Chiemgau/Berchtesgadener Land – Laute Kritik an den Bayerischen Staatsforsten, weil das Forststraßennetz immer dichter wird: Vertreter des Bund Naturschutz werfen dem Forstbetrieb Berchtesgaden vor, durch den Bau neuer Forststraßen sensible Landschaftsräume zu zerstören. „Der Schädlingsbefall fällt uns wahrscheinlich weniger auf die Füße als fragmentierte Waldstücke“, heißt es. Nun äußert sich Forstbetriebsleiter Dr. Daniel Müller mit deutlichen Worten.
Bereits im Januar dieses Jahres seien mehrere Rodungsanträge für das Lattengebirge gestellt worden, berichten Vertreter des Naturschutzes. Auch in der Mordau sowie im Bereich Gschwand und Dalsenalm seien neue Trassen im Gespräch, teilweise schon umgesetzt oder vorbereitet.
Das Aufbrechen der Humusschicht beschleunige dort die Austrocknung der Flächen und schwäche die Bäume zusätzlich. In der Mordau seien massive Eingriffe in die Hänge sichtbar, in Loipl sei das Wegenetz in den vergangenen Jahren ohnehin schon deutlich ausgebaut worden.
Die Naturschützer kritisieren zudem, dass Heidekrautflächen beeinträchtigt würden und große Bäume, die bisher im Wald verblieben, über neue Wege leichter abtransportiert werden könnten. Insgesamt verändere der Ausbau das Landschaftsbild deutlich. Begleitet werde dies durch eine Forstpolitik, die zunehmend auf Energieholz und Hackschnitzel setze.
„Der Wald gehört nicht den Staatsforsten, sondern den bayerischen Bürgern“, sagt etwa Rita Poser, Kreisvorsitzende des Bund Naturschutz im Berchtesgadener Land. Sie fordert, dass sich die Bevölkerung zusammenschließe, um gegen die Entwicklung aufzubegehren. Auch ein erneutes Volksbegehren sei nicht ausgeschlossen.
Immer größere Maschinen hätten immer massivere Eingriffe zur Folge, langfristig drohe der Wald durch die zunehmende Zerschneidung Schaden zu nehmen, so Poser auf einer kürzlich stattgefundenen Versammlung des Bund Naturschutz.
Herr Dr. Müller, warum waren Sie nicht auf der Veranstaltung des BN, bei der viele Themen rund um den Staatswald diskutiert wurden?
Ich wäre gerne gekommen und hätte mich den Fragen der Vertreter des Bund Naturschutz gestellt. Es wäre mir wichtig gewesen, mit Argumenten und Hintergrundinformationen die Maßnahmen der bayerischen Staatswaldbewirtschaftung zu erläutern, und damit manche Diskussion, die bislang nur über die Medien geführt wird, zu versachlichen. Bedauerlicherweise habe ich jedoch keine Einladung erhalten.
Können Sie bestätigen, dass die Bayerischen Staatsforsten im Januar mehrere Rodungsanträge zum Forststraßenbau im Lattengebirge gestellt haben? Welche Maßnahmen waren damals vorgesehen?
Im September 2024 wurden viele Waldbestände im Forstbetrieb Berchtesgaden durch außergewöhnlich starken Schneefall erheblich geschädigt. Aufgearbeitet werden konnten nur die Flächen, die erreichbar waren. In den bislang nicht oder nur unzureichend erschlossenen Bereichen mussten deshalb Wege projektiert werden, zur Vermeidung einer Borkenkäfervermehrung, zur Aufarbeitung und für notwendige Schutzwaldpflege. Die Notwendigkeit einer Borkenkäferbekämpfung haben wir bereits im Zusammenhang mit der Hubschrauberbringung am Müllner Berg ausführlich erläutert. Fichtenborkenkäfer legen ihre Eier unter die Rinde geschwächter Fichten. Frisch geschädigte Bäume sind für sie ein idealer Brutraum.
Durch den Schneebruch im September ist das Brutraumangebot in Höhenlagen zwischen 1100 und 1400 Metern sprunghaft gestiegen. Da Arbeitskräfte fehlen, ist eine Handentrindung oder das Fräsen der Rinde nur teilweise möglich. Ohne die inzwischen teilweise errichteten Wege hätte auch im Lattengebirge der ökologisch und finanziell problematische Hubschraubereinsatz erfolgen müssen.
Die Wege sollen langfristig helfen, die Wälder zu pflegen und sie klimastabil zu machen. Konkret handelt es sich um die Instandsetzung und Verbreiterung zweier bestehender Rückewege (Dahlsen: 225 Meter; Gschwand: 400 Meter; Anm. d. Red.) sowie um den Neubau von drei Rückewegen (Anthaupten West: 175 Meter; Dahlsen: 200 und 540 Meter).
In der Mordau in Ramsau soll es zu massiven Eingriffen in die Hänge gekommen sein. Kritiker des Bund Naturschutz bemängeln, dass durch das Aufbrechen der Humusschicht die Flächen schneller austrocknen und der Waldbestand geschwächt werde. Wie bewerten Sie die Kritik?
