Grassau – Die Probleme der Postzustellung reichen noch länger zurück, als bisher gedacht: Bereits beim Versand der amtlichen Wahlunterlagen zur Traunsteiner Landratswahl im Juni und Juli stellten die Gemeinde Grassau und andere Gemeinden im Achental sowie Reit im Winkl Unregelmäßigkeiten fest. Das führte Ende Juli zu einem gemeinsamen Brief an die Post-Zentrale in Bonn. Der von den neun Ortsvorstehenden, acht Männer und eine Frau, unterzeichnete Brief ist mit zahlreichen Beispielen gespickt:
Unterlagen für langjährige Einwohner seien als unzustellbar zurückgeschickt worden, die Zustellung dauerte acht Tage oder Personen aus dem gleichen Haushalt erhielten die Wahlunterlagen bis zu vier Tage zeitversetzt. Im Brief heißt es weiter: „Eine funktionierende Briefzustellung ist Grundlage für ein funktionierendes Staatswesen. Gerade im Hinblick auf die Durchführung von Wahlen irritieren die oben geschilderten Unregelmäßigkeiten massiv.“ Zu den Problemen sei es gekommen, obwohl die Gemeinden den Aufdruck „Amtliche Wahlunterlagen“ auf den Versandhüllen platzierte.
Kattari widerspricht Angaben der Post
Die Forderung am Ende: Unverzüglich dafür zu sorgen, „dass die gesetzlich geregelten Brieflaufzeiten für die Gemeinden des Achentals und Reit im Winkl eingehalten werden“. Laut Gesetz hat die Post vier Tage Zeit für die Zustellung.
Mitte August berichtete die Chiemgau-Zeitung bereits über Zustellungsprobleme in Grassau, eine Postsprecherin konnte nach intensiver Recherche keine Laufzeit von bis zu sechs Werktagen bestätigen, von denen zuvor ein OVB-Leser gegenüber der Redaktion berichtete. Daraufhin meldete sich Stefan Kattari, Grassaus Bürgermeister, bei der Chiemgau-Zeitung: „Insbesondere möchte ich der Darstellung der von Ihnen zitierten DHL-Sprecherin widersprechen. Laufzeiten von mehreren Tagen sind keine Seltenheit, aus eigener Erfahrung kann ich die teils um mehrere Tage verspätete Zustellung von Tageszeitungen bestätigen.“
Kattari habe sich intensiv darum bemüht, „einen regionalen Ansprechpartner der Post ausfindig zu machen, um die Probleme womöglich auf kurzem Weg ansprechen zu können. Ein solcher Ansprechpartner konnte mir auf mehrfaches Nachhaken hin nicht genannt werden.“ Die wiederkehrende Aussage sei gewesen, er solle sich an die Zentrale wenden.
Auch deshalb wunderte sich der Grassauer Rathauschef über die Aussagen der Post-Sprecherin gegenüber der Chiemgau-Zeitung. Kattari mit Galgenhumor: „Vielleicht ist das Schreiben, das wir mit der Post (!) verschickt haben, aber auch einfach noch nicht zugestellt worden.“
Auf erneute Nachfrage bei der Post antwortet die Sprecherin: „Nach aktuellem Stand ist die Zustellung in Grassau stabil. Uns liegen derzeit keine Unregelmäßigkeiten vor.“ Sie bestätigt aber, dass es in den vergangenen Wochen in „einzelnen Zustellregionen zu temporären Einschränkungen in der Briefzustellung“ kam. Gründe dafür seien erhöhte Sendungsmengen und ein erhöhter Krankenstand gewesen. „Wir haben unmittelbar reagiert und entsprechende Maßnahmen eingeleitet, um die Zustellqualität schnellstmöglich wieder zu stabilisieren. Die Zustellung in Grassau ist nach aktuellem Stand rückstandsfrei“, schreibt die Postsprecherin.
Darüber hinaus seien alle Zustelltouren besetzt und die vorliegenden Sendungsmengen würden taggleich zugestellt. „Wir beobachten die Lage weiterhin aufmerksam und steuern bei Bedarf gezielt nach. Weiterhin bleibt es dabei, dass wir die Laufzeit von sechs Werktagen nicht bestätigen können“, heißt es in der Post-Antwort. Es gebe auch keinen Personalengpass, alle Zustelltouren in der Region seien besetzt und es gebe keine offenen Stellen.
Eine Stellenausschreibung für die Post und Paketzustellung in Traunstein mit einer Willkommensprämie von bis zu 1000 Euro ist weiterhin zu finden – diese Ausschreibung bezieht sich laut der Sprecherin explizit auf die Weihnachtszeit, wenn Personal zur Verstärkung benötigt wird.
Nicht alle Orte
gleich betroffen
Und auch Kattaris erfolglose Suche nach einer Ansprechperson vor Ort kann bei der Post nicht nachvollzogen werden: „Es gibt bei uns in ganz Deutschland regionale Politikbeauftragte, an die sich Bürgermeister jederzeit wenden können.“
Für die Menschen in Grassau ist es unverständlich, dass die Zustellung in einigen Ortsteilen funktioniert, in anderen wieder nicht. So haben Bürger im Oberdorf Grassau selten Probleme, andere wiederum in der Bahnhofstraße warten oft tagelang auf wichtige Terminschreiben.
Acht Tage für eine Postkarte aus Prien
In der Gemeinderatssitzung in Staudach-Egerndach berichteten etwa einige Gemeinderäte, wie Franz Just, von verspäteten Briefzustellungen oder gebündelte Zustellungen oder aber auch den Einwurf von Briefen in Nachbarbriefkästen. Dies könne schon einmal passieren und in guter Nachbarschaft schaue man auch darüber hinweg und übernehme den richtigen Einwurf. Doch häufen sollte sich das nicht, wie dies derzeit in der Gemeinde leider geschehe.
In Grassau vermeiden bereits Ärzte, wichtige Unterlagen an ihre Patienten mit der Post zu versenden. Es scheint sicherer, diese direkt in der Praxis abzuholen.
Ein Ehepaar aus Rottau machte einen Selbstversuch. Ihre Namen wollen sie in der Zeitung nicht lesen, da sie befürchten, noch mehr Unannehmlichkeiten mit der Postzustellung zu bekommen. Sie schickten sich von Prien und von Übersee jeweils eine Postkarte zu. Beide Karten waren dann acht Tage unterwegs.
Die unzulängliche Zustellung ist, so sind sich viele vor Ort sicher, ein logistisches Problem der Post und nicht der Zusteller, die in weiten Teilen sehr gute Arbeit leisten, freundlich und zuvorkommend sind.