Der stille Dieb im Apfelgarten

von Redaktion

Ein aggressiver Pilz, befeuert vom Klimawandel, lässt derzeit im Chiemgau und Berchtesgadener Land unzählige Apfelbäume kahl werden. Für viele Hobbygärtner ist die Ernte 2025 komplett verloren. Experte Markus Breier erklärt, welche drei Dinge jetzt überlebenswichtig für die Bäume sind.

Chiemgau/Berchtesgadener Land – Unter vielen Apfelbäumen in der Region sieht es derzeit aus wie im tiefsten Herbst. Ein Teppich aus gelb-braun gefleckten Blättern bedeckt den Boden, während die Äste immer kahler werden. Was viele Gartenbesitzer beunruhigt, hat einen Namen: Marssonina coronaria, eine Pilzkrankheit, die in diesem Jahr so schlimm wütet wie nie zuvor.

Klimawandel
als Ursache

„Mehr als die Hälfte der Apfelbäume in den Landkreisen Traunstein und Berchtesgadener Land sind heuer in unterschiedlicher Stärke betroffen“, erklärt Markus Breier, Kreisfachberater für Gartenkultur und Landespflege. Die Anfragen besorgter Bürger hätten deutlich zugenommen. „Manche Bäume stehen jetzt schon nahezu blattlos da – ein Bild, das wir sonst nur aus dem Herbst kennen.“ Die Ursache für die massive Ausbreitung des Pilzes hängt mit der Witterung zusammen. „Marssonina“ profitiert von langen Regenperioden und Temperaturen über 20 Grad“, so Breier. Genau diese Bedingungen habe der Juli geliefert und damit selbst robusten, alten Sorten massiv zugesetzt. Der Klimawandel spiele hier eine entscheidende Rolle: Länger anhaltende Extremwetterlagen, sei es Nässe oder Hitze, schwächen die Bäume und schaffen ideale Bedingungen für Krankheitserreger.

Zusätzlicher Stress durch Hitzeschäden, Schwarzen Rindenbrand oder Mistelbefall macht die Bäume noch anfälliger. „Großfruchtige Obstgehölze sind Kulturformen und brauchen Pflege und Düngung“, betont Breier. Ein geschwächter, unterversorgter Baum hat dem Pilz wenig entgegenzusetzen. Für viele Gartenbesitzer kommt die bitterste Nachricht erst noch: Wer jetzt einen kahlen Baum im Garten hat, kann die Ernte in der Regel abschreiben. „Ist ein Baum blattlos, reifen die Früchte nicht mehr, da die Blattfläche für die weitere Zucker- und Aromabildung fehlt“, stellt der Experte klar. Die Äpfel bleiben klein, sauer und fade. „Für heuer ist der Zug wirklich abgefahren. Selbst Pflanzenschutzmittel wirken fast ausschließlich vorbeugend und können bestehende Schäden nicht kurieren.“

Auch wenn die diesjährige Ernte verloren ist, entscheidet das richtige Vorgehen jetzt über die Gesundheit des Baumes im nächsten Jahr.

Erstens: Das Laub muss weg. Der Pilz überwintert im Falllaub und ist damit die Hauptinfektionsquelle für das Frühjahr. „Am besten wird es entfernt“, rät Breier. Wer einen Kompost hat, kann das Laub unbesorgt dort entsorgen, sollte es aber gut mit Rasenschnitt oder anderen Gartenabfällen zudecken. Alternativ kann das Laub über die Biotonne dem Wertstoffkreislauf zugeführt werden. Im professionellen Anbau wird das Laub gemulcht, also zerkleinert, damit Regenwürmer es über den Winter vollständig zersetzen.

Zweitens: Ein entscheidender Faktor für die Widerstandskraft eines Baumes ist die Nährstoffversorgung – allen voran Kalium. „Es fehlt die innere Zellfestigkeit“, erklärt Breier die Folge eines Mangels. Die Früchte sind weich, schlecht lagerfähig und der Baum weniger frosthart. Der Fachhandel bietet passende Kalium-Dünger, oft auch für den Bio-Anbau zugelassen. „Die Ausbringung sollte jetzt im Herbst, also September bis Oktober, vor einer Regenperiode sein, damit der Dünger gut eingewaschen wird und an die Wurzeln gelangt.“ Wer es genau wissen will, dem empfiehlt Breier eine Bodenprobe.

Drittens: Ein regelmäßiger, fachgerechter Schnitt sorgt dafür, dass das Blätterdach nach einem Regen schneller abtrocknen kann. Das entzieht dem Pilz die Lebensgrundlage. Der Schnitt allein reicht zwar nicht aus, ist aber ein wichtiger Baustein im Gesamtkonzept.

Die Probleme zwingen zum Umdenken bei der Sortenwahl. „Von empfindlichen Sorten sollten wir uns verabschieden, wenn wir daheim keine Pflanzenschutzmittel ausbringen wollen“, so Breier. Selbst der beliebte Boskoop habe neben Marssonina zunehmend Probleme mit Hitze und Trockenheit, leide im Aroma und sei nicht mehr so lagerfähig wie einst. Als Alternative nennt der Experte die „Zabergäu-Renette“ – die gegen Marssonina allerdings ebenfalls nicht resistent ist.

Der „Apfelbaum der Zukunft“ für die Region muss ein Alleskönner sein: resistent gegen Pilze, tolerant gegen Hitze und Trockenheit und dabei noch schmackhaft. „Die einzig ideale Sorte für alle Zwecke gibt es nicht! Wir müssen uns wieder stärker an den Gegebenheiten des Standorts orientieren“, mahnt Breier.

Robuste Lokalhelden
wählen

Sorge bereitet ihm, dass der Obstanbau durch den Klimastress aufwendiger wird. „Nur mit guten Ernten werden Streuobstwiesen gepflegt und erhalten.“ Hoffnung schöpft er aus Projekten wie dem Obsterhaltungsgarten am Hilgerhof in Pittenhart. Dort werden im Rahmen des Projekts „Apfel.Birne.Berge“ 272 alte und seltene Sorten gesichert und erforscht. „Darunter sind zu Unrecht vergessene Sorten, robuste Lokalhelden. Damit haben unsere Streuobstwiesen auch in Zukunft eine Chance.“

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