Prien – Verena Bentele ist sauer. Die 43-Jährige findet, dass die Unionsparteien und Wirtschaftsvertreter mit ihrer Blockadehaltung gegenüber barrierefreier Infrastruktur eine kurzsichtige Wirtschaftspolitik betreiben. „Die Vertreter aus Wirtschaftsverbänden schauen nicht über den Tellerrand hinaus und erkennen nicht, dass sie sich einen großen Markt durch die Lappen gehen lassen“, so die Präsidentin des Sozialverbandes VdK.
Mehr Barrierefreiheit setzten die Wirtschaftsvertreter mit mehr Bürokratie gleich, schreibt die VdK-Präsidentin in einer Pressemitteilung. Damit werde die Kaufkraft von fast acht Millionen schwerbehinderter Menschen komplett ignoriert. „Dabei wären zum Beispiel rollstuhlgerechte Zugänge in Restaurants oder barrierefreie Menükarten einfache und effektive Maßnahmen, die Teilhabe ermöglichen und zugleich Wachstum generieren.“
Speisenkarte
für Blinde
Trifft Benteles Diagnose auch für den Tourismusort Prien zu? Wo bekommt man in Prien als Rollifahrer oder Rollatorschieber problemlos etwas zu essen? „Gute Frage“, konstatiert Florian Tatzel, Leiter des Tourismusbüros. Er kann sie nicht beantworten, bedauert er, weil er schlicht keinen Überblick habe. Eine Speisenkarte für Blinde habe er in Prien noch nie gesehen. „Ich befürchte, die gibt es eher nicht.“
„Prien ist sicher kein Vorbild für Barrierefreiheit“, sagt Martin Aufenanger. Der Dritte Bürgermeister der Marktgemeinde kümmert sich um viele soziale Angelegenheiten. Bei der Barrierefreiheit, räumt er ein, stößt er an seine Grenzen. Fortschritte, wie etwa abgesenkte Bordsteine, nicht nur an Kreuzungen, ließen sich mit dem derzeitigen Marktgemeinderat nicht erzielen, bedauert er.
Die abgesenkten Bordsteine fände vermutlich auch Helga Stampfl gut. Sie kümmert sich in der Gemeindeverwaltung um die Seniorenprogramme und muss dabei auch immer berücksichtigen, wie zugänglich die verschiedenen Veranstaltungsorte für die älteren Herrschaften sind. Eine Stufe oder zwei gehen oft auch mit Rollator, zumal wenn eine helfende Hand nahebei ist. Die Toilette auf einem anderen Stockwerk, da wird‘s ohne Aufzug bitter.
Die zwei Stufen sind aber deutlich zu viel, wenn Helga Stampfl mit ihrem Sohn unterwegs ist. Er sitzt im Rollstuhl. „Ich kann mit ihm nicht einfach in ein schönes Lokal gehen und einen Kaffee trinken“, sagt sie, „ich muss erst schauen, ob ein WC ebenerdig zu erreichen ist.“ Und ob der Untergrund passt. Ein aufgekiester Biergarten ist mit Rollstuhl – oder Rollator – „eine Plagerei“. Einkaufen? In viele Geschäfte geht es eine Stufe hoch oder runter. Da bleibt der Junior vor der Tür.
Im Bayerischen Hof und beim Neuer am See weiß Helga Stampfl, dass die Lokale einen Rollstuhllift zur Toilette haben. Westernacher, Alpenblick, Il Gusto, Yachthotel – kein Problem, alles ebenerdig.
Im Steakhaus Maximilian beispielsweise gibt es eine Rampe für die Stufen zur Toilette. Rollifahrer, die in der Kaffeerösterei am Seeufer frühstücken wollen, werden ein Haus weiter zu den Kollegen ins Westernacher geschickt – beide Lokale sind in einer Hand, das Frühstücksangebot ist identisch. Ideen und Hilfsbereitschaft sind in der Priener Gastronomie durchaus vorhanden.
Manche Lokale haben schlicht bauartbedingt keine Chance: Wer zum Beispiel im Wieninger Bräu essen will, muss fünf oder sechs Stufen in den Keller hinab kommen. Der Grund: Der Aufzug endet nicht ganz unten im Gastraum. Zur Toilette kommt man zudem nur mit einem kleinen Rollstuhl, denn die befindet sich dort, wo der beengte Aufzug endet. Ist aber auch nicht rollstuhlgerecht, bedauert die nette Servicekraft. „Mei, das Gebäude ist aus den 80er-Jahren. Da war das leider noch nicht so präsent wie heute.“ Ein Umbau wäre wohl extrem aufwendig, falls er überhaupt möglich ist. Plan B für die Toilettennutzung – zumindest wenn man im Sommer dort einkehren und die Außengastronomie geöffnet ist: Während der Woche mittags ins gegenüberliegende Rathaus aus Behinderten-WC oder um die Ecke zum Wendelstein-Platz aufs öffentliche Örtchen. Einfach im nächsten Gasthaus, das des Weges kommt, einkehren, das ist und bleibt für Rollifahrer und Rollatorschieber schwierig. Sie sind zwar die, an die die meisten Menschen denken, wenn es um Barrierefreiheit geht. Aber sie sind nicht die Einzigen. Den Gehörlosen oder die Hörgeschädigte trifft es hart, wenn das Servicepersonal sich nicht auf eine Verständigung mittels Tippen auf die Speisenkarte oder das Zeigen der Rechnungssumme einlässt.
Apropos Speisenkarte: Wie sucht sich ein blinder oder sehgeschädigter Mensch in Prien aus, was er im Restaurant der Wahl essen möchte? Speisenkarten in Blindenschrift? Florian Tatzel befürchtet, dass diese in Prien kein Lokal hat.
Kein Lift
für Rollstuhlfahrer
„Am ehesten vielleicht die gehobenere Gastronomie“, vermutet er. Anruf im Yachthotel bei Katharina Reh. „Unsere blinden oder sehgeschädigten Gäste sind in der Regel in Begleitung“, da hat sich die Frage noch nicht gestellt, sagt sie. Kurze Pause. Und wer selber, im eigenen Tempo aussuchen will? Die Frage hat sich Katharina Reh in Windeseile selbst beantwortet. „Danke, das war ein toller Impuls!“ Es könnte sein, dass blinde oder sehgeschädigte Gäste im Yachthotel künftig eine Speisenkarte in Braille-Schrift oder mit einem QR-Code für eine entsprechende App überreicht bekommen. Und vielleicht nicht nur dort.