Bernau – Die offizielle Polizeimeldung sprach von einer „Hetzjagd“, die Realität war für die Familie Göttel ein Alptraum, der sich auf ihrem eigenen Grundstück abspielte. „Unsere Katze wurde nicht übers Feld gejagt“, stellt Sascha Göttel im Gespräch mit unserer Redaktion entschieden klar. Seine Frau habe gerade den Frühstückstisch gedeckt, während ihr Kater auf einer Liege im Garten schlief. „Meine Frau ist da zehnmal dran vorbeigelaufen. Plötzlich ist von der Seite der Hund ins Grundstück geschossen und gleich auf die Katze los“, schildert Göttel die dramatischen Sekunden.
„Diese Bilder wünsche
ich keinem im Kopf“
Seine Frau wurde zur direkten Augenzeugin der Attacke. „Der Hund hat den Kater vor den Augen meiner Frau gerissen“, berichtet Göttel mit brüchiger Stimme. „Er hat ihn gepackt, gebissen und hin- und hergeschleudert.“ Die Verfolgung habe nur wenige Meter bis unter einen Baum am Gartenzaun gedauert, wo der Kater in die Enge getrieben wurde. Voller Verzweiflung sei seine Frau schreiend dazwischen gegangen. „Sie hat ihre eigene Gesundheit riskiert bei dem Versuch, dem Husky die Katze zu entreißen. Diese Bilder wünsche ich keinem im Kopf, die wird man so schnell nicht wieder los.“ Der gesamte Vorfall habe sich über wenige Minuten hingezogen, bis die Hundehalterin schließlich – alarmiert durch die Schreie – am Ort des Geschehens eintraf.
Im Telefonat mit der Redaktion äußert sich auch die Hundehalterin, die anonym bleiben möchte. Sie bestätigt entscheidende Vorwürfe der Opferfamilie. „Es ist ein normaler Hundespazierweg, wo ganz Bernau geht. Ich habe ihn zum Wasser runtergelassen und habe ihn dann nicht so total festgehalten“, erklärte sie. Es sei noch früh am Morgen gewesen und sie habe nicht damit gerechnet, dass dort eine Katze sei. Ihr Hund sei außerhalb des Bachbereichs gelaufen und habe sich schließlich selbstständig gemacht. „Ich konnte nicht wissen, dass er dann die Katze sieht. Das war mein Fehler, dass ich da mal unachtsam war“, räumt sie zunächst ein.
Die Halterin betont den Jagdtrieb ihres Hundes als Ursache. „Der Hund hat eben den Trieb, die Menschen haben das gezüchtet“, erklärt sie. Die getötete Katze sei mit 18 Jahren bereits sehr alt gewesen. „Sie konnte nicht weglaufen. Ich glaube aber, dass er vorher eine andere Katze gejagt hat“, vermutet sie. Die Situation sei für sie selbst „schrecklich“ gewesen. Sie habe sich bei der Familie Göttel mit einer Schachtel Pralinen entschuldigen wollen, was diese jedoch als unpassend empfand. „Alles, was man vorbeibringt, kann das nicht mehr gut machen“, sagt sie dazu.
Ein weiterer Vorfall –
nur zwei Tage vorher
Diese Schilderung gewinnt an Brisanz, da sie im Gespräch auch einen früheren Vorfall einräumt: Ein Vorfall, den auch Familie Göttel sowie eine Nachbarin bestätigen: Nur zwei Tage vor der tödlichen Attacke war der Halterin der Husky bereits an derselben Stelle entlaufen und auf das Grundstück der Göttels gestürmt. Dort attackierte er die Katze der Nachbarin, die sich nur knapp in einen Schuppen retten konnte. „Er ist mir vorher auch schon ausgekommen, war bei ihm am Grundstück“, so die Halterin. Auf die Frage, warum sie die Leine trotz dieses Vorfalls erneut zwei Tage später gelockert habe, hat sie keine Antwort.
