Grassau/Übersee – Als der Chiemgauhof in Übersee mit einem großen VIP-Aufgebot eröffnet wurde, stand Edip Sigl am Grill. Stundenlang schnitt der mit drei Michelin-Sternen gekrönte Ausnahmekoch bei Regenwetter Wagyu-Steaks in mundgerechte Stücke. Für die wartenden Gäste in der langen Schlange gab es als Zugabe noch ein Lächeln, ein paar nette Worte und auf Wunsch auch noch ein Selfie mit der Koch-Legende.
Die Szenerie wirkte überhaupt nicht so, wie ein gestresster Sternekoch in dem Film „Im Rausch der Sterne“ dargestellt wird. In dem Streifen mit Weltstar Bradley Cooper in der Hauptrolle und Daniel Brühl wird ein Bild gemalt, dass die außergewöhnlichen Leistungen in Gourmet-Tempeln nur durch eine Mischung aus Drogen, Mobbing und Besessenheit möglich sind. Aber ist das wirklich so?
Edip Sigl kann über die Frage danach nur lächeln. „Viele Menschen haben noch ein verzerrtes Bild von Sterne-Gastronomie. Spitzengastronomie ist wie Hochleistungssport. Man muss fokussiert, fleißig, ehrgeizig und immer in Topform sein“, sagt der Chefkoch des Restaurants „es:senz“ im Grassauer Resort „Das Achental“ im Gespräch mit der Chiemgau-Zeitung. Im Juni wurde das Aushängeschild der Hotel-Legenden Dieter Müller und Ursula Schelle-Müller erneut mit drei Michelin-Sternen ausgezeichnet. Von dem Sterne-Druck lässt sich Sigl jedoch nicht verrückt machen: „Du hast es ohnehin nicht selbst komplett in der Hand. Es geht darum, jeden Tag abzuliefern und jeden Tag den perfekten Geschmack des Chiemgaus auf den Teller zu bringen. Wenn du nur an die Sterne denkst, gehst du kaputt und verlierst die Lässigkeit, die nötig für Topleistungen ist.“
Apropos Lässigkeit: Was macht ein Sternekoch wie Edip Sigl eigentlich seinen Kindern aufs Frühstücksbrot? Etwa Saiblings-Kaviar oder Wagyu-Rind wie in seinem Gourmet-Tempel?
Edip Sigl kann über diese Vermutung nur müde lächeln. „Ich habe immer Frühstücksdienst für unsere Kinder und mache meinen zwei Mädels die Brote“, erzählt er: „Sie bekommen das, was sie gern drauf haben wollen, nichts Extravagantes. Mal ist es nur Frischkäse, mal Tomate mit Mozzarella, dazu frisches Obst und Gemüse, dann passt das.“ Selbst ein Sternekoch hat also noch Zeit für die Familie und „mehrmals im Jahr fix definierten Betriebsurlaub. Natürlich mache auch ich mit meiner Familie Urlaub. Wir reisen gerne und schauen uns die Welt an.“ Damit steht er bei den Gourmet-Köchen aus der Region nicht allein da.
Auch Rico Birndt, der sich mit seinem Restaurant
„June“ in Übersee einen Michelin-Stern plus den grünen Stern für Nachhaltigkeit verdient hat, nimmt sich genügend Zeit für die schönen Sachen abseits der Perfektion in der Gourmet-Küche. Kurz nach der Eröffnung seines Restaurants wurden seine Zwillinge geboren, in diesem Jahr hat er seine große Liebe geheiratet. „Ich fange jeden Tag erst gegen 13 Uhr an“, berichtet er. „Die Selbstständigkeit und mein tolles Team geben mir genug Freiheit, für meine Kinder da zu sein.“ lb