Traunstein/Prien – Die Jugendkammer am Landgericht Traunstein hat die langwierige, nichtöffentliche Vernehmung eines inzwischen 70-jährigen Rechtsanwalts beendet. Dieser war am 20. Juni 2024 in seiner Zweitwohnung in Prien bei Sexspielen von zwei Callboys (23 und 32 Jahre alt) mutmaßlich misshandelt und beraubt worden. Die Verteidiger hatten den Nebenkläger mehrfach laden lassen. Vorsitzende Richterin Heike Will teilte mit, dass sie das Verfahren am 2. Oktober abschließen wolle. Der Prozess wird am 18. September um 9.30 Uhr fortgesetzt.
Am vergangenen Verhandlungstag informierte Temba Hoch aus Bremen, der Verteidiger des jüngeren Angeklagten, über einen erfolgreichen Täter-Opfer-Ausgleich zwischen dem Geschädigten und seinem Mandanten. Im Namen des 23-Jährigen habe er dem Nebenkläger bereits 10000 Euro überwiesen. Bis Ende August würden die restlichen 3000 Euro in Raten gezahlt. Damit seien alle Ansprüche abgegolten. Der 70-Jährige verzichte auf weiteres, insbesondere auf die Übernahme seiner Prozesskosten. Weiterhin habe das Opfer „ausdrücklich die Entschuldigung des Angeklagten angenommen“. Dabei komme es dem 70-Jährigen nicht darauf an, wie der 23-Jährige den Tathergang schildere. Die Vereinbarung gelte auch, wenn dessen Version abweiche.
Das Verfahren dreht sich um ein Sexwochenende vom 20. auf den 21. Juni 2024 in Prien, zu dem der Rechtsanwalt den 23-Jährigen über eine einschlägige Plattform gebucht hatte. Die beiden kannten sich gemäß Anklage von Staatsanwalt Florian Jeserer schon von früheren Dates. Der Jurist aus Baden-Württemberg holte den Callboy abends am Bahnhof Prien ab. Ohne Wissen des „Kunden“ soll der 23-Jährige den zweiten Angeklagten, einen 32-Jährigen aus Jamaika, mitgebracht und später über die Terrassentür in die Wohnung gelotst haben. Über Stunden soll der Jurist in jener Nacht malträtiert worden sein. Er wurde laut seinen Angaben bei der Polizei in Prien mit Handschellen gefesselt, mit einem Messer verletzt und mit „Penis-Abschneiden“ bedroht, weil er die PIN zu seinem Paypal-Konto nicht nennen wollte. Seine Augen waren dabei mit einer Schlafmaske bedeckt. Vor der Flucht per Bahn nach Frankfurt am Main ließen die Männer Bargeld, teure Uhren und Schmuck im Gesamtwert von rund 28000 Euro mitgehen. Alles konnte bei ihrer Festnahme am 26. Juni 2024 in einem Hotel im Bahnhofsviertel gefunden werden – einschließlich einer Rolex-Imitation, wenn auch aus echtem Gold.
Einer der Tatverdächtigen erklärte damals auf Frage von Polizeibeamten, das Wochenende in Prien sei nach Wunsch des Kunden verlaufen – bis hin zu den von ihnen mitgebrachten Handschellen und einvernehmlichem Sex.
Erstmals brachen die Angeklagten ihr Schweigen. Der 23-Jährige mit Abitur ließ seinen Verteidiger ein persönlich verfasstes Schreiben verlesen und beantwortete Fragen. Er sei in Venezuela von seiner Großmutter groß gezogen worden. Mit 17 Jahren sei er 2019 nach Spanien gelangt, wo bereits seine Mutter lebte. Erst spät habe er aufgrund der „schlimmsten Bürokratie“ eine legale Arbeitserlaubnis erhalten. Er habe sich zwischen „Dealen mit Drogen und Sexarbeit“ entscheiden müssen. Ab 2023 sei er als „Escort in Vollzeit“ nie länger als einen Monat in einem Land geblieben. Bei der Arbeit sei er nach Spanien, Italien, in die Niederlande und die Schweiz, nach Belgien und Österreich gereist. Wörtlich hatte der 23-Jährige notiert: „Ich kann nicht bestreiten, dass mir die Sexarbeit Zugang zu vielen Dingen verschafft hat.“ Den Mitangeklagten bezeichnete er als „Freund“. Näheres über die „Geschäftsmodalitäten“ des 23-Jährigen kündigte Verteidiger Temba Hoch für den 18. September an.
An dem Verhandlungstag wollen beide Angeklagte eine „Einlassung zur Sache“ abgeben, also ihre Version des Tatgeschehens darstellen. Zu seiner Person äußerte sich auch der 32-Jährige mit Verteidiger Julian Praun aus Traunreut zur Seite. Dieser Mann wuchs in Jamaika auf. Von zehn Geschwistern sind drei verstorben. Die immer noch dort lebende Mutter arbeitet auf dem Markt. Der Vater wurde von der Polizei erschossen. Nie ging der 32-Jährige zur Schule, absolvierte mit 19 Jahren nur einen Lehrgang, um lesen zu lernen. 2019 verließ er seine Heimat „für ein besseres Leben“ und landete in Spanien. Dort schlug sich der Angeklagte als „Modell und Fotograf“ sowie in einem kleinen Supermarkt durch. Mit der Festnahme in Frankfurt brach alles zusammen.
Verteidiger Temba Hoch erinnerte das Gericht an „übergangene Anträge“. Sie beträfen die vollständige Einsicht in Akten und Daten. Der Nebenkläger habe bisher bestritten, „eine Vorliebe für Bondage und SM-Praktiken“ zu haben. Anhand von Chats ergebe sich anderes. Hoch meinte: „Das Persönlichkeitsrecht des Nebenklägers kann die Rechte der Verteidigung nicht aushebeln.“
Außerdem stellte die Jugendkammer den Vorwurf einer gefährlichen Körperverletzung mit Blick auf die verbleibenden Straftatbestände auf Antrag von Staatsanwalt Florian Jeserer bei beiden Angeklagten ein. Somit verbleiben noch „erpresserischer Menschenraub, besonders schwere räuberische Erpressung und besonders schwerer Raub.“