Berchtesgadener Land/Rosenheim/Chiemgau – Es ist eine der berühmtesten und anspruchsvollsten Grat-Touren der Ostalpen, ein Sehnsuchtsziel für unzählige Alpinisten. Doch am vergangenen Dienstag (9. September) ereignete sich auf der Watzmann-Überschreitung erneut eine Tragödie. Ein 27-jähriger Bergsteiger aus Niederösterreich stürzte in den Tod. Der Vorfall rückt die komplexen Gefahren im Hochgebirge ebenso in den Fokus wie den unermüdlichen Einsatz der Organisationen, die sich der Sicherheit am Berg widmen: von den Wegewarten des Nationalparks über die Präventionsexperten des Alpenvereins bis zu den ehrenamtlichen Rettern der Bergwacht, die oft an ihre Grenzen gehen.
Der Unfall: ein falscher Schritt
mit fatalen Folgen
Die Fakten klingen zunächst nüchtern: Gegen 8.30 Uhr morgens, kurz nach Erreichen der Watzmann-Mittelspitze auf 2713 Metern, rutschte der 27-Jährige aus. Er stürzte in einem als technisch „einfach“ und daher ungesicherten Abschnitt rund 80 Meter in eine Rinne der Ostseite ab. Für den Mann, der mit drei weiteren Personen und einem professionellen Bergführer unterwegs war, kam jede Hilfe zu spät. Die Bergwacht flog die unter Schock stehenden Begleiter ins Tal, wo sie vom Kriseninterventionsteam betreut wurden.
Die Ermittlungen zum genauen Unfallhergang hat die Grenzpolizei Piding übernommen. Die Arbeiten am Berg gestalten sich jedoch schwierig: Aufgrund des schlechten Wetters konnte die Spurensicherung vor Ort bislang noch nicht abgeschlossen werden und dauern weiter an.
Im Einsatz an vorderster Front ist dabei die vor rund eineinhalb Jahren gegründete „Alpine Einsatzgruppe“ – eine hauptamtliche Einheit, auf den Einsatz im Gebirge spezialisiert. Ihre Aufgabe ist es, ähnlich wie bei einem Verkehrsunfall, den genauen Hergang zu rekonstruieren und ein Fremdverschulden auszuschließen, wie ein Polizeibergführer der GPI Piding im Gespräch mit unserer Zeitung erläutert.
Doch die Arbeit der Spezialisten geht über die reine Unfallaufnahme hinaus. Die hoch qualifizierten Beamten, oft selbst ausgebildete Bergführer, führen auch präventive Streifen durch. „Dabei suchen wir gezielt das Gespräch mit Bergsteigern, um auf mangelnde Ausrüstung oder offensichtliche Fehleinschätzungen hinzuweisen, bevor es zum Unglück kommt“, beschreibt der Polizeibergführer diesen wichtigen Teil ihrer Arbeit. Die Einheit fungiert somit nicht nur als Ermittler nach einer Tragödie, sondern auch als Berater am Berg, um solche bestenfalls zu verhindern. Was Experten aufhorchen lässt, ist die Tatsache, dass der Absturz nicht an einer klettertechnischen Schlüsselstelle, sondern in vermeintlich simplem Gehgelände geschah. David Pichler, Geschäftsführer der Bergwacht Chiemgau, kennt diese Gefahr nur zu gut und warnt vor einem fatalen Missverständnis: „Man darf technisch ‚einfach‘ nicht mit potenziell ‚ungefährlich‘ verwechseln. ‚Einfach‘ beschreibt die technische Anforderung für den Bergsteiger und nicht die Beschaffenheit vom Gelände. Es gibt durchaus einfache Wanderwege, die aber durch Absturzgelände führen.“
Diese Einschätzung teilt Markus Block vom Deutschen Alpenverein (DAV) in München. Er betont den Charakter der Tour: „Wenn es einen Weg gibt in der Region, der die Charakterisierung ‚schwarz‘ verdient hat, dann der.“ Die Botschaft sei klar: „Es ist definitiv kein Klettersteig und es ist definitiv keine Wanderung. Es ist eine sehr hochalpine Überschreitung, die wirklich Erfahrung und Kenntnisse voraussetzt.“
Um diese Erfahrung zu vermitteln, setzt der DAV auf Aufklärung. „Informationen haben wir eigentlich ohne Ende dazu, auf fast allen Kanälen“, so Block. Von aktuellen Bedingungen auf den Hütten-Homepages über Flyer bis hin zu Dutzenden Ausbildungskursen für alle Bergsportarten versuche man, die Menschen bestmöglich vorzubereiten. Und auch die Hüttenwirte gingen aktiv auf Kletterer und Gruppen zu, um hinsichtlich der Bedingungen sowie Gefahren zu sensibilisieren.
