Bernau – Heimatgeschichte sammeln und bewahren, überhaupt das Interesse an Geschichte, das ist für Georg Leidel, den neuen Gemeindearchivar der Gemeinde Bernau, eine Leidenschaft, die er mit seiner Ehefrau Michaela teilt. Dass die beiden nicht aus Bernau sind – er ist gebürtiger Mittenwalder, sie gebürtige Freisingerin – ist unwichtig. Bedeutender ist, so die beiden, das Gemeindearchiv im Sinne des Vorgängers weiterzuführen, zu ordnen und zu katalogisieren.
Zwei Räume
voller Dokumente
Auf den großen Schreibtischen im Sailerhaus stapeln sich offene Schachteln und Kisten mit Dokumenten, prall gefüllte Ordner, Fotoalben, Karten und Bücher. In einem offenen Schrank lagern Geschichtsbücher über die Römer, die Bajuwaren, über Kulturgeschichte, Münzbestimmungsbücher und, und, und. Zwei Regalwände sind voll mit beschrifteten Ordnern und Fototrägern. Und dann gibt es noch einen zweiten Raum, in dem ebenfalls zeitgeschichtliche Dokumente, wie Zeitungsartikel und Ausschnitte aus verschiedensten Magazinen, Tagebuchberichte, alte Postkarten, eine Kopie der Bernauer Pfarrchronik, Karten und Material von vergangenen Ausstellungen lagern.
„Unser Vorgänger hat alles gesammelt, was wichtig für Bernaus Geschichte war und ist und es nach Themen sortiert“, freut sich Michaela Leidel, die ehrenamtlich ihren Mann unterstützt. Als oberste Priorität hat die Musikwissenschaftlerin und -pädagogin, die über drei Jahrzehnte im Volksmusikarchiv in Bruckmühl wirkt, ausgegeben, dass man erst einmal im Hauptzimmer Platz schaffen muss. Denn im kommenden Jahr feiert die Gemeinde im großen Stil ihre erste urkundliche Erwähnung vor 1100 Jahren. Und die Pfarrkirche St. Laurentius feiert 220 Jahre Pfarrei und 100 Jahre Kirchenneubau. Georg Leidel, seit 1. Juli der Gemeindearchivar und seit über 30 Jahren als Mittelschullehrer in Prien tätig, betont, dass Josef Aiblinger das Heimatarchiv über viele Jahre hinweg mit großem Engagement geführt, alles aufbewahrt, gesammelt, aber noch nicht alles vollständig nach Themen sortiert hat. Wie soll das auch gehen?
Heimatgeschichte, da geht es nicht nur um Anekdoten, wie es früher war, um Fotos, Kartenmaterial oder materielle Dinge, sondern das steht für die Aufarbeitung der Geschichte. Sprich, das muss datiert, nach Schlagworten sortiert, katalogisiert werden und das sollte man, soweit möglich, digitalisieren und allen zugänglich machen. Dies wird die Hauptaufgabe des neuen Archivars sein, da Aiblinger mit den Neuen Medien nicht vertraut war (er starb im vergangenen Jahr als knapp 90-Jähriger). Dennoch sei das Archiv breit aufgestellt, betont Leidel. Ihn habe halt alles interessiert, ergänzt sie. Egal, jetzt müssen sie sich durcharbeiten. So viel an Material ist schon vorhanden: Die Salinenwege, der Autobahnbau, die Raststätte an der A8 („die erste ihrer Art in ganz Deutschland“), die Moore, die Rottauer Filze, die Römer (aus dem Büchlein „Spuren aus der Römerzeit in Bernau“ von Axel Jost entstand übrigens das Projekt „Römerregion Chiemsee“ unter der Leitung von Annette Marquard-Mois, Anm. der Red.), die Wittelsbacher, die Kirche, der Bahnhof, die Vereine und vieles mehr. Es ist ein Fass ohne Boden. Wo soll man da anfangen?
„Wir konzentrieren uns vorerst auf 1100 Jahre Bernau und auf die Kirche“, gibt sie noch einmal als Devise aus. Einiges haben sie schon vorsortiert, Ausstellungen sind schon in Planung. Georg Leidel will unbedingt eine Geschichte zum Bau der Pfarrkirche, wie man sie jetzt kennt, zusammenstellen. Die Pfarrkirche war irgendwann zu klein, aber die Spendengelder schrumpften durch die Währungsreform auf Null, und doch haben es die Bernauer nach dem Ersten Weltkrieg geschafft, aus privaten Spenden das nötige Geld zu sammeln und binnen eines halben Jahres mit viel Eigenleistung eine neue größere Außenhaut zu errichten, ehe die kleinere Innen-Kirche abgerissen wurde. Ein Artikel vom 28. November 1926, erschienen in der illustrierten katholischen Wochenschrift „Am Sonntag“, belegt die Authentizität der Geschichte.
Langfristig streben die beiden eine Katalogisierung, Digitalisierung und eine Topothek an (eine Plattform mit historischem Material in Form von Fotos, Videos und Dokumenten, aber nur Objekte, die nicht vom Datenschutz betroffen sind, Anm. der Red.).
Bevölkerung
darf mitmachen
In der Nachbargemeinde Frasdorf hat Heimatarchivar Rupert Wörndl dies vor Jahren angefangen und schon viel erreicht, sagt Georg Leidel. „Das wollen wir auch. Da soll, nein, da darf sich die Bevölkerung einbringen“, ergänzt sie. Dass sie ehrenamtlich tätig ist und er dafür nur einen geringfügigen Obolus erhält, ist ihnen nicht wichtig. Man glaubt es ihnen sofort. Sie wollen das kulturelle Erbe der Gemeinde bewahren und weitergeben. Und eine solche Leidenschaft ist nicht mit Geld aufzuwiegen.