Abfallflut im Drei-Seen-Gebiet

von Redaktion

„Jeder sollte seinen Müll mitnehmen“ – Gebietsbetreuer hofft auf Vernunft der Besucher

Traunstein/Ruhpolding – Ein Foto zeigt den Parkplatz am Mittersee Anfang August. Zu sehen sind aus einem Kotbeutel-Mülleimer quellende Essensreste, Windeln und Abfalltüten. Daneben weiterer Müll, sogar ein kaputter Sonnenschirm. In der privaten Facebook-Gruppe „Ruhpolding im Herzen“ schreibt die Erstellerin des Posts unter ihr Bild: „Was soll man sagen, warmes Wetter, wunderschöne Natur und dann diese Ferkel, die ihren Müll wieder mal nicht mitnehmen, sondern hier in der Natur entsorgen.“

Zwischen Reit im Winkl und Ruhpolding erstreckt sich eine besondere Landschaft: Der Weitsee auf dem Gemeindegebiet von Reit im Winkl und die Nachbarn Löden- und Mittersee auf Ruhpoldinger Seite sind Teil des Naturschutzgebietes Öst-
liche Chiemgauer Alpen. Ins sogenannte „Klein-Kanada“ zieht es jedes Jahr vor allem zur Ferienzeit täglich unzählige Menschen.

Enormer
Besucherandrang

Zurückgelassener Müll im Wald, unbefugtes Campen, Lagerfeuer – der Besucherandrang auf die Natur steigt. Das beobachten nicht nur Einheimische, die ihren Unmut im Internet kundtun. Auch der größte Grundstücksbesitzer des Gebietes, die Bayerischen Staatsforsten, registrieren eine Zunahme der Problematik: „Aus Sicht des Forstbetriebs ist der Besucherdruck an schönen Sommertagen tatsächlich enorm. Da ist die Parkplatzsituation zu nennen, aber auch die angesprochene illegale Müllentsorgung.“ Das sei nicht nur ein ästhetisches Problem, sondern belaste auch die besonders streng geschützte Flora und Fauna vor Ort.

Ein sonniger Dienstag am Parkplatz Lödensee. Die ersten Gäste trudeln ein, Stand-up-Paddle, Badematte und Picknickkorb unter die Arme geklemmt. Dazwischen steht Severin Sebald im Ranger-Outfit: „Ich bin Gebietsbetreuer. Ranger wäre der falsche Begriff, weil ich keine hoheitlichen Rechte habe.“ Das bedeutet, erklärt Severin Sebald, er dürfe bei einem Regelverstoß keine Bußgelder verhängen. Er ist die Schnittstelle zwischen den Gemeinden, den Bayerischen Staatsforsten, der Unteren Naturschutzbehörde und vielen weiteren Akteuren im Traunsteiner Alpenraum. „Wir arbeiten engmaschig und konstruktiv zusammen, um den Umweltschutz vor Ort voranzutreiben.“ Er selbst ist beim Landratsamt angestellt. Stellt auch er fest, dass es zu immer mehr Vermüllung im Drei-Seen-Gebiet kommt?

Seit der Corona-Pandemie und eingeschränkter Möglichkeiten der Freizeitgestaltung hätte es immer mehr Menschen in die Natur gezogen. Unter anderem aufgrund der ansteigenden Besucherzahlen und der damit einhergehenden und überhandnehmenden Umweltverschmutzung wurde die Stelle des Gebietsbetreuers im sogenannten Alpenraum Traunstein geschaffen: „Der Müll hat auf jeden Fall stark zugenommen.“ Sebald vermutet, dass seit Corona auch Leute in der Natur unterwegs sind, die nie gelernt haben, diese zu achten: „Die Natur ist eben kein Outdoor-Fitnessstudio, sondern in erster Linie Lebensraum.“ Und was ist der Plan, um für weniger Müll zu sorgen?

