borkenkäfergeneration steht bereits in den Startlöchern, und die Population der Tiere wächst expotenziell: „Diese Reproduktionsrate macht den Schädling hier so aggressiv, so gefährlich. Und darum ist es wichtig, dass Waldbesitzer jetzt handeln.“ Die Lage ist ernst: Derzeit gelte für den Borkenkäferbefall zwar die Warnstufe Gelb, aber im Norden des Landkreises schrillen die Alarmglocken noch lauter: „Der Revierleiter aus dem Bereich Trostberg und Altenmarkt hatte angeraten, eventuell schon die nächst höhere Warnstufe auszuweisen, wir stehen also bereits kurz vor Warnstufe Rot“, berichtet Madl. Die Gegend sei besonders trocken und die Ausbreitung des Käfers schon immens. Auch die Gebiete um Teisendorf, Saaldorf-Surheim, Surberg, Laufen und Ainring gelten als Hotspots.

Und was können nun die Waldbesitzer tun? Zunächst müsse man laut Madl erkennen, wo der Käfer aktiv ist. Die fliegenden Jungkäfer der zweiten Generation bohren sich derzeit in geschwächte Fichten ein, um dort ihre Eier für die dritte Generation abzulegen. „Beim Einbohren entsteht feines Bohrmehl, das wie Sägespäne am Stamm herunterrieselt“, erklärt Madl. Besonders gut sichtbar sei dies am Stammfuß – etwa auf Moos oder in Spinnennetzen. Weitere Anzeichen seien sichtbare Einbohrlöcher, oder Fraßbilder unter der Rinde, auch der Specht ist gern an befallenen Bäumen aktiv. Das Forstamt bietet Lehrgänge für Waldbesitzer rund um das Thema Borkenkäferbefall, um einen Befall rechtzeitig erkennen zu können. Ist ein betroffenes Gebiet ausgemacht, hilft es nur, so Madl, die Bäume möglichst schnell zu entfernen: „Die ganze Kunst ist eben jetzt rechtzeitig, bevor die dritte Generation schlüpft, zu reagieren und den Baum zu fällen.“ Das Zeitfenster ist knapp, zirka sechs Wochen vergehen zwischen dem Einbohren der zweiten und dem Schlüpfen der dritten Generation. Wichtig auch: das Holz schnellstmöglich aus dem Wald zu befördern und ins Sägewerk zu bringen. Und dazu seien Waldbesitzer gesetzlich verpflichtet.

Wer sich nicht kümmert, kann zunächst verwarnt werden, muss aber in letzter Konsequenz damit rechnen, dass das Forstamt in Eigenregie dafür sorgt, dass die Bäume gefällt und entfernt werden – mit entsprechender Rechnung im Briefkasten.

Meistens bleibe es aber bei der Verwarnung, so Madls Erfahrung. Warum so streng? Man könne noch so gewissenhaft in seinem Wald den Borkenkäfer bekämpfen, das helfe alles nichts, wenn der Nachbar dabei nachlässig ist. Käfer hielten sich nun mal nicht, so Madl weiter, an Grundstücksgrenzen. Darüber hinaus gilt aber generell: „Bei uns geht es nicht primär um die wirtschaftliche Prosperität des Waldbesitzers, bei uns geht es primär darum, dass der Wald erhalten bleibt, damit die Öffentlichkeit auch weiterhin im Wald spazieren gehen kann, Holz geerntet werden kann.“ Den Waldbesitzern kommt dabei eine wichtige Rolle zu, die sicherlich, so Madl, derzeit eine Herausforderung darstellt. Aber für diesen wertvollen Beitrag, sich um unsere Wälder zu kümmern, gäbe es auch Unterstützung: „Man kann sich jederzeit an die Revierleitung wenden, einen Termin vereinbaren.“

Förderungen zur
Wiederaufforstung

Außerdem gäbe es nach Schäden auch Förderungen zur Wiederaufforstung. Und da setzte man schon seit vielen Jahren darauf, mehr Baumarten zu fördern, die dem trockeneren Klima besser gewachsen sind, als die Fichte. Wolfgang Madl macht Mut, appelliert zum Durchhalten: „Im Moment ist es schon teilweise schlimm für die Betroffenen, aber wir müssen uns auf die positive Aussicht fokussieren. Wenn die Verhältnisse in meinem Wald stimmen und ich ein bisschen was dazu beitrage, habe ich jetzt die Möglichkeit, auch der kommenden Generation einen Wald zu hinterlassen, der Zukunft hat.“

Artikel 1 von 11