Unterwössen – Herzliche Worte und bewegende Momente begleiteten den Abschied von Annemarie Funke bei einem Festabend in der Achentalhalle. Annemarie Funke scheidet nach 20 Jahren und 18 Jahren als Geschäftsführerin aus der Lebenshilfe Traunstein aus. Wegbegleiter, Mitarbeiter und politische Vertreter verabschiedeten eine Frau, die viel bewegte und nie Aufhebens darum machte. Ihr Nachfolger, Markus Spiegelsberger, freute sich auf den „Vorzeigebetrieb“ und dessen starke Organisation mit stabiler Struktur. Er sieht die großen Fußstapfen von Annemarie Funke und hofft, sie auszufüllen.
Thomas Breu, langjähriger Referent für Öffentlichkeitsarbeit, moderierte den Abend. Auch für ihn endete an diesem Tag eine Ära. Nach über 40 Jahren bei der Lebenshilfe verabschiedet er sich ebenfalls – „erstmal in eine Auszeit“, berichtete er unserer Zeitung.
Zahl der Mitarbeiter
stieg auf 500
Wolfgang Maier, Vorsitzender des Aufsichtsrats der Lebenshilfe Traunstein und Vorsitzender des Vereins, eröffnete den offiziellen Teil. Er erinnerte an den Beginn von Funkes Tätigkeit: 2006 übernahm sie die Verwaltungsleitung, 2008 die Geschäftsführung. Unter ihrer Leitung stieg die Zahl der Mitarbeiter auf rund 500.
Funke begann 2010 mit dem Ausbau der Kurzzeitpflege. 2011 folgte ein Gebäude für tagesstrukturierende Angebote für Senioren. In Altenmarkt baute sie ein Wohnheim für Menschen mit Mehrfachbehinderung. In Traunreut entstand 2013 ein Wohnheim mit Tagesstruktur für Senioren. 2016 begann die Planung für ein inklusives Wohnprojekt in Traunstein. 2019 eröffnete ein weiteres Wohnheim in Seeon. Während der Pandemie begleitete sie den Bau des Unterwössner Projekts. Parallel etablierte sie die Staatliche Fachschule für Heilerziehungspflege in Traunstein in Zusammenarbeit mit dem Landkreis.
Die Corona-Pandemie stellte die Lebenshilfe Traunstein vor eine ihrer größten Belastungsproben. Täglich wechselnde Vorgaben, kurzfristige Änderungen und massive Einschränkungen betrafen nicht nur die Mitarbeiter, sondern vor allem auch die Menschen mit Behinderung und ihre Angehörigen. Annemarie Funke musste innerhalb kürzester Zeit reagieren, koordinieren, absichern – und gleichzeitig den Betrieb aufrechterhalten, beschrieb es Maier. „Du gabst Orientierung und trafst Entscheidungen, die Schutz und Menschlichkeit miteinander verbanden.“ Funke selbst betonte rückblickend, wie wichtig ihr in dieser Zeit der Dialog mit Mitarbeitern und Bewohnervertretung war.
Sie verlagerte die Verwaltung von Traunreut nach Traunstein, machte sie dort sichtbar, strukturierte die Organisation 2017 in eine gemeinnützige GmbH um. Maier empfand: „Du hast Überzeugungskraft und Ausdauer gezeigt – in hohem Maße.“
Der Landtagsabgeordnete Konrad Baur sprach für Landrat Andreas Danzer, der sich entschuldigen musste. Baur zitierte Funke aus einem Telefongespräch im Vorfeld der Feier: „Lob mich nicht zu viel, dann müsste ich mich verkriechen.“ Baur sah das anders. „Das kann ich dir heute nicht versprechen.“ Als Beobachter und Begleiter erlebe er sehr viele Aktionen in der Lebenshilfe, Funke selbst sei aber wenig sichtbar. „Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder du warst nicht fleißig – oder du stellst dich nicht gern in den Vordergrund. Wir wissen alle, es kann nur die zweite Möglichkeit sein.“
Funke sei extrem aktiv, sehr gut vernetzt, aber selten selbst sichtbar. Er lobte ihre ruhige Beharrlichkeit, ihre Klarheit in Gesprächen, die Zusammenarbeit auf Augenhöhe. Als Bezirksrätin und Kreisrätin engagiere sie sich auch politisch. „Es ist mehr als ein Job“, habe sie einmal gesagt. Mit einem Augenzwinkern wandte sich Baur vom Rednerpult an den Nachfolger Funkes, Markus Spiegelsberger. „Vor diesen Leistungen werden wir unsere Ansprüche an die Lebenshilfe nicht herunterschrauben“, lachten er und der ganze Saal.