Die physische Sicherheit der Wege selbst liegt in den Händen der Nationalparkverwaltung Berchtesgaden. Eine Mammutaufgabe, wie der stellvertretende Nationalparkleiter Daniel Müller bestätigt. Jährlich investiere man rund 550000 Euro in den Unterhalt des 276 Kilometer langen Wegenetzes. „Darin enthalten sind über 8500 Stunden Arbeitszeit unserer Waldarbeiter und mit dem Wege-Unterhalt betrauten Personen“, rechnet Müller vor. Ein Schwerpunkt liege dabei auf anspruchsvollen Wegen wie der Watzmann-Überschreitung. Um Wanderer zu sensibilisieren, betreibe man zudem in Kooperation mit dem DAV die „Alpine Auskunft“, schicke Ranger ins Gelände und setze eine „Digitale Rangerin“ für Tourenportale wie Komoot ein. Doch selbst das beste Netz kann nicht jeden Unfall verhindern.
Dann schlägt die Stunde der Bergwacht. Pichler schildert die extremen Herausforderungen eines solchen Einsatzes: „Wenn kein Flugwetter ist, ist es einfach weit und logistisch aufwendig.
Wenn man vom Tal bis an den Grat rauf muss, braucht man zweieinhalb bis drei Stunden.“ Es sei ein Wettlauf gegen die Zeit, bei dem Dutzende Kilo an medizinischem und technischem Material von einer großen Mannschaft an den Berg gebracht werden müssen. „Das bringt einen schon an körperliche Höchstleistungen, weil es ja einfach pressiert“, so Pichler.
Was viele nicht wissen: Die Belastung für die Ehrenamtlichen geht weit über den Einsatz hinaus. „Die Dienstmannschaften nehmen sich teilweise Urlaub für die Zeit, wo sie Dienst haben, ehrenamtlich, weil sie halt einfach da sein müssen.“ Umso wichtiger sei die finanzielle Unterstützung der Arbeit, denn, so Pichler: „Die Bergwacht Bayern ist zum Drittel spendenfinanziert. Ein Faktor, der wichtig zu kommunizieren ist, weil das viele Leute nicht wissen.“ Zum Einsatz gehört auch die psychologische Betreuung – nicht nur für Angehörige, sondern auch für die eigenen Leute. Das spezialisierte „KID-Berg“ (Kriseninterventionsdienst) besteht aus Beratern, die selbst einen bergsteigerischen Hintergrund haben und so, wie Pichler sagt, „eine ganz andere Sprache sprechen können“.
Die größte Gefahr: Wenn am Ende
die Kraft fehlt
Unabhängig vom aktuellen Unglücksfall sehen alle Experten den kritischsten Punkt der Tour woanders: im schier endlosen Abstieg. „Was viele unterschätzen, ist die Gesamtlänge der Tour“, warnt David Pichler. „Einige Bergsteiger denken, dass die Südspitze das Ende des Grats und somit der Tour sei.
Aber was wir feststellen, ist, dass viele im langen Abstieg erschöpft sind.“ Nach Stunden höchster Konzentration am ausgesetzten Grat ließen Kraft und Aufmerksamkeit nach – auf einem Weg, der weiterhin volle Konzentration erfordert und keinen Fehler verzeiht. Genau hier, so sind sich die Kenner der Region einig, liegt die größte und am häufigsten unterschätzte Gefahr des Watzmanns.