Prien/Rosenheim – Vor 40 Jahren, im November 1985, beschäftigte die Entführung von Helga S. aus Prien die gesamte Region. Sie befand sich 53 Stunden in der Gewalt der Entführer. „Im bayerisch-salzburgischen Grenzgebiet spielte sich in den letzten drei Tagen und Nächten ein Entführungsdrama ab, das am Mittwoch nachts um drei Uhr für das Opfer, die 59-jährige Helga S. aus Prien, doch noch glücklich endete“, setzte der Bericht von Günter Oberst in der Ausgabe des Oberbayerischen Volksblatts (OVB) vom Donnerstag, 7. November 1985, an.
Die Forderung: eine
halbe Millionen Mark
Die Täter, so heißt es in dem Artikel, hätten am Sonntagabend, gegen 22 Uhr, zugeschlagen: „Ein Mann und eine Frau läuteten […] am Haus des Anwesens. Über die Sprechanlage teilten sie mit, es sei ein Telegramm abzugeben, worauf ihnen von der 29-jährigen Tochter geöffnet wurde. Doch statt eines Telegramms hielten die ‚Boten‘ eine Pistole.“ Sie hätten die ihrer Tochter zu Hilfe geeilte S. in ihre Gewalt gebracht, 400 Mark gestohlen und einen maschinengeschriebenen Erpresserbrief mit der Forderung nach einer halben Million Mark hinterlassen.
Weiter berichtete das OVB: „Am 4. November, einen Tag nach der Entführung, meldeten sich die Täter gegen 18.30 Uhr erstmals telefonisch.“ Die Polizei habe das Telefonat aufgezeichnet, wodurch der österreichische Dialekt des Anrufers dokumentiert sei, „etwa so, wie ein Wiener Oberkellner“, wird Polizeidirektor Ross zitiert.
In zwei weiteren Anrufen wurde nochmals die Forderung nach einer halben Million Mark gestellt und die Übergabe vereinbart. „Das in der Zwischenzeit beschaffte Geld – absichtlich holte man nur 200000 Mark und gab vor, die ganze Summe bereit zu haben – sollte in eine Plastiktüte verpackt und mit dem letzten Zug nach Wien über die deutsch-österreichische Grenze gebracht werden.“ Auf ein Funksignal hin sollte das Geld aus dem Fenster des Nachtzuges geworfen werden.
Tochter sollte das
Lösegeld übergeben
Ein Großaufgebot von 130 Polizeibeamten war schließlich im Einsatz. „Rosenheimer Kriminalpolizisten fuhren mit einer zweiten Lok dicht hinter dem Zug.“ Darüber hinweg flog außerdem ein Polizeihubschrauber.
Der oberbayerische Polizeipräsident Dr. Ottmar Keller habe zudem ausdrücklich die Zusammenarbeit mit den österreichischen Behörden gelobt, so das OVB. Im Zug habe sich unterdessen die Tochter der Entführten befunden, die das Lösegeld übergeben sollte. Sie sei umgeben von feiernden FC-Bayern-Fans gewesen, „an deren Späße sie sich wohl kaum hatte erfreuen können“. Zunächst sei sogar gemutmaßt worden, der Lärm der Fußballfans habe den Funkverkehr unmöglich gemacht. Doch am Tag darauf wurde klar, woran die Lösegeldübergabe scheiterte: Offenbar hatten die Täter den falschen Zug angefunkt.
„Der aus München kommende Zug verließ wegen der Verspätung, die er auf seinem langen Weg von Paris über München mitgebracht hatte, erst um 1.53 Uhr den Rosenheimer Bahnhof“, erläuterte Günter Oberst in einem weiteren Bericht tags darauf, am 8. November. Die Tochter von S. sei in Prien eine Stunde später zugestiegen. „Die Täter gingen in Unkenntnis der Zugverspätung offensichtlich davon aus, dass Andrea S. um 0.35 Uhr Prien verlassen und den Zug um 1.40 Uhr ab Salzburg erreicht hat.“ So sei es zustande gekommen, dass die Täter den falschen Zug anfunkten.
Täter vermutlich
aus Österreich
Die entführte Fabrikanten-Gattin tauchte in Bad Endorf wieder auf: „Die erste Person, die Helga S. nach ihrer Freilassung zu Gesicht bekam, war Endorfs Fahrdienstleiter Franz Flieger. Er schilderte uns gestern seinen Eindruck, als in der Nacht gegen drei Uhr eine ‚offenbar in Gefahr befindliche Frau‘ vor der Glasscheibe seines Dienstraums stand und hilfesuchend nach der Polizei fragte“, berichtete das OVB.
Daraufhin habe er bei der Polizeiwache in Prien angerufen. In wenigen Minuten sei ein Polizeiwagen da gewesen. Als der Zug mit der Tochter der Entführten in Linz angekommen sei, „bestand für alle Beteiligten die Gewissheit, dass der Entführungsfall ein glückliches Ende gefunden hatte.“
„Krimi des Jahres 1985 war der Entführungsfall Helga Schmid“, resümierte schließlich noch ein kurzer Beitrag in der Zeitungsausgabe vom 31. Dezember 1985. „Er wird die Polizei auch noch 1986 beschäftigen, denn die vermutlich österreichischen Entführer sind immer noch auf freiem Fuß.“ Dann verlieren sich die Spuren des Falls. Weder bei der Polizei noch bei der Staatsanwaltschaft sind noch Unterlagen dazu vorhanden. „Sollte bereits Verfolgungsverjährung eingetreten sein, so ist davon auszugehen, dass das Ermittlungsverfahren wegen eines Verfahrenshindernisses (Verjährung) eingestellt wurde“, heißt es seitens der Staatsanwaltschaft. „Da bei uns wohl keine Unterlagen mehr vorhanden sind, spricht einiges dafür, dass der Fall nicht mehr ‚offen‘ ist.“