Die Erschließung mit Forststraßen oder Rückewegen dient in erster Linie dem Erhalt, der Pflege und dem klimagerechten Umbau unserer Wälder. Gerade im Gebirge erfüllen Wälder wichtige Schutzfunktionen: Gut gepflegte Bergwälder stabilisieren den Boden durch ihr Wurzelwerk und verringern damit das Risiko für Straßen und Infrastruktur in den Tälern. Diese Funktionen können die Wälder langfristig nur erfüllen, wenn sie regelmäßig gepflegt werden.
Dafür braucht es eben auch eine entsprechende Erschließung. Es stimmt aber, dass durch das Aufbrechen der Humusschicht an Wegrändern kleinere Flächen schneller austrocknen können.
Auf der weit überwiegenden Waldfläche lässt sich durch gezielte Pflege und die Verjüngung des Bestandes jedoch wertvoller Humus sichern und neu aufbauen. Wie bei medizinischen Eingriffen muss man mögliche Nebenwirkungen in Kauf nehmen, wenn der Hauptnutzen überwiegt: In diesem Fall der Schutz und die Stabilität unserer Bergwälder.
Der Bund Naturschutz bemängelt den grundsätzlich zunehmenden Ausbau des Forststraßennetzes. In Österreich sei das Forststraßennetz bereits dichter als das Straßennetz, mit negativen Auswirkungen auf den Wald. Wie rechtfertigen die Bayerischen Staatsforsten den Ausbau, vorgeworfen wird Ihnen immerhin die Fragmentierung des Waldes?
Der Ausbau des Forststraßennetzes im bayerischen Staatswald ist im Wesentlichen abgeschlossen. Neue Wege entstehen nur noch dort, wo sie für den Walderhalt, die Pflege oder den klimagerechten Umbau unbedingt erforderlich sind. Gerade nach Sturmschäden sind Forstwege von entscheidender Bedeutung: Nur über sie lassen sich beschädigte oder bereits von Schädlingen befallene Bäume rasch entnehmen, um den Brutraum des Borkenkäfers einzuschränken und größere Folgeschäden zu verhindern. Ein gut geplantes Straßennetz nützt dem Wald deutlich mehr, als es ihm schadet. Von einer negativen Fragmentierung im Sinne einer Verinselung des Waldes kann dabei nicht die Rede sein. Diese entsteht vielmehr durch großflächige Entwaldung.
Im Zusammenhang mit der Vermarktung von Energieholz und Hackschnitzeln durch die Bayerischen Staatsforsten wird immer wieder die Befürchtung geäußert, dass der hohe Bedarf an Energieholz zu einer Übernutzung des Waldes führen könnte…
Die Bayerischen Staatsforsten bewirtschaften den Staatswald nach dem Grundsatz der Nachhaltigkeit. Die Holznutzung erfolgt vor allem aus Gründen der Pflege und im Rahmen des an den Klimaprognosen orientierten Waldumbaus. Grundsätzlich wird dabei weniger Holz genutzt, als nachwächst. Der jährliche Holzzuwachs im Staatswald beträgt rund 6,1 Millionen Kubikmeter, davon werden etwa fünf Millionen Festmeter genutzt. Am Forstbetrieb Berchtesgaden bleibt sogar mehr als ein Drittel des Zuwachses ungenutzt. Ein hoher Bedarf führt daher nicht zu einer Übernutzung, sondern wirkt sich lediglich auf die Preise aus.
Auch die Einschlagszahlen der letzten 20 Jahre seit Gründung der Bayerischen Staatsforsten belegen klar, dass keine Übernutzung stattfindet. Energieholz und Hackschnitzel sind zudem klimafreundliche Energieträger. Das macht die thermische Nutzung nahezu klimaneutral. Der Vorteil gegenüber fossilen Energieträgern wie Kohle, Öl oder Erdgas ist offensichtlich.
Vertreter des Bund Naturschutz betonen, dass die Wälder nicht den Staatsforsten gehören, sondern den Bürgern Bayerns. Sie kritisieren, die Bayerischen Staatsforsten agierten zu stark wirtschaftlich orientiert und berücksichtigten den Gemeinwohlcharakter des Waldes zu wenig.
In einem Punkt haben die Vertreter des Bund Naturschutz recht: Der Bayerische Staatswald gehört allen Bürgern Bayerns. Ich weise immer wieder darauf hin, dass die Ziele für die Staatswaldbewirtschaftung in Artikel 18 des Bayerischen Waldgesetzes festgelegt sind, formuliert von den gewählten Volksvertretern. Die Bürger haben sehr unterschiedliche Erwartungen an den Wald. Der Gesetzgeber hat deshalb bewusst so festgelegt, dass die Bewirtschaftung auf eine Optimierung des Gesamtnutzens aller Waldfunktionen abzielt. Die Bayerischen Staatsforsten können und dürfen daher nicht allen Forderungen einzelner Verbände Vorrang einräumen. Interessenvertretungen neigen verständlicherweise dazu, ihre eigenen Anliegen als Gemeinwohl zu definieren. Unsere Aufgabe ist es , einen Ausgleich zu schaffen. Im Zentrum steht der Waldumbau. Davon profitieren letztlich alle Menschen in Bayern. Die Forstwege stehen der Öffentlichkeit offen und dienen Wanderern und Radfahrern.
Interview: Sascha Ludwig