Landkreis Traunstein/Chiemgau – Wer im Chiemgau einen Termin beim Augenarzt, Chirurgen oder Hautarzt braucht, hat es im Vergleich zu vielen anderen Regionen in Bayern leicht. Die Wartezimmer sind voll, aber die Praxen sind immerhin vorhanden. Doch der Schein der sorgenfreien medizinischen Versorgung trügt an mancher Stelle, denn: Eine tiefer gehende Analyse der offiziellen Daten der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns (KVB) offenbart ein System, das auf eine kritische Zukunft zusteuern könnte. Die heutige komfortable Situation stützt sich vielerorts auf eine Ärztegeneration, die in den nächsten Jahren in den wohlverdienten Ruhestand geht. Die große Frage lautet: Wer kommt danach?
Die fachärztliche Versorgung im Landkreis Traunstein ist keine der Fläche, sondern eine der Zentren. Die überwältigende Mehrheit der Praxen konzentriert sich auf die Große Kreisstadt Traunstein und die Stadt Traunreut. Diese Konzentration ist bei fast allen untersuchten Fachrichtungen zu beobachten – ein paar Beispiele:
Dramatische
Überalterung
Die größte Sorge bereitet die Altersstruktur in gleich zwei zentralen Fachbereichen. Die Versorgung bei Chirurgen und Orthopäden ist mit einem Versorgungsgrad von 224 Prozent zwar auf dem Papier mehr als doppelt so hoch wie nötig. Doch das Durchschnittsalter von 54,4 Jahren ist besorgniserregend. 11 der 40 Fachärzte (27,5 Prozent) sind 60 Jahre oder älter. Finden diese in den kommenden Jahren keinen Nachfolger, bricht mehr als ein Viertel der Versorgung weg. Erschwerend kommt hinzu, dass es sich um eine fast reine Männerdomäne handelt (92 Prozent Männer), was auf strukturelle Hürden für Medizinerinnen hindeuten kann.
Noch kritischer ist die Lage bei den Augenärzten. Zwar ist der Versorgungsgrad mit 118,54 Prozent nicht ganz so extrem, doch die demografische Klippe ist hier am steilsten. Fast 39 Prozent der 18 Augenärzte sind 60 Jahre oder älter. Das Durchschnittsalter (53 Jahre) liegt bereits ein Jahr über dem bayerischen Schnitt.
Hautärzte und der stabile Fels HNO
Etwas entspannter, aber nicht sorgenfrei ist die Situation bei den Hautärzten. Der Versorgungsgrad ist mit 175,8 Prozent ebenfalls extrem hoch. Die zwölf Dermatologen sind mit einem Durchschnittsalter von 50,8 Jahren aber deutlich jünger als ihre Kollegen der Chirurgie. Dennoch: Auch hier ist jeder vierte Arzt (25 Prozent) bereits über 60. Positiv hervorzuheben ist die absolut ausgeglichene Geschlechterverteilung von sechs Ärztinnen zu sechs Ärzten.
Als Fels in der Brandung erweist sich die Versorgung mit Hals-Nasen-Ohren-Ärzten. Der Landkreis ist mit 123,71 Prozent ebenfalls überversorgt. Doch hier stimmt die Perspektive: Das Durchschnittsalter der sieben Fachärzte liegt bei nur 50 Jahren, und lediglich einer von ihnen hat die 60-Jahres-Marke überschritten. Dieser Fachbereich scheint den Generationswechsel bereits erfolgreich zu gestalten und ist ein Stabilitätsanker für die medizinische Zukunft der Region.
Trügerische Sicherheit
für die Schwächsten
Für zwei der sensibelsten Bereiche der medizinischen Versorgung – die Gesundheit unserer Kinder und die neurologische sowie psychische Gesundheit der Erwachsenen – malen die offiziellen Zahlen im Landkreis Traunstein ein auf den ersten Blick beruhigendes Bild. Für die Jüngsten in unserer Gesellschaft scheint mit einem Versorgungsgrad von 134,81 Prozent und 20 Kinder- und Jugendärzten für rund 30400 Heranwachsende bestens gesorgt zu sein.
Die Realität ist jedoch, dass diese Versorgung auf wackeligen Beinen steht. Fast jede dritte dieser Praxen steht vor einem Generationenwechsel: 30 Prozent der Kinderärzte, also sechs von 20, sind 60 Jahre oder älter. Das Rückgrat der Versorgung bilden die Städte Traunstein mit acht und Traunreut mit vier Praxen. Familien aus dem Achental, etwa aus Unterwössen oder Reit im Winkl, oder aus dem nördlichen Seengebiet um Waging haben ohnehin schon weite Wege. Die einzelnen Praxen in Orten wie Grassau, Siegsdorf oder Fridolfing sind für sie überlebenswichtige, aber oft alleinige Anlaufstellen.
