Siegsdorf – Es geschah am Dienstagnachmittag vor einer Woche im Gewerbegebiet nahe der Autobahnausfahrt Siegsdorf West. Auf dem Netto-Parkplatz steigen Leute aus ihren Autos, gehen noch mal ihre Einkaufsliste durch. Zunächst scheint alles ganz normal. Dann aber: Zwei Männer betreten den Discounter, ziehen sich Sturmmasken über und verlangen mit vorgehaltener Waffe Geld von den Mitarbeitern.
Mit Messer und
Schreckschusspistole
„Da gehört schon eine hohe kriminelle Energie dazu, so etwas zu machen.“ Michael Spessa von der Pressestelle des Polizeipräsidiums Oberbayern Süd ordnet die Tat als durchaus schwerwiegend ein, da sei eine Hemmschwelle überschritten worden. Details in der Pressemitteilung verraten: Zwei 19-Jährige seien an dem Tag mit Messer und Schreckschusspistole in den Discounter gegangen, um Bargeld zu rauben. Ein dritter, 28-jähriger Mann wartete im Fluchtfahrzeug auf dem Parkplatz.
Vermutlich hatten sie die Netto-Filiale nahe der Autobahn gewählt, um so schnell das Weite suchen zu können. Womit die Täter nicht gerechnet haben – vier Zeugen stellen sich ihnen auf der Flucht in den Weg und schaffen es, sie aufzuhalten, bis die Polizei eintrifft. Die vier couragierten Männer, berichtet Polizeisprecher Spessa, hätten sich vorher nicht näher gekannt.
Zwei von ihnen hatten bereits Verdacht geschöpft, als die Täter den Supermarkt betraten. Es gab zum Glück kaum Widerstand, so Spessa, die Räuber seien wohl schlichtweg zu perplex gewesen, daher kam es zu keinerlei Handgemenge. Auch das rasche Eintreffen der Polizei, nach bereits circa vier Minuten habe zu einem guten Ausgang geführt – niemand wurde verletzt.
„Kein Geld der Welt ist es wert, dass in einem solchen Fall eine Person zu Schaden kommt“, so Spessa. Die Polizei sei immer sehr dankbar für Menschen mit Zivilcourage und Engagement, aber nur so weit, dass man sich selbst nicht in Gefahr begibt. Bei einem bewaffneten Raubüberfall wie dem in Siegsdorf rät die Polizei eindringlich davon ab, selbst einzuschreiten. Zugleich wolle man, so Spessa, den Einsatz der vier Zeugen nicht schmälern. Aber lieber nichts riskieren – das gilt auch für die Mitarbeiter in einem solchen Fall: „Da sollte keiner den Helden raushängen lassen.“
Die Juniorchefin Marilena von Edeka Pfeilstetter betont, dass im Ernstfall stets die eigene Sicherheit Vorrang habe. Mitarbeitende sollten lieber das Geld herausgeben, statt sich in Gefahr zu bringen – alles sei versichert. Auch bei Diebstählen im Markt rät sie zur Zurückhaltung: Selbst wenn der Impuls verständlich sei, lohne es sich nicht, Täter zu verfolgen. Wurde eine ihrer Filialen bereits überfallen?
„Gott sei Dank bislang nicht“, erzählt Pfeilstetter erleichtert. Einbrüche gäbe es allerdings sehr häufig. Der Grund? Wo finde man heutzutage noch viel Bargeldbestand, erklärt sie. Aber auch das sei zurückgegangen, die meisten Kunden zahlen mit Karte. Zudem gebe es verschiedene Sicherheitsmaßnahmen: Kameras, Alarmanlagen und das Bargeld wird täglich zu unterschiedlichen Zeiten weggebracht.
Das bestätigt auch die Chefin von Edeka Kaltschmid, Monika Schwarzenböck: „Potenzielle Diebe sollten es sich wirklich gut überlegen.“ Ein, vor allem bei Schwarzenböck sehr guter Ratschlag, sie ist Vizeeuropameisterin im Gewichtheben und somit wohl die stärkste Edeka-Händlerin Deutschlands. Aber darauf verlässt sie sich natürlich nicht: Die Kameras zum Beispiel, die bei ihnen in den Filialen installiert sind, seien keine Attrappen. Es würde, so Schwarzenböck, alles festgehalten. Einen Dieb konnten sie so sogar schon stellen, ein eigener Mitarbeiter, wie sich herausstellte. Einen Raubüberfall gab es auch bei Edeka Kaltschmid noch nicht.
Trotzdem gilt auch hier: „Wenn da einer mit einer Knarre steht, haben alle die Anweisung, macht die Tür auf, gib ihm alles, was er verlangt.“ Statt einzuschreiten, so Schwarzenböck, wäre es sinnvoll, sich Details zum Täter zu merken, vielleicht sogar sofort nach dem Überfall aufzuschreiben. Das bestätigt auch Michael Spessa vom Polizeipräsidium Oberbayern Süd: „Aussehen merken, vielleicht ein Kennzeichen, irgendwelche Auffälligkeiten“, und so Spessa weiter, sich, wenn möglich, Hilfe bei anderen Personen zu suchen. „Also konkret Umstehende ansprechen: Du rufst die Polizei, du merkst dir das Nummernschild“, da viele Menschen, erklärt Spessa, sich in einem Schockzustand befinden würden.
Aussehen und
Kennzeichen merken
Vor allem die Mitarbeiter sind nach einem solchen Raubüberfall oft nachhaltig traumatisiert. Auch die betroffenen Angestellten der Netto-Filiale mussten laut Pressemitteilung psychologisch betreut werden. Zwei der drei Täter, allesamt Deutsche aus dem Traunsteiner Landkreis, befinden sich bereits in Untersuchungshaft, „weil man davon ausgeht, dass die zu erwartende Freiheitsstrafe so hoch ist, dass sie sich dem Verfahren durch Flucht entziehen“, so Spessa.