„Ich habe großes Glück gehabt“

von Redaktion

Traudl Waschin aus Übersee feiert 102. Geburtstag in Grassau – Ein „wandelndes Geschichtsbuch“

Grassau/Übersee – Erst seit acht Monaten ist Traudl Waschin nun im Seniorenheim Grassau und fühlt sich hier wohl. Dort durfte sie nun auch ihren 102. Geburtstag feiern. Zum Gratulieren kamen Übersees Bürgermeister Herbert Strauch sowie Grassaus Zweite Bürgermeisterin Daniela Ludwig, im Gepäck einen Geschenkkorb und eine Grassauer Ortschronik sowie eine Luftbildaufnahme von Übersee, der Heimatgemeinde der Jubilarin.

Auszeichnung mit Bürgermedaille

Traudl Waschin ist in Übersee bestens bekannt und das nicht nur, weil sie seit 1947 im VdK aktiv ist, sondern auch, weil sie immer im Ort unterwegs war, sich hier um die Gräber und um das Kriegerdenkmal kümmerte und zum 100. Geburtstag mit der Bürgermedaille ausgezeichnet wurde.

Die Seniorin ist ein wandelndes Geschichtsbuch. Ihre Kindheit in Übersee mit fünf Geschwistern war hart und voller Arbeit. Schon früh musste sie in der Landwirtschaft mithelfen. Wie sie bei der Geburtstagsfeier erzählte, hatten ihre Eltern die Hausmeisterarbeiten in der örtlichen Schule übernommen. Als dort ein Aushang hing, der den Nazis nicht gefiel, wurden ihre Eltern für eine Woche eingesperrt. Wieder zu Hause weinte ihre Mutter – laut Traudl Waschin nicht, weil sie schlecht behandelt worden war, sondern weil es eine Woche war, in der sie nicht arbeiten konnte. „Das war mein erster Urlaub“, zitiert Traudl Waschin ihre Mutter.

Die Jubilarin heiratete 1949 ihren Mann Alfred und schenkte zwei Söhnen, Alfred und Gerhard, das Leben. Heute ist sie stolz auf ihre zwei Enkelkinder und die sechs Urenkel.

Im VdK engagierte sich Traudl Waschin, organisierte die Ausflüge mit und war bei diesen selbstverständlich auch mit dabei. Begeistert nahm sie an den Faschingsveranstaltungen teil und wurde auch oft aufgrund ihrer kreativen Kostüme, die sie selbst nähte, ausgezeichnet. Auch beim Irmgard-Fest auf der Fraueninsel durfte Traudl Waschin nicht fehlen. Selbst mit 100 Jahren kümmerte sie sich noch um den Blumenschmuck beim Kriegerdenkmal, wusste Herbert Strauch zu berichten. Und immer, wenn er zum Gratulieren betagter Bürger ging, habe Traudl Waschin bereits angerufen und gratuliert. „Sie wusste die Geburtstage wie auch die Telefonnummer.“

Bis 96 auf dem
Radl unterwegs

Enkel Thomas erzählte bei der Geburtstagsfeier, dass Traudl Waschin immer auf der „Roas“ gewesen sei. Einen Termin bei ihr zu bekommen, sei oftmals schwieriger gewesen, als beim Papst eine Audienz. Dennoch habe sie immer auch einmal Zeit gehabt, auf ihre Enkelkinder aufzupassen.

Bis zum Alter von 96 Jahren war sie noch mit dem Rad unterwegs, danach musste der Rollator zur Fortbewegung dienen. „Ich bin mit dem Rad sogar bis Passau gefahren, um meiner Tante beim Hausbau zu helfen“, erzählte die Jubilarin. Auch Mann Alfred und der ältere Sohn mussten mit, und so fuhr man mit dem Rad nach Passau. Dort habe man zusammengeholfen, Stromkabel verlegt und Wände ausgeschlagen. Sie sei mittendrin gewesen, immer bereit, selbst Hand anzulegen, zu helfen und anzupacken.

„Ich bin oft auch nach Altötting, nach Ruhpolding und Reit im Winkl geradelt“, erzählte die 102-Jährige. Nur einmal sei es nötig gewesen, das Rad hinzuwerfen und zu rennen – beim Bombenangriff auf Traunstein. Traudl Waschin arbeitete damals am Bahnhof und hatte ihren freien Tag. Sie radelte gerade nach Traunstein, als die Tiefflieger kamen und das Gebiet mit Bomben überzogen. „Ich hab großes Glück gehabt“, erinnert sie sich.

Bis zu ihrem 100. Geburtstag sorgte sie noch selbstständig für sich. Nun gefällt es ihr im Seniorenheim in Grassau auch ganz gut. Sie hat Unterhaltung und kann jederzeit in den Garten. Besucht wird sie oft von ihrer Familie. Tamara Eder

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