Einmarsch der Amerikaner in Ruhpolding

von Redaktion

„Please don’t do this soldiers!“ – Zeitzeugen erinnern sich an den 5. Mai 1945

Ruhpolding – In Ruhpolding gibt es einen heimatliebenden Mitbürger, der über Jahrzehnte Erinnerungen aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs bewahrt hat: Altbürgermeister Herbert Ohl (Jahrgang 1932). Er hat Material aus seinem Fundus zur Verfügung gestellt. Darunter sind Berichte von Augenzeugen, die schildern, was damals im Gebirgsdorf geschah, als man mit Bangen dem Einmarsch der Amerikaner entgegensah.

Neue Begriffe
im Gepäck

Ohl schrieb auf, was geschah, als im Mai 1945 amerikanische Fallschirmjäger in Ruhpolding einmarschierten: „Der Leiter des Lazaretts, Dr. Zehetbauer, fuhr mit einer weißen Flagge dem anrückenden Gegner zur Übergabe des Ortes bis Neustadl entgegen.“ Ohl hat auch die Erinnerungen von Anton Plenk (Jahrgang 1932) an den Einmarsch aufgezeichnet. Plenk schilderte: „Der Einmarsch war ja von den amerikanischen Truppen bereits für den 4. Mai geplant. Nachdem aber in Eisenärzt die Brücke gesprengt wurde, verzögerte sich dies. Am 5. Mai war es dann so weit. Unser Haus an der Zellerstraße war voll belegt mit Ausgebombten und Evakuierten. Als der Zeitpunkt des Einmarsches kam, haben sich alle in den Luftschutzkeller begeben.

Als sich nach längerer Zeit nichts bewegte, wurde ich beauftragt, im Speicher aus der Dachluke zu schauen. Ich sah die gesamte Straße voller Militärfahrzeuge. Durch Zufall bewegte sich ein Panzerturm in meine Richtung. Ich bin so erschrocken, dass ich sofort wieder in den Keller geflüchtet bin. Jedoch fuhr ein Jeep mit dem Bürgermeister auf unseren Hof und teilte uns mit, dass wir sofort das Haus zu räumen hätten!

In der Ortsmitte wurde die Wiese als Sammelplatz für die gefangenen deutschen Soldaten genutzt. Das Hauptquartier der Amerikaner war das beschlagnahmte Ruhwinkl, Hotel Forsthaus und Hotel Wittelsbach. Mit dem Einmarsch kamen auch neue Begriffe wie Schwarzmarkt, hamstern, Eierpulver oder Corned Beef in den Alltag.

Ulli Huber, genannt „Gassner-Ulli“, war bei Kriegsende zwölf Jahre alt. Er schrieb an Herbert Ohl: „Den Einmarsch der Amis erlebte ich sehr genau. Es war circa 13 Uhr, und ich stand in der Pfarrgasse. Als Erstes sah ich Jeeps und dann etliche Panzer. Einer davon richtete spaßeshalber sein Geschütz in unsere Richtung. Wir hatten in der Schule eine Lehrerin bekommen, die Dolmetscherin war. Sie hat einige von uns etliche Monate vor Kriegsende in Englisch unterrichtet – geheim und freiwillig. Als der Soldat das Geschütz auf uns gerichtet hatte, habe ich gerufen: ‚Please don’t do this soldiers!‘ Daraufhin kam der ganze Pulk zum Stehen, der Soldat sprang auf mich zu und sagte: ‚Hello boy, how are you, you speak English?´ Er brachte mir Schokolade, Kaugummi und etliche Pakete Tagesrationen. Später war ich ständig bei den Besatzern. Meine Hauptaufgabe war es, für zu Hause Essen zu beschaffen. Als Entgelt gab es Tagesrationen, Zigaretten, Schokolade, Kaffee pur und anderes mehr.“

Dolmetschen
gegen Schokolade

Kurz und knapp schilderte der Ruhpoldinger Pfarrer Josef Eder das Kriegsende. Er schrieb, dass Ruhpolding als Lazarettdorf von Bombenschäden verschont blieb und die Übergabe am 4. Mai ohne Zwischenfall erfolgte. Der amerikanische Kommandeur habe volle Freiheit für kirchliche Angelegenheiten zugesagt. „Im Ganzen aber benehmen sich die meisten der Besatzungstruppen anständig und geben durch ihren religiösen Eifer der Bevölkerung ein gutes Beispiel“, so der Pfarrer. Zugleich kritisierte er jedoch auch das Verhalten mancher Frauen gegenüber den Soldaten und die Beschädigung von Fluren durch schwere Panzer.

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