Siegsdorf – Die Heilige Familie auf Herbergssuche ist in Siegsdorf heuer schon einige Monate vor Weihnachten aktuell. Die „Himmelswerkstatt“, das Christkindl-Wallfahrts-Museum von Rosi Bauer, wird nämlich zum Jahresende geschlossen. Die Gemeinde hat den Mietvertrag mit der Betreiberin gekündigt. Rosi Bauer, welche die Sammlung sakraler Volkskunst über Jahrzehnte aufgebaut hat, muss nach einer neuen Bleibe für ihre Exponate suchen.
„Die Gemeinde hat mir vor Kurzem das Kündigungsschreiben geschickt“, bedauert die 83-Jährige, die seither auf der Suche nach neuen Ausstellungsräumen ist, in denen ihre weltweit einmalige Zusammenstellung sakraler Volkskunst untergebracht und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden kann. Es ist ein schwieriges Unterfangen, denn die Sammlung ist sehr umfangreich und benötigt dementsprechend viel Platz. Schon im alten Feilhaus, unmittelbar neben dem Naturkunde- und Mammutmuseum, herrschte drangvolle Enge, seit Bauer 2010 hier ihre Exponate an sakraler Kunst rund um Weihnachten unterbringen konnte.
Schock für die
Krippenexpertin
Es war wie ein Schock für die Krippenexpertin, als sie das Kündigungsschreiben der Gemeinde bekam. Seither sucht sie unter anderem über die sozialen Medien nach einer Institution oder einem Museum, die bereit wären, die Sammlung zu übernehmen und sie für die Öffentlichkeit zu erhalten. Einige haben sich auch schon gemeldet, zum Beispiel das Krippenmuseum in Dornbirn am Bodensee, das Städtische Museum Erding, das Museum in Tittmoning, das Kloster Scheyern und das Krippenmuseum in Clüsserath an der Mosel. Für alle Exponate ist aber vermutlich bei keinem der Interessenten genug Platz und für Rosi Bauer würde es bedeuten, dass sie künftig weite Wege in Kauf nehmen müsste, um ihre Sammlung weiter in Schuss zu halten. „Die Sachen sollten halt in der Region bleiben, denn von hier stammen ja die meisten“, sagt Rosi Bauer dazu. Zuletzt hatte sie ein Gespräch mit dem Ruhpoldinger Bürgermeister Justus Pfeifer. Die Idee war, einen Teil der Sammlung im Holzknechtmuseum in der Laubau auszustellen. Das jedoch ist im Winter geschlossen – genau in der Zeit, in der Krippen und Ähnliches besondere Beachtung finden.
Rosi Bauer möchte weiterhin die zahlreichen Kostbarkeiten religiöser Volkskunst aus drei Jahrhunderten der Öffentlichkeit als Dauerleihgabe zugänglich machen. Die neue Bleibe, die sie sucht, sollte nach Möglichkeit barrierefrei sein, um auch älteren Besuchern die Möglichkeit zu bieten, sich die Kunstwerke sakraler Volkskunst anzuschauen. Derzeit muss man über eine steile Treppe in den zweiten Stock des Feilhauses. Auch Busse mit mehr als 20 Personen konnten nicht für Führungen angenommen werden, weil der Platz für so viele Menschen fehlt.
In den Räumen und Vitrinen sind etwa 300 Objekte untergebracht: Krippen, Christkindl, Klosterarbeiten und Wallfahrtsandenken aus der Vergangenheit, vorwiegend aus Bayern, aber auch aus Italien, Frankreich, Österreich und der Schweiz. Ein Christkindl stammt sogar aus Goya auf den Philippinen. Als der Kölner Erzbischof, Kardinal Joachim Meisner, im Jahr 1970 die Reisevorbereitungen für Papst Paul VI. dorthin traf, bekam er es vom dortigen Kardinal geschenkt. Zehn Jahre vor seinem Tod 2017 in Bad Füssing besuchte Meisner Rosi Bauer in Siegsdorf und brachte ihr das Christkind mit. Er war auch ein leidenschaftlicher Sammler und ließ sich von ihr einige Exponate restaurieren.
Der Blickfang schlechthin im Siegsdorfer Christkindlmuseum ist eine große Barockkrippe mit bis zu 30 Zentimeter großen, prächtig gekleideten Figuren. Die Umgebung der Figuren wurde von Rosi Bauer und Friederike Fürst gebaut. Man bräuchte allein für diese Krippe etwa fünf Quadratmeter Fläche, wollte man sie an einem anderen Ort wieder aufbauen. Dieser einzigartige kirchen- und kulturhistorische Schatz soll aus Siegsdorf verschwinden?
Die Chiemgau-Zeitung fragte bei Siegsdorfs Bürgermeister Thomas Kamm nach, der ja letztlich dafür verantwortlich ist, dass Rosi Bauer mit ihrer Sammlung das Feilhaus räumen muss. Kamm bedauert die Entwicklung, denn das Museum sei eine Bereicherung für den Ort. Die Räume im Feilhaus seien jedoch ungeeignet. Allein der Zugang über eine steile Treppe in den zweiten Stock hindere vor allem ältere Menschen daran, die Exponate zu besichtigen. Dennoch, so der Bürgermeister, habe er versucht, unter anderem in Gesprächen mit Vertretern von Klöstern eine neue Heimat für die Exponate zu finden. Niemand sehe sich jedoch in der Lage und sei kompetent genug, die Sammlung zu erhalten und die ständigen Restaurierungsarbeiten zu erledigen. „Wir haben das Projekt von Rosi Bauer immer positiv begleitet“, betont er. Neue Ausstellungsräume zu schaffen würde Unsummen kosten und wäre den Gemeindebürgern schwer vermittelbar.
Schließlich habe die Gemeinde mit dem Naturkunde- und Mammutmuseum bereits ein großes Museumsprojekt zu betreuen und zu finanzieren. Es habe absolute Priorität, dieses Museum auf dem neuesten Stand zu halten und laufend weiterzuentwickeln. Trotz rund 50000 Besuchern pro Jahr müsse die Gemeinde Siegsdorf jährlich einen mittleren sechsstelligen Betrag aufbringen, um die Betriebskosten zu begleichen. Ein zusätzlicher Publikumsmagnet seien die jährlichen Sonderausstellungen.
Noch ein letzter
Krippenweg
Der neue Museumsleiter Manfred Heynck ergänzt: „Der Platz im Museum ist für solche Sonderausstellungen oft zu beengt und man könne sie nur präsentieren, wenn mehr Platz zur Verfügung stehe – zum Beispiel auch im Feilhaus.“ Das habe man bereits im Jahr 2019 genutzt, um den Besuchern alle Exponate der viel beachteten Mumienausstellung präsentieren zu können. Von der räumlichen Entwicklung werde es maßgeblich abhängen, ob man das Naturkundemuseum modernisieren und in eine erfolgreiche Zukunft führen kann, betont Thomas Kamm. Derweil gibt Rosi Bauer die Hoffnung auf eine erfolgreiche Herbergssuche nicht auf. Und sie plant, auch heuer in der Weihnachtszeit noch einmal einen Krippenweg im Siegsdorfer Ortszentrum aufzubauen.