Wie Schrankenwärter Engelbert Steiner in Übersee zum Opfer wurde

von Redaktion

Schüler der achten und neunten Klassen beschäftigten sich mit der NS-Zeit in der Region

Grassau – War der Schrankenwärter Engelbert Steiner eine schillernde Person, ein Widerstandskämpfer oder doch ein Bauernopfer? Informationen hierüber und wie die Justiz mit dem angeblichen Verräter nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten umgegangen ist, darüber informierte Historiker Friedbert Mühldorfer.

Still lauschten die Schüler der achten und neunten Klassen der Grund- und Mittelschule Grassau den Ausführungen. Die Schüler hatten sich im Vorfeld mit der Person Steiner beschäftigte. Schulleiter Marcus Ullrich dankte dem Autor und Max-Fürst-Preisträger Mühldorfer für diese praktische Lehrstunde.

Vor acht Jahren habe er, Mühldorfer, begonnen den Fall Steiner näher zu recherchieren. Erinnert wird an den Schrankenwärter Engelbert Steiner mit einer Gedenktafel am Überseer Bahnhof. Engelbert Steiner, das wisse man, sei ein sportlicher, junger Mann gewesen und war in Übersee bekannt, hatte mit 24 Jahren Theresa geheiratet und mit ihr ein kleines Bauernsacherl bewirtschaftet. Dieses reichte nicht aus, um eine sechsköpfige Familie zu ernähren, und so verdiente sich Engelbert Steiner zudem als Schrankenwärtertwas dazu. Autor Mühldorfer informierte zudem über die politischen Verhältnisse in Übersee im Jahr 1933 mit SPD und KPD, die mehr Stimmen auf sich vereinigen konnten als die NSDAP. Er erklärte, dass sich diese Partei eigentlich nationalistisch-rassistische Partei hätte nennen müssen, denn diese war weder sozial noch für die Arbeiter da. Als die NSDAP die Macht übernahm, wurden in allen Rathäusern Hakenkreuzfahne gehisst. Im „Chiemgau Bote“ wurde im April 1933 berichtet, dass sich Deutschland gegen die jüdisch-marxistische Welthetze wehre. Damit wurde den Juden und den Marxisten der Kampf angesagt. Steiner wurde denunziert und ausgehorcht von dem Sohn seines Arbeitskollegen. Steiner, der als redselig und großspurig galt, machte keinen Hehl aus seiner Abneigung gegen Krieg, Partei und Hitler. Er war aber kein Widerstandskämpfer, gab nur offen seine Meinung wieder. Der Arbeitskollege meldete Steiner dem Bürgermeister Eugen Weber und dieser wiederum gab die Meldung ans Landratsamt weiter. Mühldorfer eindringlich: „Der Vater hätte dem Bürgermeister nichts sagen müssen und der Bürgermeister nicht dem Landrat.“ Sie hätten die Möglichkeit gehabt, anders zu handeln. Wahrscheinlich, so vermutet Mühldorfer, wollte die kleine Gemeinde auch einmal im Fokus stehen und eine Zeitungsmeldung generieren. Die Gestapo machte aus den flapsigen Bemerkungen des Schrankenwärters Hochverrat. Über ein Jahr war Steiner im Gefängnis, bis er in Berlin zum Tode verurteilt wurde. Dort wartete er sechs Wochen auf seine Hinrichtung durch den Strang. Mühldorfer berichtete, dass ein zweiter Überseer, Georg Zeißl, meist vergessen wird, aber mit Steiner inhaftiert wurde. Er erhielt eine milde Strafe, während Steiner zum Tode verurteilt wurde. Mühldorfer erklärte auch, dass es sich damals nicht um unabhängige Gerichte gehandelt habe und über 5000 Todesurteile ausgesprochen habe. Steiners Frau Therese habe mehrere Gnadengesuche, die alle abgelehnt wurden, geschrieben. Im September 1943 wurde Steiner mit weiteren 180 Menschen erhängt. Wenig rühmlich war auch die Nachkriegszeit. So habe Therese Steiner den Kollegen von Steiner und den Bürgermeister angezeigt. Die Beschuldigten hatten sich gegenseitig die Schuld zugeschoben, sodass beide nur eine geringe Strafe erhielten, wusste der Historiker. Das Bild von Bürgermeister Weber hängt heute noch im Überseer Rathaus. Mühldorfer betonte, dass auch nach dem Krieg die Nazis noch da waren und Gegner und Verfolgte weiterhin ausgegrenzt wurden. tb

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