Rekordumsatz – aber ein Haken

von Redaktion

Die Region Chiemsee-Chiemgau ist eine sehr touristische Region, keine Frage. Das zeigt sich aktuell nahezu täglich an vollen Zügen und vielen unterschiedlichen Kfz-Kennzeichen auf den Straßen. Aber wie groß ist der Wirtschaftsfaktor wirklich für die Region?

Chiemgau – Eine Studie des Deutschen Wirtschaftswissenschaftlichen Instituts für Fremdenverkehr e. V. an der Universität München (dwif) untersucht alle fünf Jahre im Auftrag vom Verein Tourismus Oberbayern München den Wirtschaftsfaktor Tourismus für die verschiedenen Urlaubsregionen in Oberbayern. So auch die Chiemsee-Chiemgau-Region, die in der Studie abgegrenzt wird zur Chiemsee-Alpenland- und Inn-Salzach-Region – und direkt an das Berchtesgadener Land angrenzt.

Blick auf die
Ausgaben

Die Studie rechnet vor, dass die touristischen Umsätze bei insgesamt 684,9 Millionen Euro brutto liegen. Davon fallen 312 Millionen Euro auf gewerbliche Betriebe, gefolgt von 180,8 Millionen Euro Umsatz bei Tagesgästen. Etwas über 100 Millionen Euro Umsatz machen Privatquartiere. Die meisten Aufenthaltstage entfallen jedoch auf Tagesreisende (6,9 Millionen), vor gewerblichen Betrieben (2,4 Millionen) und Besuch von Verwandten und Bekannten (1,4 Millionen). Die durchschnittlichen Tagesausgaben werden angeführt von den Gästen, die in gewerblichen Betrieben unterkommen, und werden auf 131 Euro pro Tag bemessen.

Tagesgäste und die Besuche bei der Verwandtschaft sind mit jeweils 26,20 Euro durchschnittlichen Tagesausgaben am sparsamsten. Auch Campinggäste und Dauercamper werden gezählt, sind mit gut einer Million am wenigsten, geben mit knapp 50 Euro aber fast doppelt so viel aus wie Tagesgäste. Insgesamt verbuchen sie einen Bruttoumsatz von knapp 50 Millionen Euro. Spannend ist der Vergleich der Tagesausgaben mit den Zahlen für alle oberbayerischen Ferienregionen: Im Vergleich geben nur die Camper in der Chiemsee-Chiemgau-Region mehr Geld am Tag aus, der oberbayerische Schnitt liegt bei ihnen 47,50 Euro.

Am deutlichsten ist der Unterschied bei den Gästen in gewerblichen Betrieben: Für Oberbayern liegen die Tagesausgaben hier bei knapp 190 Euro, im Chiemgau bei 131 Euro. Bei Tagesgästen ist der oberbayerische Gesamtschnitt immerhin acht Euro höher: 26,20 Euro im Chiemgau, 34,20 Euro in Oberbayern. Am meisten profitiert das Gastgewerbe von touristischen Gästen, egal ob bei Tages- oder Übernachtungsgästen, inklusive Übernachtungen bei Verwandten. Die 684,9 Millionen Euro Gesamtumsatz verteilen sich zu knapp 58 Prozent (fast 400 Millionen Euro) auf das Gastgewerbe, auf den Einzelhandel entfallen 23 Prozent (knapp 160 Millionen) und rund 130 Millionen Euro Umsatz machen Dienstleistungen aus (19 Prozent).

Bei Übernachtungsgästen sind es 65,4 Prozent des Umsatzes, die auf das Gastgewerbe fallen, und nur 16,6 Prozent Einzelhandel, bei den Tagesgästen ist die Lücke mit 42 Prozent auf das Gastgewerbe zu 36,6 Prozent Einzelhandel deutlich geringer. Im oberbayerischen Gesamtvergleich ist der Umsatz im Einzelhandel sogar größer (40,2 Prozent), als im Gastgewerbe (34,7 Prozent).

