Zwillinge schreiben Segelgeschichte

von Redaktion

Eigentlich sollten Lucas und Moritz Hamm gar nicht bei der Segel-Europameisterschaft am Gardasee teilnehmen. Denn die 29er-Bootsklasse, eine Jugendbootsgröße, hatten sie schon verlassen. Mit der Unterstützung von Mutter Anne-Marie überzeugten sie auch ihren Trainer und reihten sich ein letztes Mal in dieser Klasse am Start ein – mit historischem Erfolg.

Prien Noch nie gewann ein deutsches Duo die größte Jugendboot-Klasse, die 29er-Boote, bei internationalen Segelmeisterschaften. Die Zwillinge Lucas und Moritz Hamm aus Prien wurden am Gardasee Europameister. „Auf dem Wasser war es uns nicht direkt klar, erst als dann zwei Trainer auf uns zugeballert sind, haben wir es realisiert und voll gefeiert“, erzählt Lucas im Gespräch mit der Chiemgau-Zeitung. Sein Zwillingsbruder Moritz ergänzt: „Wir haben nicht damit gerechnet, dass es so gut läuft. Das hat es noch besonderer gemacht, weil wir nichts erwartet hatten und es mehr zum Spaß war. Aber vielleicht war es auch genau deshalb so gut, weil wir es ohne Druck und ganz entspannt angegangen sind.“

Erfolgreicher
Abschluss

Seit diesem Jahr fahren die beiden 17-Jährigen nämlich eigentlich die größere Bootsklasse, die olympische Frauenklasse. Für die beiden ein Übergangsboot zur männlichen olympischen Bootsklasse. „Wir wollten zum Abschluss noch mal die Jugendsportklasse genießen und das war für uns das coolste 29er-Event bisher“, meint Moritz. „Sie sind als Überzeugungstäter angetreten, sie wollten da unbedingt hin und wollten alle ihre Freunde noch mal treffen“, beschreibt Mutter Anne-Marie Hamm. Sie freute sich mit ihrem Mann natürlich für ihre beiden Söhne: „Die beiden segeln, seit sie sechs Jahre alt sind, und haben inzwischen auch nichts anderes mehr im Kopf. Im Leistungssport steckt man auch viel ein und es gibt große Enttäuschungen. Da ist so ein Titel sehr besonders.“ Zehn weitere Jugendliche vom Chiemsee Yacht Club (CYC) waren ebenfalls am Gardasee am Start.

Angefangen zu segeln haben die beiden Brüder im Priener Club. Schon recht früh war den beiden der Chiemsee zu klein beziehungsweise bot ihnen zu wenig Wind. „Mit neun, zehn, elf Jahren ging das bei uns los, dass wir Regatten segelten und dann fährt man plötzlich immer weiter“, erklärt Moritz. Nach den bayerischen Seen, Chiemsee, Simssee, Tegernsee, und dem Gardasee, den er aufgrund der Nähe dazuzählt, ging es immer weiter. „Mit 15, 16 waren wir dann in der 29er-Klasse und sind bis Kiel oder auch Barcelona, Mallorca und Schweden gekommen“, so Moritz Hamm. Je besser die beiden wurden, desto weiter wurden auch die Strecken.

Logistisch auch ein hoher Aufwand für die Familie: „Am Anfang dachten wir, die Kinder segeln hier um die Ecke am Chiemsee, da war es schon ein Aufwand, bis nach Seebruck zu kommen.“ Aber auch die Eltern wuchsen mit ihren Aufgaben. „Diese leuchtenden Augen von Sportlern, gerade wenn es zwei sind und gemeinsam in einem Boot sitzen, sind besonders schön. Vor allem, wenn man sie dann zusammen feiern sieht“, beschreibt Anne-Marie Hamm, die Jugendwartin im CYC ist. Gerade dieser Sommer ist für die Hamms eine intensive Reisezeit: Ende Mai ging es zum Lipnosee in Tschechien, anschließend Training in Dänemark und Teilnahme bei der Kieler-Woche. Vier Tage zu Hause mit vier Schulaufgaben und EM am Gardasee folgte, dann wieder Prien. Jetzt geht es weiter nach Danzig und anschließend zur WM in die Nähe von Kopenhagen.

Die Frage, wie die beiden dabei Schule und Segeln unter einen Hut bekommen, wird ihnen bei diesem Terminplan häufig gestellt. „Es hat schon schlechter geklappt“, gibt Moritz zu und verrät, warum es jetzt besser ist: „Wir haben den Schalter umgelegt und verstanden, dass wir mit den Lehrern zusammenarbeiten müssen. Wir sind im Austausch mit ihnen und auch dem Schulleiter. Früh kommunizieren und wenn wir da sind, wollen wir Vollgas geben, dann sind die Lehrer auch zufrieden und haben volles Verständnis.“

Lucas ergänzt, dass auch Freunde helfen, die ihnen die Sachen nachtragen und entgegenkommen. „Vor allem Bene, der ist mega gut in der Schule und gibt uns im Notfall Nachhilfe, der ist wirklich ein Schatz. Ein Dankeschön geht auch an Emilia.“

Auf dem Segelboot sind die Rollen nach außen klar verteilt. Lucas übernimmt das Steuer, Moritz ist für den Speed verantwortlich. „Aber bei uns ist das komplett alles in Abstimmung. Wir kommunizieren super viel“, beschreibt Lucas. Die Absprache sei dabei nicht so wie bei anderen: „Als Zwillinge verstehen wir uns besser und denken wahrscheinlich eher das Gleiche.“ Moritz ergänzt: „Lucas hat am Ende das Steuer in der Hand, aber alle Entscheidungen werden gemeinsam getroffen. Lucas hat das letzte Wort, aber ich schaue schon darauf, dass ich mich durchsetzen kann. Wir finden immer einen guten Mittelwert.“

Gemeinsam
stark

Auch sonst machen die beiden sehr viel gemeinsam: Laufen, Radfahren, FIFA spielen und Gym zählen sie auf. „Alle sechs, sieben Tage brauchen wir ein bisschen Pause voneinander“, gibt Lucas zu. Eine Freizeitbeschäftigung, die einer alleine macht, gibt es aktuell nicht: „Früher habe ich mehr Gym gemacht, aber davon habe ich Lucas jetzt auch überzeugt“, so Moritz. „Es ist tatsächlich auch anstrengend, aber es ist cool, weil man sich in allem pusht und überall der Bessere sein will.“ Gemeinsam im Boot wollen sie auf dem Weg zum Fernziel Olympische Spiele bei der WM besser als andere sein und sich für einen höheren Kaderplatz präsentieren.

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