Landzusteller – damals und heute

von Redaktion

1985 hatten sie noch 125. Jubiläum, aber was ist aus den „Mädchen für alles“ unter den Postboten, den „Landzustellern“, geworden? Wir blicken auf den Wandel der Aufgabe am Chiemsee und erkundigen uns nach dem aktuellen Stand.

Chiemgau – „Jeden Morgen, kurz nach sieben, ist Thomas Rupp aus Prien am Chiemsee reif für die Insel. Vollbepackt mit Briefen, Zeitungen und Paketen steht der 26-jährige Posthauptschaffner mit Cockerspaniel-Mischling ‚Axel‘ an der Anlegestelle und wartet auf das Frühschiff und auf die Arbeit. Rupp ist Landbriefträger – einer allerdings, der zum Dienst übers Wasser muss. Denn sein Bezirk liegt mitten im ‚Bayerischen Meer‘: 52 Haushalte auf Frauenchiemsee“, so setzt die Reportage von Peter Gruber an, die am 4. Oktober 1985 im Bayern-Teil des Oberbayerischen Volksblatts (OVB) erschien. Anlass war damals, dass die „wandelnden Einmann-Postämter“ damals auf eine 125-jährige Geschichte zurückblicken konnten.

90 Minuten für das
Austragen der Briefe

„Unsere Landzusteller sind so eine Art Mädchen für alles“, wird Reinhold Groß von der Oberpostdirektion München durch Gruber zitiert. „Sogar Zahlkarten, Überweisungen und Wertpakete bis Tausend Mark dürfen sie annehmen.“ Postbote Rupp hatte zum Briefaustragen 1985 gerade einmal eineinhalb Stunden Zeit, wie der Bericht fortfährt. „Punkt elf Uhr nämlich muss er seinen Schalter im alten Gemeindehaus auf der Chiemseer Fraueninsel für eine Stunde aufsperren.“ Danach gäbe es zwei Stunden Brotzeitpause. „Von 14 bis 16 Uhr ist der Herr vom Amt dann noch einmal für seine Frauenchiemseer da, anschließend geht‘s per Schiff zurück nach Prien.“

Auch heutzutage ist mit Woifi Jell noch ein Postbote für den Chiemsee zuständig, wie Max Wochinger im vergangenen Jahr berichtete. „Drei Stunden lang tourt er über die Frauen- und Herreninsel, sechsmal die Woche, das ganze Jahr über, außer wenn er Urlaub hat.“ Seit 43 Jahren arbeitet Jell schon bei der Post, sein „absoluter Traumjob“, Ziel sei ein 50-jähriges Betriebsjubiläum. „Inzwischen fährt Jell seit fünf Jahren die traditionsreiche Chiemsee-Route. Sie führt von Prien nach Gstadt und von dort mit der Fähre zunächst auf die idyllische Fraueninsel. Auf der auto- und fahrradfreien Insel wohnen nur knapp 250 Einwohner in etwa 50 Häusern.“

„Manchmal fragen mich die Bewohner, ob ich ihnen auf dem Festland Geld abheben kann. Das ist natürlich kein Problem“, berichtete er Wochinger. „Sie geben mir dann die EC-Karte und die PIN, und ich bringe am nächsten Tag Tausend Euro mit.“ Einen Teil der Aufgaben der einstigen Landzusteller erfüllt er also heute noch. Jedoch: „Der damalige ‚Landzusteller‘ existiert in dieser Form nicht mehr“, berichtet eine Sprecherin der Deutschen Post und DHL auf unsere Anfrage. „Wir setzen aktuell, vor allem in ländlichen Gebieten, auf die sogenannte Verbundzustellung.“ Diese sei nichts Neues, „wir stellen schon seit Jahrzehnten Briefe und Pakete im ländlichen Raum gemeinsam zu. Jedoch sind wir seit Jahren mit einem sich verschärfenden Strukturwandel von immer weiter abnehmenden Briefvolumina und steigenden Paketmengen konfrontiert. Die Corona-Pandemie hat diese Entwicklung noch einmal beschleunigt und diesen Trend verfestigt.“

„Um unseren Beschäftigten auch weiterhin sichere Arbeitsplätze mit auskömmlichen Löhnen bieten zu können, weiten wir die Verbundzustellung da, wo es sinnvoll und machbar ist, aus. Dabei ist oftmals auch eine Anpassung der Infrastruktur erforderlich, die wir oft für die Umstellung auf nachhaltige Standorte nutzen. Die Verbundausweitung ist weiterhin ein gradueller Prozess, der sich noch über Jahre hinziehen wird“, fährt die Sprecherin fort, „Die Verbundzusteller bringen die Sendungen zu unseren Kunden. Als Universaldienstleister stellen wir auch in jedem Winkel Deutschlands die Post zu – sogar auf der Zugspitze.“ Im Bereich Rosenheim (Oberaudorf bis Haag) und Traunstein (Trostberg bis Berchtesgaden) seien derzeit rund 800 Zusteller für rund 195000 Haushalte im Einsatz.

„Bei den Filialen, Paketshops und Verkaufspunkten kooperieren Deutsche Post und DHL bereits seit Mitte der 1990er-Jahre erfolgreich mit Partnern vor allem aus dem Einzelhandel, beispielsweise mit Schreibwarenläden oder Lebensmittelhändlern“, so die Sprecherin weiter.

„Die Zusammenarbeit mit Partnern bringt spürbare Serviceverbesserungen für die Kunden, wie beispielsweise eine deutliche Erweiterung der Öffnungszeiten von früher noch durchschnittlich 18 Wochenstunden im Jahr 1990 auf heute rund 55 Wochenstunden, also dreimal so lange Öffnungszeiten. Der jährliche Kundenmonitor, die größte Privatkundenstudie in Deutschland, bestätigt, dass über 94 Prozent der Kunden mit den Partner-Filialen im Einzelhandel zufrieden sind.“

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