Unterwössen – In den Vorstandsetagen und Management-Seminaren des ganzen Landes werden komplexe Strategien gewälzt, um Effizienz zu steigern, Teams zu motivieren und Veränderungen zu meistern. Doch was, wenn die besten Lektionen dafür nicht in teuren Handbüchern, sondern im Kinderzimmer zu finden sind? Stefan Rippler, Autor aus Unterwössen und Business-Coach, vertritt genau diese zunächst außergewöhnlich klingende These. Und genau das thematisiert er auch in seinem neuen Buch „Das Babyprinzip“ – eine charmante Provokation, die den oft starren Business-Alltag hinterfragt und Führungskräfte einlädt, von den kleinsten Mitgliedern der Gesellschaft zu lernen.
Netzwerken
im Dorf
Um Stefan Ripplers Ansatz zu verstehen, lohnt sich ein Blick auf seine Wurzeln. Er ist seiner Heimat tief verbunden, besucht regelmäßig seine Mutter in Unterwössen und pflegt alte Freundschaften. Für ihn ist der Chiemgau mehr als nur ein Herkunftsort – er ist ein gelebtes Gegenmodell zur anonymen Leistungsgesellschaft. „Netzwerken im Dorf hat schon immer dazugehört – man kennt sich, man hilft sich. Gemeinschaft zählt hier mehr als Ellenbogen“, erklärt er im Gespräch mit der Chiemgau-Zeitung. Diese Erfahrung, dass Zusammenhalt mehr bewirkt als Konkurrenzdenken, bildet das Fundament seiner Philosophie. Er verweist auch auf den prägenden Geist des LSH Marquartstein: „Leistung ja, aber immer verbunden mit Kreativität, Zusammenhalt und Mut, Neues auszuprobieren.“ Diese Mischung aus Anspruch und gesundem Menschenverstand überträgt er auf seine Arbeit.
Die Natur der Region dient ihm dabei als kraftvolle Rückzugsort für unternehmerische Herausforderungen. „Resilienz entsteht, wenn man wie beim Bergsteigen Schritt für Schritt geht, auch wenn es anstrengend wird“, sagt er. „Am Gipfel sieht man dann, dass sich Durchhalten lohnt – und genau dieses Bild nutze ich, wenn es um Veränderungsprozesse in Unternehmen geht.“ Es ist die Geduld und das Wissen, dass große Ziele nicht im Sprint, sondern in Etappen erreicht werden.
Die eigentliche Idee zum „Babyprinzip“ kam aber nicht bei einer Bergtour, sondern in einem alltäglichen Moment als Vater. Als er seinen Sohn beobachtete, wurde ihm schlagartig klar, welch immense Kompetenz in den Kleinsten steckt. „Es war dieser Aha-Moment in einer eigentlich ganz alltäglichen Situation: ein Kind, das mit Freude und Beharrlichkeit immer wieder aufsteht, während wir Erwachsene oft schon beim ersten Stolpern aufgeben.“
Babys, so seine Erkenntnis, sind geborene Meister im Change-Management. Sie lernen jeden Tag Neues, fallen unzählige Male hin und stehen ohne Zögern, Selbstzweifel oder Angst vor Gesichtsverlust wieder auf. Während im Business-Alltag Fehler oft sanktioniert werden und Scheitern als Makel gilt, ist es für ein Baby der selbstverständlichste Teil des Lernprozesses. Diese Furchtlosigkeit und der unbedingte Wille zur Weiterentwicklung faszinierten ihn.
Stefan Rippler belässt es nicht bei dieser allgemeinen Beobachtung, sondern zieht Parallelen zu modernen Arbeitsmethoden. Das Beispiel des Laufenlernens etwa liest sich wie ein Lehrbuch für agiles Projektmanagement wie Scrum. „Wenn ein Baby laufen lernt, scheitert es unzählige Male. Doch es probiert weiter, Schritt für Schritt, mit Feedback aus der Umgebung“, analysiert er. Ein Baby plane keinen detaillierten Business-Case für seine ersten Schritte. Es macht einfach. Diese pragmatische Herangehensweise sei eine Stärke, die vielen Organisationen fehle, die in starren, langwierigen Prozessen gefangen sind.
Ein weiteres zentrales Konzept ist das „Truthspeaking“ – inspiriert von der unmissverständlichen Art, wie ein Baby seine Bedürfnisse kommuniziert. Wenn etwas nicht stimmt, wird geschrien. Wenn etwas gut ist, wird gelacht. Diese bedingungslose Ehrlichkeit sei ein kraftvolles Mittel gegen die Kultur der Dauer-Performance im Job, die viele in den Burnout treibe. „Truthspeaking heißt, ehrlich zu sagen, wie es einem geht – ohne Maske“, erklärt der Autor. Er plädiert für eine Kultur, in der es möglich ist, Belastungsgrenzen anzusprechen, ohne als schwach zu gelten.
In einer Kultur, die ständige Erreichbarkeit und pausenlosen Einsatz feiert, wirken Ripplers Erfolgsstrategien fast schon rebellisch: Spiel, Schlaf und die Fähigkeit, „Nein“ zu sagen. Er argumentiert jedoch rein logisch: „Spiel schafft Kreativität, Schlaf Klarheit und ‚Nein sagen‘ Fokus.“ Ein kreativer Durchbruch entstehe selten in einer durchgetakteten Excel-Tabelle, sondern oft im freien, spielerischen Denken. Ein ausgeruhter Manager treffe nachweislich bessere, klarere Entscheidungen als ein übermüdeter. Und das wichtigste: „Ein ‚Nein‘ zu Unwichtigem ist immer ein ‚Ja‘ zu dem, was wirklich zählt.“ Bewusste Prioritätensetzung, statt blindem Aktionismus.
Letztlich richtet sich Stefan Rippler noch an all jene, die versuchen, den Spagat zwischen „Business-Talk und Babyphon“ zu meistern. Sein zentraler Rat ist eine Befreiung vom Perfektionismus-Druck. Wer Job und Familie als zwei einander bereichernde Lernfelder begreife, lebe nicht nur entspannter, sondern führe auch besser. Seine vielleicht anschaulichste Beobachtung: „Ein schreiendes Baby und eine kritische Vorstandssitzung haben mehr gemeinsam, als man denkt: Beide fordern Klarheit, Ruhe und Präsenz im Moment.“
Mehr Kind
zulassen
Am Ende ist die Kernbotschaft von „Das Babyprinzip“ so einfach wie tiefgründig und fasst sie in einem Satz zusammen: „Wer mehr Kind zulässt, wird am Ende die bessere Führungskraft.“ Es ist eine Einladung, die angeborene Neugier, den Mut und die Empathie wiederzuentdecken, die in jedem von uns stecken – ein spannender Impuls, der seine Wurzeln direkt im Chiemgau hat.