Und auch noch ein dritter, schwerwiegender Vorfall wird von ihr bestätigt: Im Juni 2024 riss ihr Hund am Chiemseeufer in Felden zwei Gänse, was damals zu einer Anzeige wegen Jagdwilderei führte. Es habe sich um „zahme Gänse“ gehandelt, die am Hundebadeplatz gewesen seien. „Er ist hingelaufen, natürlich, und hat die erwischt“, sagt die Halterin am Telefon. Der Hund war zu diesem Zeitpunkt ein Jahr alt.
Bernaus Bürgermeisterin Irene Biebl-Daiber zeigt sich im Gespräch mit unserer Redaktion betroffen und entschlossen. „Ich kann Ihnen zusichern, dass wir diesen Fall sehr, sehr sorgfältig aufarbeiten werden“, so die Bürgermeisterin. Sie werde persönlich an einem Krisengespräch teilnehmen, zu dem neben der Halterin auch das Ordnungsamt und die Diensthundeführer der Polizei geladen sind. „Bei so krassen Terminen sitze ich mit am Tisch“, versichert sie und betont die Dringlichkeit: „Da können wir jetzt nicht warten.“
„95 Prozent der
Halter sind anständig“
Gleichzeitig macht sie auf ein administratives Problem aufmerksam, das ein früheres Eingreifen der Gemeinde verhindert habe. Weder der erste Angriff auf die Nachbarskatze noch der Vorfall mit den Gänsen seien der Gemeinde je offiziell gemeldet worden. „Das Problem ist: Wenn bei uns nie Anzeige eingereicht wird, dann können wir leider auch nicht tätig werden“, erklärt Biebl-Daiber. Erst jetzt, nach den offiziellen Anzeigen, könne die Verwaltung rechtssicher handeln.
Eine generelle Verschärfung der Hundeverordnung für alle Halter in Bernau schließt die Bürgermeisterin vorerst aus. „95 Prozent der Hundehalter sind wirklich anständig“, betonte sie. Man beschränke sich auf den konkreten Einzelfall. „Es ist der Hund oder der Besitzer. Und um die kümmern wir uns jetzt.“
Für Sascha Göttel ist die emotionale Wunde tief. Sein zweiter Kater sei seit dem Vorfall schwer traumatisiert, habe tagelang nichts gefressen und müsse tierärztlich behandelt werden. Dennoch oder gerade deswegen geht der Familien noch einen Schritt weiter: „Es geht uns nicht um eine finanzielle Wiedergutmachung, das interessiert uns überhaupt nicht“, stellt er entschieden klar. Die Motivation der Göttels, sich an die Öffentlichkeit zu wenden, sei die Sorge um die Sicherheit in der Nachbarschaft. „Es geht darum, dass hier für unsere Begriffe nicht nur eine Gefährdung für Katzen vorliegt. Wenn um halb acht meine Frau den Frühstückstisch herrichtet, hätte da auch unser Kind mit vier Jahren nebendran sitzen können.“
Ihnen sei wichtig, dass die Behörden das wiederholte, unkontrollierte Verhalten des Hundes und die mangelnde Einsicht der Halterin ernst nehmen, um zukünftige, möglicherweise noch schlimmere Vorfälle zu verhindern. „Wenn da keiner was dazu sagt oder jeder das so durchgehen lässt, dann geht’s ja immer so weiter“, so Göttels Befürchtung. „Und irgendwann ist halt blöderweise ein Kind dazwischen, und dann heißt es: ‚Ja, warum?‘“
Die kommenden Wochen werden zeigen, welche Konsequenzen aus der Kette von Vorfällen in Bernau gezogen werden. Die Beteiligung der Bürgermeisterin signalisiert, dass der Fall auf höchster kommunaler Ebene angekommen ist. Für die Familie Göttel bleibt die Hoffnung, dass durch die nun Aufarbeitung zukünftiges Leid verhindert werden kann.