Prien – „Hoppla, da sitzt ein Mann im Loch“ – wer zum ersten Mal und von der Materie ahnungslos zu Fritz kommt, der staunt. Daniel Fritz, Segelmacher in dritter Generation, schmunzelt. Ja, bei Fritz‘ sitzen die Näher „im Loch“. Schließlich bearbeiten sie keine Kleinteile, sondern Segel für bis zu 20 Meter hohe Masten. Und da fand Firmengründer Simon Fritz es sinnvoller, die Nähmaschinen und Mitarbeiter im Boden zu versenken, als riesige Tische in die Hallen zu stellen. Sohn Werner und Enkel Daniel, der in diesem Jahr das Ruder übernahm, sahen keinen Grund, daran etwas zu ändern. Denn das Material, mit dem sie arbeiten, hat sich im Laufe der Jahrzehnte geändert. Die Größe nicht.
„Hobby zum
Beruf gemacht“
Die Frage, wie man Segelmacher wird, erübrigt sich bei der dritten Generation, oder? Nein, schüttelt Daniel Fritz den Kopf. Seine Geschwister gingen beruflich andere Wege. Und er habe sich ganz bewusst dazu entschieden. „Ich bin schon als Kind in den Opti (die kleinste Bootsklasse ‚Optimist‘, Anm. d. Red.) gesetzt worden. Ich habe am Segeln Gefallen gefunden und dann das Hobby zum Beruf gemacht“, erzählt er. Den Lehrbetrieb musste er nicht lange suchen. Der steht seit 1955 eher unauffällig mitten in einem Priener Wohngebiet. Sonst wäre ihm die Suche womöglich schwergefallen. „Es werden im Jahr so wenige Segelmacher ausgebildet, dass wir in einer Berufsschulklasse mit den Persenningmachern und den Kollegen, die Planen für Lkw fertigen, zusammengefasst sind“, erzählt Fritz. Gerade einmal ein halbes Dutzend Segelmacher aus ganz Deutschland macht sich pro Jahrgang zum Blockunterricht auf nach Schleswig-Holstein, an die Berufsschule Travemünde. Um nicht betriebsblind zu werden, sah sich Daniel Fritz ein paar Monate lang die Arbeit der Kollegen in den USA an. Vor allem an der Ostküste, aber auch in Nevada. In dem Wüstenstaat liegt der Lake Tahoe, ein Bergsee rund sechsmal so groß wie der Chiemsee. Und der Firmenstammsitz des Marktführers der Segelmacher. „Deren Produktion hat allerdings nicht mehr viel mit dem Handwerk der Segelmacherei zu tun“, findet Fritz.
Dann doch lieber zurück nach Prien, das gelernte Handwerk ausüben. Während Großvater Simon Fritz hauptsächlich die Wochenendsegler vom Chiemsee und nur wenige Regatta-Segler ausstattete, weitete Vater Werner Fritz das Angebot für die Regatta-Segler in den kleineren Bootsklassen massiv aus. Und gewann Kunden in ganz Europa und darüber hinaus.
Bei dieser Firmentwicklung mag geholfen haben, dass Werner Fritz selbst leidenschaftlicher Segler ist, in drei Bootsklassen Vize-Weltmeister wurde und die Kieler Woche gewann. Daniel Fritz ist in der Altersklasse U30 Weltmeister im Starboot. „Der Mann an der Nähmaschine muss nichts vom Segeln verstehen. Der, der die Segel entwirft einiges“, sagt Daniel Fritz und lacht. Auch Produktionschef Peter Sippel segelt, ist mehrfacher deutscher Meister.
Entworfen werden die Segel längst nicht mehr von Hand. Und aus Baumwolle sind sie auch nicht mehr. Designprogramme helfen Fritz, die Segel sehr individuell zu gestalten. Je nachdem, ob ein Hobbysegler sich ein Dacron-Segel zulegt, mit dem er gemütlich über den Chiemsee schippert. Oder ein Regatta-Segler für das nächste Großereignis ein neues Tuch braucht, das die Windkräfte abfängt und perfekt verteilt. Wobei Tuch da längst nicht mehr stimmt. Segel sind heute überwiegend aus Polyester und Carbonfaser – und damit zehn bis 15 Prozent leichter, erklärt Daniel Fritz.
Wo und wie Linien verlaufen müssen, wo das „Fenster“ im Segel am besten platziert wird, wo die Ösen zur Befestigung am Mast hinkommen, wie die perfekte Kraftübertragung erreicht wird – all dies helfen die Designprogramme zu berechnen. Die Varianten sind schier unendlich.
Zugeschnitten wird auch nicht mehr von Hand. Zu viele Fehlerquellen. In der Halle steht ein riesiger Plotter. Zumindest die Materialballen, mit denen er gefüttert wird, erinnern noch vage an die alten Tuchballen. Manche Rollen sind quietschbunt. „Die sind für die Spinnaker“, erklärt Daniel Fritz. Die runden Vorwindsegel ähneln sich alle in der Form. Bei der Farbe hat der Käufer freie Wahl. „Da kommen manchmal die unglaublichsten Kombinationen heraus“, schüttelt sich Daniel Fritz.
Was blieb: Die Nähmaschinen im Loch. „Aber die können heute auch viel mehr, als zur Zeit meines Großvaters.“ Müssen sie angesichts der neuen Materialien auch. Der Mann mit dem seltenen Beruf hat allerdings ein Problem: Die Nähmaschinenmechaniker sind eine aussterbende Spezies. Was sich auch auf die Segelmacher auswirkt. „Manche Segel werden schon gar nicht mehr genäht, sondern geklebt“, sagt Daniel Fritz.
Gefragter
Tippgeber
800 bis 1000 Segel entstehen pro Jahr bei Fritz Segel. Die Cruising-Segel für den Törn auf dem Chiemsee sind in der Minderheit, Schwerpunkt sind die Regatta-Segel. Was zur Folge hat, dass Daniel Fritz keine Regatta ungestört segeln kann. „Irgendwer kommt immer, will einen Tipp oder ein Problem besprechen“, sagt Fritz amüsiert. Große Reparaturen macht er nur, wenn er nicht selbst am Start ist, sondern mit dem Servicetruck am Hafen steht. Egal wie und egal wo: „Es ist immer ein gutes Gefühl, wenn jemand mit unserem Segel gewinnt!“