Prien/Traunstein – Nachdem in der Chiemgau-Zeitung kürzlich der Priener Kinderarzt Dr. Reinhard Hopfner über die allgemeine Situation der Kindermedizin und die Gesundheit der Kinder in Prien und Umgebung sprach, meldete sich die Selbsthilfegruppe „Autismuskids“ Traunstein bei unserer Redaktion. Die von Reinhard Hopfner getätigte Aussage, dass Autismus-Spektrum-Störungen in klarem Zusammenhang mit hohem Medienkonsum stünden, sei wissenschaftlich nicht nur nicht haltbar, sondern auch wissenschaftlich widerlegt.
Eltern stehen ohnehin
unter Druck
Andrea Tsitsinias von „Autismuskids“ erklärt im Gespräch mit der Chiemgau-Zeitung: „Das Problem mit solchen Aussagen ist, dass Eltern mit autistischen Kindern schon genug unter Druck stehen.“ Eltern müssten sich von Pädagogen so viel anhören, sie hätten in der Erziehung vieles falsch gemacht. „Aussagen wie die zitierte sind nicht nur fachlich falsch, sondern tragen dazu bei, Familien unnötig Schuldgefühle aufzubürden und Vorurteile gegenüber autistischen Menschen zu verstärken. Eltern autistischer Kinder kämpfen ohnehin oft mit Stigmatisierung und dem Druck, vermeintlich ‚Schuld‘ an der Behinderung ihrer Kinder zu sein“, schreibt die Selbsthilfegruppe.
Kinderarzt Hopfner bedauert gegenüber der Chiemgau-Zeitung, sich missverständlich ausgedrückt zu haben, und schreibt: „Im Nachhinein ist mir bewusst geworden, dass meine Formulierungen zu falschen Annahmen führen könnten.“ Er stellt klar: „Autismus-Spektrum-Störungen sind komplexe neurologische Entwicklungsstörungen mit einer starken genetischen Komponente. Es gibt keinen wissenschaftlich belegten direkten Zusammenhang zwischen Autismus-Spektrum-Störungen und Medienkonsum.“
Hopfner bittet um Entschuldigung für die entstandenen Missverständnisse. Die Selbsthilfegruppe verweist auf drei Studien aus den 2010er-Jahren: „Die Geschwister- und Zwillingsstudien zeigen eine genetische Heritabilität von rund 80 bis 90 Prozent, die American Psychiatric Association stellt klar, dass Autismus ‚von Geburt an vorhanden‘ ist und nicht durch Erziehung oder äußere Faktoren verursacht wird, darüber hinaus beschreibt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Autismus als Entwicklungsstörung mit starker genetischer Grundlage.“
Tsitsinias weiß, dass Eltern einen „unfassbaren Leidensweg hinter sich haben, oft dauert es ein bis zwei Jahre bis zur Diagnose“. Es würde oft behauptet, dass Eltern besser durchgreifen und konsequenter sein müssten, dass Ernährung oder Impfungen eine Rolle spielen. „Aber all das ist wissenschaftlich ausreichend widerlegt und auch ein erhöhter Medienkonsum ist Quatsch“, sagt Tsitsinias – bei ihrem Sohn wurde ASS diagnostiziert.
Hopfner erklärt gegenüber der Chiemgau-Zeitung seine Aussage: „Meine Aussagen sollten in keiner Weise den Eindruck erwecken, dass Medienkonsum eine direkte Ursache für Autismus-Spektrum-Störungen ist.“ Er wollte vielmehr darauf hinweisen, dass es einen Zusammenhang zwischen frühkindlichem Medienkonsum und kognitiven, sprachlichen und emotional-sozialen Entwicklungsstörungen gebe. „Dieser Zusammenhang von hohem Medienkonsum in früher Kindheit und autistischen Symptomen wird als ,virtueller Autismus‘ bezeichnet und ist von Autismus-Spektrum-Störungen abzugrenzen“, so Hopfner weiter.
„,Virtueller Autismus‘ ist ein sehr umstrittener Begriff und keine anerkannte Diagnose im medizinischen Sinn. Er dient als Schlagwort, um die Probleme durch zu viel Bildschirmzeit bei kleinen Kindern zu beschreiben, hat aber mit einer ,echten’ Autismus-Spektrum-Störung nicht das Geringste zu tun“, verdeutlicht Andrea Tsitsinias. Man müsse klar differenzieren, dass durch erhöhten Medienkonsum in der frühen Kindheit Auffälligkeiten entstehen können, die Autismussymptomen ähneln, mit einer solchen Diagnose aber nichts zu tun haben.
Kinder, die viel Medien konsumieren, würden wie autistische Kinder wirken, deshalb die Bezeichnung „virtueller Autismus“. Darüber berichtete auch das Deutsche Ärzteblatt in der August-Ausgabe dieses Jahres: „Die Studienergebnisse zeigten übereinstimmend, dass ein Medienkonsum im Vorschulalter mit Defiziten im Bereich der Sprache und Kognition assoziiert war und einen Risikofaktor für die Entwicklung von emotionalen, Verhaltens- sowie Entwicklungsstörungen darstellte. Auch Symptome einer Autismus-Spektrum-Störung wurden im Zusammenhang mit einem erhöhten Medienkonsum gefunden.“ Die Studie verweist auch darauf, dass die untersuchten Effekte stets im Zusammenhang mit vielen weiteren Risikofaktoren wie dem sozioökonomischen Status, psychischen Störungen in der Familie oder elterlichem Stress stehen.
„Ich wollte keine
Vorurteile verstärken“
Kinderarzt Reinhard Hopfner bedauere es sehr, „wenn meine Aussagen zu Verunsicherung oder gar Verletzungen bei Familien mit autistischen Kindern geführt haben. Es war nie meine Absicht“, so Hopfner weiter, „Vorurteile zu verstärken oder Schuldgefühle zu erzeugen. Es ist mir wichtig zu betonen, dass ich die Leistungen von Eltern autistischer Kinder in höchstem Maße respektiere und wertschätze.“ Sein Ziel sei es, durch korrekte Informationen und Sensibilisierung zu einer besseren Aufklärung und Akzeptanz von Autismus beizutragen.
Die Situation für Familien mit autistischen Kindern ist laut Tsitsinias „unfassbar angespannt, wir müssen um jede Hilfe betteln“. Egal ob Pflegegeld, Schwerbehindertenausweis – überall müssten sich Familien erklären und behaupten.