Traunstein – Anni Mayer aus Hufschlag bei Traunstein hatte in ihrer Kindheit Begegnungen mit zwei Buben, die etwas älter waren als sie, und aus denen später bedeutende Persönlichkeiten wurden: mit dem Schriftsteller Thomas Bernhard und Joseph Ratzinger, dem späteren Papst Benedikt XVI. Beiden ist sie Jahrzehnte später wieder begegnet. In einem Gespräch schilderte sie kürzlich, wie sich das zugetragen hat.
Schlag mit
dem Ochsenfiesel
Der Kontakt zu den Nachbarn in Hufschlag, unweit des Ettendorfer Kircherls, das alljährlich Ziel des Traunsteiner Georgiritts ist, war seit jeher schon deshalb eng, weil viele täglich zum Milchholen auf den Hochhäusl-Hof kamen. Annis Eltern Maria und Korbinian Wimmer bewirtschafteten das „Sachl“ mit zwei bis drei Kühen und wenigen Tagwerk Grund rund ums Haus. Man hatte sein karges Auskommen und musste auch zu Kriegszeiten nicht hungern.
Unter den Nachbarn, die täglich frische Milch vom Hochhäusl-Hof holten, waren auch der spätere Papst Joseph Ratzinger und dessen Schwester Maria sowie der Heimatschriftsteller Johannes Freumbichler, der Großvater von Thomas Bernhard, welcher als Schriftsteller Weltruhm erlangte. Die Ratzingers wohnten in einem kleinen Haus hundert Meter nördlich vom Hochhäusl, Freumbichler auf der kleinen Anhöhe Richtung Ettendorfer Kircherl. Für Thomas Bernhard war das ein Zufluchtsort und sein Großvater war die wichtigste Bezugsperson. Von seiner Mutter und dem Stiefvater, mit denen er im Zentrum Traunsteins an der Schaumburgerstraße lebte, wurde ihm wenig Zuneigung, dafür umso mehr unangemessene Strenge entgegengebracht. Und hier setzt das Erlebnis ein, das bei Anni Mayer später das Interesse an Thomas Bernhard weckte. Der Zweite Weltkrieg war seit einem Jahr vorbei, da begegnete die kleine Anni auf dem schmalen Weg von Hufschlag hinunter zur Bahn dem Straßer Georg, der einen Buben dabei hatte, nur einige Jahre älter als sie selber. „Wen hast’ denn da dabei?“, fragte die Kleine den Nachbarn unbedarft. Und der antwortete: „Der ist arm dran, der wird mit dem Ochsenfiesel g’schlagen.“ Es war Thomas Bernhard. Daheim fragte das wissbegierige Mädchen ihren Vater, was denn ein Ochsenfiesel sei. Er ging mit seinem Töchterchen ins obere Stockwerk und zeigte ihr eine solche Schlagwaffe, die man auch als Ochsenziemer bezeichnete und die früher als Folterwerkzeug Verwendung fand.
40 Jahre später: Ein Fremder kommt zum Hochhäusl und fragt Annis Vater, ob er sich auf die Hausbank setzen dürfe. Er fragt den Kleinbauern über dies und das aus. Schnell stellt sich heraus, dass es Thomas Bernhard ist, der den Ort seiner Kindheit aufgesucht hat. Korbinian Wimmer kann alle Fragen beantworten. Thomas Bernhard bleibt eine Weile und die Wimmer Anni will später natürlich von ihrem Vater wissen, wer der elegant gekleidete Besucher war. Es dauert noch ein paar Jahre, ehe sie sich entschließt, Bernhards Kindheitserinnerungen zu lesen. Dass so ein prominenter Schriftsteller bei ihnen am Hof war, konnte sie lange nicht glauben.
Aber noch prominenter waren zweifellos andere Milchkunden vom Hochhäusl: die Ratzinger-Kinder. Der Georg sei zwar nie gekommen, aber die Maria oder auch der Joseph waren regelmäßig mit der Milchpitschn da, um die Tagesration für die Familie zu kaufen. Ansonsten hatten sie als Kinder kaum Kontakt, denn Georg und Joseph gingen ja nach Traunstein ins Gymnasium und lebten später im Studienseminar. Anni Mayer erinnert sich aber noch gut, als die beiden nach ihrer Priesterweihe 1951 in Hufschlag von Haus zu Haus gingen und den traditionellen Primizsegen spendeten.
Ratzinger war schon als Präfekt der Glaubenskongregation nach Rom berufen worden, als der Kontakt neu auflebte. Bei einer Audienz im Vatikan fragte sie ihn, ob sie ein Sterbebild seiner Schwester Maria haben könne. Ratzinger versprach es und erklärte ihr, wann sie wohin kommen müsse, um es abzuholen. So kam sie bis in die Wohnung des Pontifex. Es folgten im Lauf der Jahrzehnte mehrere Begegnungen mit dem früheren Nachbarn, aus dem inzwischen Papst Benedikt XVI. geworden war.
Im Gespräch mit
dem Heiligen Vater
Bei einigen Audienzen sprach sie der Heilige Vater an und erkundigte sich immer wieder nach Details aus der Heimat. Jedes Jahr zu Weihnachten und zu anderen Anlässen schrieb sie nach Rom und bekam auch jedes Jahr ein freundliches Antwortschreiben. Die Alben mit den Briefen zeigt Anni Mayer stolz her und hütet sie wie einen wertvollen Schatz.
Anni Mayer, die damals noch Wimmer hieß, absolvierte nach der Schule eine Schneiderlehre bei der Firma Rottenaicher in Traunstein. 1968 heiratete sie ihren Mann Josef Mayer. Der Hochhäusl-Hof wurde 1997 abgerissen. Auf dem Grundstück stehen inzwischen Wohnhäuser. In einem leben Anni und Josef Mayer, in einem anderen Tochter Karin mit ihrer Familie.