Appell an
die Vernunft

Zum einen seien vor allem an Wochenenden Naturschutzwächter unterwegs. Sie überprüfen, ob die Regeln eingehalten werden und dürften gegebenenfalls Verwarnungen aussprechen. Auch Sebald selbst ist oft, vor allem am Weitsee, vor Ort und spricht dort Besucher auf Fehlverhalten an. Grundsätzlich setze man auf Vernunft: „Wenn wir ein Vergehen beobachten, sprechen wir die Menschen freundlich an, erklären das Problem. So hoffen wir, dass sich das allmählich herumspricht, dass der Naturschutzgedanke Fuß fasst.“

In anderen Landkreisen würde man bereits neben Gebietsbetreuern und Naturschutzwächtern auch Ranger einsetzen. Das wäre laut Sebald auch für den Landkreis Traunstein wünschenswert, um noch mehr Präsenz zeigen zu können.

Und Mülleimer aufstellen und öffentliche Toiletten? Wäre das nicht schon eine Lösung? Sebald hat da eine andere Einschätzung: „Mit mehr Komfort kommt mehr Müll.“ Sebald glaubt, dass sich die Situation nicht verbessern würde, weil die Schaffung von mehr Infrastruktur einfach nur noch mehr Menschen anziehen würde. Selbiges denkt er über die Bereitstellung von zum Beispiel Trenntoiletten. Das lade erst recht dazu ein, mit dem Camper illegal auf den Parkplätzen zu übernachten. In einem früheren Interview mit der Chiemgau-Zeitung stellte Bürgermeister Justus Pfeifer hingegen noch die Bereitstellung von Trenntoiletten in Aussicht, sobald die Parkplatzgebühren im Jahre 2021 eingeführt werden würden, ebenso wie ein funktionierendes Parkleitsystem. „Das Thema Müll ist seit Jahren ein Problem im Drei-Seen-Gebiet“, so Pfeifer. Sein Fokus damals, das Parkplatzproblem: „Bisher war die Bundesrepublik Deutschland Grundstückseigentümer der Parkplätze. Dadurch hatte die Gemeinde diesbezüglich kaum Möglichkeiten, tätig zu werden.“ Mittlerweile sind Parkplatzgebühren eingeführt, aber von Toiletten oder Mülleimern ist derzeit nicht mehr die Rede.

Sensibeles
Naturschutzgebiet

Severin Sebald möchte aber hier an die Besucher im Drei-Seen-Gebiet appellieren: „Einfach den Müll, den man mit in die Natur nimmt, wieder mit nach Hause nehmen.“ Er versteht grundsätzlich, dass sich Leute ärgern, dass das Parken jetzt Geld kostet und keine Mülleimer aufgestellt werden, aber: „Tatsächlich ist es so, dass man allein mit den bereits bestehenden Aufgaben als Gemeinde und Bauhof sehr hohe Ausgaben hat.“ Er betont: „Je mehr Annehmlichkeiten in einem Gebiet, gerade im Naturschutzgebiet, desto mehr Leute werden angezogen und desto mehr Müll liegt in der Gegend herum.“ Was wirklich hilft? Langfristige Aufklärung, Umweltbildung, Präsenz vor Ort und die Aufmerksamkeit jedes einzelnen Besuchers.

Unter dem Facebook-Post vom Müllberg am Mittersee häufen sich die Kommentare: „Die Stadt könnte für mehr Entsorgungsmöglichkeiten sorgen“, schreibt ein Mitglied. Andere sind aber derselben Meinung wie Sebald, zum Beispiel Ruhpoldings Bürgermeister Pfeifer. Er antwortet auf Facebook: „Mülleimer bedeuten noch mehr Müll, der abgeladen wird (illegale Hausmüllentsorgung/Wohnmobile). Haben wir alles schon gehabt. Es handelt sich hier um ein Naturschutzgebiet mit besonderem Schutzstatus, in dem Mülleimer nichts zu suchen haben. In einem so sensiblen Gebiet sollte jeder seinen eigenen Müll einfach wieder mitnehmen.“ 

Pfeifer will künftig aber vermehrt auf den Schutzstatus hinweisen und Verstöße konsequent zur Anzeige bringen.

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