Ein ähnliches Muster aus statistischem Reichtum und realer Knappheit zeigt sich bei den Nervenärzten. Der Versorgungsgrad ist mit 132 Prozent exzellent. Doch der Begriff ist ein Sammeltopf, der für Hilfe suchende Patienten die Realität verzerrt. Wer an Parkinson leidet, sucht einen Neurologen. Wer unter Depressionen oder Angststörungen leidet, benötigt dringend einen Psychiater. Von den 15 Fachärzten im Landkreis sind jedoch nur vier reine Psychiater. Ihnen stehen acht Neurologen gegenüber. Gerade im Bereich der psychischen Erkrankungen, wo der Bedarf seit Jahren dramatisch steigt, ist das Angebot also deutlich geringer, als die Statistik suggeriert.
Auch hier droht eine Verschärfung, da 27 Prozent der Ärzte kurz vor dem Ruhestand stehen. Die räumliche Verteilung zementiert die Versorgungslücke zusätzlich: Mit Praxen ausschließlich in Traunstein, Traunreut und Trostberg entsteht ein regelrechter „Patienten-Tourismus“ aus den Chiemseegemeinden und dem Rupertiwinkel, die für jeden Facharztbesuch lange Fahrten auf sich nehmen müssen.
Statistischer Reichtum
mit realen Lücken
Während einige Fachbereiche vor allem also durch eine demografische Krise bedroht sind, offenbart der Blick auf das breite Fundament der Grund- und Spezialversorgung im Landkreis Traunstein ein anderes, aber nicht minder gravierendes Problem: Hinter beeindruckenden Versorgungszahlen verbergen sich gefährliche Schieflagen, die von einer extremen Zentralisierung, alarmierenden Versorgungslücken und strukturellen Defiziten geprägt sind.
Das dominanteste Muster ist die massive Konzentration auf die Kreisstadt Traunstein. Dies wird bei der gynäkologischen Versorgung am deutlichsten: Von den 27 Frauenärzten im Landkreis praktizieren allein 18, also exakt zwei Drittel, in Traunstein. Für Frauen aus dem Achental oder dem Rupertiwinkel bedeutet dies eine enorme Abhängigkeit von den wenigen Praxen im Umland oder den Zwang zu langen Fahrten, was gerade in der Schwangerschaftsvorsorge eine erhebliche Belastung darstellt. Noch stärker ausgeprägt ist diese Zentralisierung bei den Urologen. Fünf der nur sieben Praxen befinden sich in Traunstein, was den gesamten südlichen und östlichen Landkreis zu einem weißen Fleck auf der Landkarte macht.
Wenig Vielfalt,
starke Konzentration
Eine ganz andere, aber nicht minder gravierende Lücke zeigt sich bei den fachärztlich tätigen Internisten. Während der Landkreis mit 14 Kardiologen exzellent für Herzerkrankungen aufgestellt ist, ist die offizielle Überversorgung von 147 Prozent für viele Patienten ein Hohn. Für über 178000 Einwohner gibt es nur einen einzigen niedergelassenen Nephrologen (Nierenspezialist). Wer einen Facharzt mit Haupt-Schwerpunkt für Endokrinologie (Hormone) oder Angiologie (Gefäße) benötigt, sucht im Landkreis Traunstein gänzlich vergeblich und ist auf weite Fahrten angewiesen. Verschärft wird diese Situation dann noch zusätzlich: Über ein Drittel (35,4 Prozent) der regionalen Internisten ist 60 Jahre oder älter.
Ein fast schon beruhigender Lichtblick – wenn auch mit kleinem Schönheitsfehler – findet sich zuletzt in der Radiologie. Zwar ist die Region auch hier mit 152 Prozent auf dem Papier massiv überversorgt und die zehn Radiologen im Landkreis sind mit einem Durchschnittsalter von nur 50 Jahren vergleichsweise jung und versprechen Stabilität. Der Schönheitsfehler bleibt jedoch auch hier die Geografie: Die hoch technisierten und teuren Praxen konzentrieren sich in den bevölkerungsreichen Zentren, sodass für eine MRT- oder CT-Untersuchung viele Patienten aus den Chiemsee-Gemeinden und dem Umland zwangsläufig nach Traunstein pendeln müssen.
Ein System
am Scheideweg
Der Blick auf die Facharzt-Situation für den Chiemgau offenbart ein klares Fazit: Die reine Betrachtung von Versorgungsgraden zeichnet ein gefährlich verzerrtes Bild. Die starre, auf großen Zahlen basierende Bedarfsplanung blockiert Innovation und Verjüngung, während die bestehende Ärzteschaft vor einer massiven Ruhestandswelle steht. Die Herausforderung für die Gesundheitsversorgung im Landkreis Traunstein ist nicht eine vermeintliche Ärzte-Schwemme, sondern die Sicherstellung der Erreichbarkeit, die Bewältigung des Generationenwechsels und die Gewährleistung einer ausgewogenen Verteilung von Spezialisten.
Offizielle Statistiken bieten eine trügerische Sicherheit – die gefühlte Unterversorgung vieler Bürgerinnen und Bürger im Chiemgau ist die Realität, mit der sich die Gesundheitspolitik auseinandersetzen muss.