Prien – Es ist ein öffentlichkeitswirksamer Vorwurf, der die Marktgemeinde ins Zentrum einer bundesweiten Debatte rückt. Als die Deutsche Stiftung Denkmalschutz (DSD) ihr aktuelles „Schwarzbuch der Denkmalpflege“ vorstellte, wählte sie für den Teilabriss der historischen Bahnsteigüberdachung am Priener Bahnhof klare Worte: „Nacht-und-Nebel-Aktion“ und „unwiederbringlicher Verlust“.
Doch was auf den ersten Blick als klarer Fall erscheint, entpuppt sich als eine weitaus komplexere und im Kern noch brisantere Geschichte. Es ist eine Abfolge von Missständen, die auf „jahrelanger Nachlässigkeit“ gründen, wie selbst die oberste Denkmalschutzbehörde des Freistaats einräumt. Es ist aber auch eine Geschichte voller Widersprüche, in der die Deutsche Bahn behauptet, alle informiert zu haben, während der Bürgermeister der Marktgemeinde detailliert schildert, wie er gezielt aus entscheidenden Runden ausgeschlossen wurde. Und es ist – wider Erwarten – eine Geschichte mit einem überraschenden Hoffnungsschimmer.
Der Priener Fall
als Lehrstück
Für die Herausgeber des Schwarzbuchs ist Prien ein Lehrstück. „Denkmalschutz schließt viel mehr ein als nur historische Häuser, Burgen oder Schlösser – so auch eine Überdachung am Bahngleis“, erklärt Eva Masthoff, Kommunikationsleiterin der DSD. Der Fall sei besonders „kurios“, weil das Denkmal durch den Abbau seiner Dachhaut nicht nur beschädigt, sondern auch seiner Funktion beraubt wurde. „Das Bauwerk hat hierdurch auch den Nutzen für die Fahrgäste verloren“, so Masthoff. Mit der Einstufung als „unwiederbringlich verloren“ setzte die Stiftung ein nationales Zeichen.
Doch genau diese Einschätzung wird nun von oberster Stelle in Bayern infrage gestellt. Auf Anfrage der Chiemgau-Zeitung widerspricht das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege (BLfD) der Darstellung des Schwarzbuchs unmissverständlich. „Dass die abgenommenen Dächer ‚unwiederbringlich verloren‘ seien, kann das BLfD nicht bestätigen“, erklärt Pressesprecherin Katharina Schmid. Tatsächlich habe ihre Behörde hinter den Kulissen einen kompletten Abbau der Konstruktion verhindert und mit der Deutschen Bahn eine „Kompromissidee“ entwickelt.
Detaillierter
Rettungsplan
Dieser Plan, der in der öffentlichen Debatte bisher kaum eine Rolle spielte, sieht eine aufwendige Rettung vor. Im Zuge der Generalsanierung der Bahnstrecke im Jahr 2027 sollen alle noch brauchbaren Teile der historischen Konstruktion geborgen, saniert und an neuer Stelle wiederaufgebaut werden.
„Sollte der Schadensumfang der historischen Bahnhofsüberdachung größer sein als erwartet, werden so viele Teile nachgegossen, dass auf beiden Bahnsteigen das alte Dach […] wieder aufgestellt werden kann“, versichert das Landesamt. Ein detaillierter Rettungsplan, der die Geschichte vom Totalverlust zur komplexen Restaurierungsaufgabe wandelt.
Eine Behauptung
mit Sprengkraft
Im Zentrum des lokalen Unmuts steht allerdings noch immer die Frage, wer wann was wusste. Die Deutsche Bahn AG als Eigentümerin und Betreiberin des Bahnhofs stellt ihre Entscheidung als alternativlosen Schritt zur Gewährleistung der öffentlichen Sicherheit dar. Auf die massive Kritik aus dem „Schwarzbuch der Denkmalpflege“ reagiert eine Sprecherin des Konzerns sachlich, aber bestimmt: „Seitens der DB nehmen wir solche Darstellungen immer ernst; weisen jedoch auch hierbei darauf hin, dass unser oberstes Ziel als Betreiber der Verkehrsstation ein sicherer Betrieb für unsere Reisenden ist.“
Die Grundlage für den kurzfristigen Abriss sei keine plötzliche Eingebung gewesen, sondern das Ergebnis eines mehrstufigen Prüfprozesses. Bereits 2022 habe ein Bauwerksprüfer im Zuge einer turnusmäßigen Begutachtung festgestellt, „dass die Dächer sich in einem nicht verkehrssicheren Zustand befinden“. Ein im März 2023 zusätzlich beauftragtes statisches Gutachten habe diesen Befund „nochmals bestätigt“ und neben der maroden Dachkonstruktion auch „defekte Stützen“ sowie Korrosion und „Frostschäden“ durch eindringendes Wasser dokumentiert. Angesichts dieser erdrückenden Faktenlage sei der Rückbau der Dachhäute Ende April 2023 die einzig logische Konsequenz gewesen, „zur Wahrung der Verkehrssicherungspflicht“.