Eine der Autorinnen der Studie, Milena Pippert vom dwif, sagt gegenüber dem OVB, die Touristenintensität wird gerne als Vergleichswert zwischen den unterschiedlichen Regionen herangezogen: „Das heißt, wir berechnen die Übernachtungen je Einwohner und die Tagesreisen je Einwohner. Und da ist der Chiemgau bei den Übernachtungen je Einwohner sehr weit vorn dabei, auf jeden Fall im oberen Viertel“. Bei den Tagesreisen sei die Intensität etwas geringer.

Der Vergleich an Absolutwerten wäre wenig sinnvoll, da absolut gesehen die Regionen unterschiedlich groß sind. Ein weiterer Vergleichswert, den das dwif in der Studie angibt, ist der relative Beitrag zum Primäreinkommen: „Das ist für uns ein Indikator, wie relevant der Tourismus in der Region ist“, sagt Pippert. Ermittelt wird der Wert, indem das gesamte touristische Einkommen der Region durch ein durchschnittliches Primäreinkommen pro Kopf von 34282 Euro geteilt wird.

Die berechneten 9690 Personen sollen darstellen, wie viele Leute in der Region Chiemsee-Chiemgau durch die touristische Nachfrage ein durchschnittliches Primäreinkommen beziehen könnten. Dabei dürfe der Wert nicht mit der Anzahl der durch den Tourismus beschäftigten Personen gleichgesetzt werden. Für Oberbayern insgesamt liege der relative Beitrag bei 3,8 Prozent, im Chiemgau sind es 7,6 Prozent – nur die Zugspitzregion erreiche einen höheren Prozentsatz.

Die Studie gibt außerdem an, dass durch Mehrwertsteuer und Einkommensteuer rund 63,6 Millionen Euro 2024 aus dem Tourismus als Gemeinschaftssteuer auf Bund, Länder und Kommunen aus dem Tourismus der Region zukommen. Dazu kommen Grund-, Gewerbe-, und Zweitwohnungssteuer plus Kurtaxe und Tourismusabgabe. Grundsätzlich lasse sich noch sagen, dass die Umsätze im Tourismus gestiegen seien, jedoch im Vergleich zum Primäreinkommen nicht so stark, so Pippert.

Die Bruttoumsätze gegenüber 2019 und 2014 sind alle gestiegen, auch wenn die Zahlen nicht inflationsbereinigt angegeben werden. Bei den Übernachtungen steht mit 4,562 Millionen ein Plus von 3,7 Prozent gegenüber 2014 (gesamt 4,4 Millionen) und ein Minus von 0,5 Prozent gegenüber 2019 (4,586 Millionen). Die Tagesreisen (6,9 Millionen) sind gegenüber 2014 (6,2 Millionen) um 11,3 Prozent gestiegen, gegenüber 2019 (7,2 Millionen) um 4,2 Prozent gefallen. Das Einkommensäquivalent (9690 Personen) ist gegenüber 2014 um 2,1 Prozent gestiegen, im Vergleich zu 2019 um die gleiche Prozentzahl gesunken.

„Die Zahlen belegen eindrucksvoll, wie viele Menschen und Betriebe im Landkreis vom Tourismus direkt profitieren“, kommentiert Tourismus-Geschäftsführer Franz Bauer in einer Pressemitteilung der Chiemgau GmbH die neuesten Zahlen zum Wirtschaftsfaktor Tourismus. „Aber natürlich bildet dieser Anstieg zum Teil auch die Teuerung in der gesamten Leistungskette ab“, schränkt Bauer ein.

Digitalisierung
ist ein Muss

In der Mitteilung heißt es weiter: „Auch unter Einberechnung des um knapp 27 Prozent gestiegenen Verbraucherpreisindex der letzten Dekade weisen die Zahlen ein deutliches Plus aus.“ Laut Bauer sei trotzdem nicht die Zeit, um sich zurückzulehnen und zu sagen „läuft“, sondern weiter in Betriebe und Angebote zu investieren. „Wir müssen im Bereich Digitalisierung Gas geben und neue Gästeschichten für die Zukunft mit unseren Urlaubsangeboten erreichen“, skizziert Bauer den Plan für die nächsten Jahre.

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