Ludwig Entfellner, Unterwössner Bürgermeister, beschrieb den Weg vom ersten Kaffeekränzchen bis zum heutigen Inklusionsbetrieb der Lebenshilfe am Rathaus. Er erinnerte an die Anfänge, als Funke beim Kaffee ihre Idee preisgab, im Süden des Landkreises einen Lebenshilfe-Stützpunkt zu gründen. Heute versorgt ein Bistro nicht nur Gäste vor Ort, sondern liefert Kindergärten und Schulen das Mittagessen. „Für Unterwössen ist das ein Glücksfall“, sagte Entfellner. Die Einrichtung und ihre Bewohner prägen das Ortsbild. Entfellner nannte das einen „Glücksfall für die Gemeinde“. Er betonte die Auswirkungen auf das Ortsbild und die lokale Beschäftigung. Funke, sagte er, habe die Chancen erkannt und beim Schopf gepackt.
Frank Fuchs und Thomas Huschka, Bewohner der Lebenshilfe, bedankten sich mit kurzen Worten: „Bleiben Sie gesund.“ Für den Betriebsrat sprach Raluca Binder. Sie sah, wie Funke seit 20 Jahren die Geschicke der Lebenshilfe geleitet habe. Es habe in dieser Zeit viele Herausforderungen gegeben, vieles habe sich verändert. Manche Entscheidung sei sehr schwer gewesen. Nicht immer sei man einer Meinung gewesen. An Funke lobte sie, dass sie die Verantwortung übernommen und entschieden habe. Binder sprach Annemarie Funke hohen Respekt und Anerkennung aus. Sie erinnerte sich an so manchen Dialog mit ihr. „Dialog war für uns immer ein wichtiger Punkt.“ Alles Gute gab sie Funke mit auf den weiteren Lebensweg.
Markus Spiegelsberger stellte sich als neuer Geschäftsführer vor. Er ist 47 Jahre alt, verheiratet und Vater zweier Töchter. Der Diplom-Betriebswirt verfügt über umfangreiche Erfahrungen in leitenden Positionen im Sozial- und Gesundheitswesen. Er war zuvor Geschäftsführer der Pidinger Werkstätten sowie kaufmännischer Direktor am Klinikum Passau.
Die Arbeit von Annemarie Funke würdigte er, indem er den Ist-Zustand der Lebenshilfe beschrieb, wie er ihn jetzt in seiner zweimonatigen Einführung kennenlernte. Er sieht die Lebenshilfe als einen innovativen Vorzeigebetrieb. In den vergangenen zwei Monaten habe er über 30 unterschiedliche Teams gesprochen und kennengelernt und so den Eindruck einer wunderbaren Einrichtung gewonnen. „Hier arbeiten Menschen für Menschen.“ Er sprach über aktuelle Herausforderungen: Fachkräftemangel, Individualisierung, wachsende Komplexität. „Es geht um Menschen – speziell bei uns“, sagte er mit Blick auf den sozialen Auftrag. Er bat die Mitarbeitenden um ihr Vertrauen.
Funke sprach auch über die wirtschaftliche Seite. „Wir hatten bei allen Baumaßnahmen keine Kostenüberschreitungen“, sagte sie. Sie dankte ihrer kaufmännischen Leiterin, Silvia Müller-Heiß, für die enge Zusammenarbeit. Sie erwähnte den Aufbau neutraler Beratungsangebote, Palliativversorgung und Kooperationen mit Wohnungsbaugesellschaften.
Zum Schluss dankte sie einer langen Liste von Wegbegleitern: Aufsichtsräten, Mitarbeitern, Politikern, Ehrenamtlichen, Familien, Gemeindemitgliedern und Unterstützern. Darunter war auch die Musikformation des Abends, das Ensemble Amici Fisarmonica unter der Leitung von Ulrich Membre. Das Akkordeonorchester begleitete die Veranstaltung mit mehreren Beiträgen, darunter klassischen Stücken und Eigenarrangements.
Soloauftritt
berührte viele Gäste
Membre steht seit Jahren in enger Verbindung zur Lebenshilfe Traunstein. In ihrer Abschiedsrede betonte Annemarie Funke die besondere Beziehung zu dem Ensemble: Annmarie Nieder, Bewohnerin der Lebenshilfe in Unterwössen, gestaltete den Abend mit. Ihr Soloauftritt rührte viele Gäste und setzte ein sehr persönliches Zeichen des Abschieds.
Persönlich wurde Funke bei der Erwähnung ihrer Familie. Ihre Enkelin wünsche sich mehr Zeit mit ihr. Funke sagte: „Ich bin mir sicher, dass es bei der Lebenshilfe gut weitergeht.“ Dann zitierte sie William Shakespeare: „Ein Abschied verlängert die Freude des Wiedersehens.“
Die Veranstaltung endete mit einem Buffet, zubereitet vom Team des Bistros am Rathaus. In den vielen folgenden Gesprächen klang immer wieder heraus: Der Abend markierte das Ende einer Amtszeit in einem sorgfältig vorbereiteten Übergang.