Die Bahn betont zudem, dass dieser Prozess keineswegs im Geheimen stattfand. Die entscheidende Aussage, die im Priener Rathaus für Kopfschütteln sorgt: „Die Gemeinde war im Vorfeld informiert worden.“
Bürgermeister
widerspricht Bahn
Eine Darstellung, der Priens Erster Bürgermeister Andreas Friedrich vehement widerspricht. Er schildert einen Prozess, den er als gezieltes Übergehen empfindet. „Am 23. März 2023 wurde mir bei einem Ortstermin […] vonseiten der Deutschen Bahn mitgeteilt, dass die Dachhaut der Bahnsteigüberdachung aus Sicherheitsgründen entfernt werden müsse“, beginnt Friedrich seine Chronologie. Doch das war nur der Anfang.
„Am 27. März 2023 fand ein Folgetermin zwischen Vertretern der Bahn und des Denkmalschutzes statt“, fährt er fort, „bei dem die Frage im Raum stand, ob es überhaupt Alternativen zu einem Rückbau gäbe. Der Markt Prien war zu dieser Besprechung nicht eingeladen.“
Die Konsequenzen dieses Ausschlusses waren gravierend. „Über die Ergebnisse hatte ich damals lange Zeit gar keine Rückmeldung bekommen“, kritisiert der Bürgermeister. „Erst durch ein mir nachträglich zugegangenes Protokoll einer weiteren Besprechung am 25. April 2023 wurde deutlich, dass die Bahn den Rückbau bereits als beschlossen ansah und lediglich noch über Sicherungsmaßnahmen der Stützen beraten wurde.“
Kommunikation
mangelhaft?
Der finale Akt des Dramas folgte dem gleichen Muster. Vom tatsächlichen Beginn der Abrissarbeiten in der Nacht auf den 29. April erfuhr Friedrich nicht etwa durch die Bahn, sondern privat: „Ein Bekannter hatte mich über den Beginn der Abrissarbeiten informiert.“ Und weiter: „Die historische Bahnsteigüberdachung war ein prägender Bestandteil des Priener Bahnhofes“, erklärt der Bürgermeister. Es gehe um den Charakter eines Ortes, der sich als traditionsreicher Fremdenverkehrsort versteht. „Sie verlieh unserem Bahnhof nicht nur einen funktionalen, sondern auch einen identitätsstiftenden Wert“, so Friedrich.
Damit bringt er auf den Punkt, was viele Bürger empfinden: „Der Bahnhof hatte sich durch die alten Dächer von modernen Bahnhöfen abgehoben, die alle irgendwie gleich aussehen.“ Genau dieses Alleinstellungsmerkmal sei nun verschwunden und habe zu „völlig zu Recht für Unverständnis und Verärgerung“ in der Bevölkerung geführt. Neben dem emotionalen Verlust betont er aber auch die ganz praktischen Konsequenzen für alle Pendler und Touristen, die den Bahnhof täglich nutzen: „Vor allem aber natürlich bei den Zugreisenden, die seitdem im Grunde im Regen oder in der Hitze stehen.“
„Jahrelange
Nachlässigkeit“
Warum aber musste das historische Bauwerk überhaupt in einen Zustand geraten, der solch drastische Maßnahmen erforderte? Während die Bahn ausschließlich auf ihre Verkehrssicherungspflicht verweist, zeichnen alle anderen Beteiligten ein klares Bild von hausgemachten Problemen. Die deutlichste Sprache spricht dabei das Landesamt für Denkmalpflege. Es stellt unmissverständlich fest: „Aufgrund jahrelanger Nachlässigkeit hat sich der Zustand mancher im Besitz der DB befindlicher Baudenkmäler stark verschlechtert.“
Diese Analyse deckt sich mit den Beobachtungen des Bürgermeisters. Er sieht systemische Gründe: „Der Bund fördert eher den Neubau, nicht den Unterhalt bestehender Anlagen.“ Dies führe bei der Bahn dazu, dass notwendige Investitionen in den Erhalt ausbleiben, bis die Sicherheit nicht mehr gewährleistet ist und ein Abriss alternativlos erscheint.
Hoffnung durch
Streckensanierung
Für die Bürger und die Touristen, die seit über einem Jahr auf den Bahnsteigen in Prien buchstäblich im Regen stehen, ist die Vorgeschichte ein Ärgernis. Der Verlust schmerzt. „Die historische Bahnsteigüberdachung war ein prägender Bestandteil des Priener Bahnhofes“, betont Friedrich.
Doch nun gibt es erstmals eine konkrete Perspektive. Die für 2027 geplante Generalsanierung der Strecke wird zum Hoffnungsträger. „Hier zeichnet sich eine Lösung ab, die uns hoffen lässt“, bestätigt der Bürgermeister. Die Kommunikation mit der Bahn habe sich in diesem neuen Planungskontext spürbar verbessert. „Den Dialog im Rahmen dieser Planung würde ich aber tatsächlich als sehr konstruktiv bezeichnen“, so Friedrich. Ob aus dem Rettungsplan am Ende Realität wird, werden die Priener und die gesamte Region wachsam beobachten.