„Leben hängt an seidenem Faden“

von Redaktion

Gerold Schwarzer erinnert sich in einem Buch an die Vertreibung in den Chiemgau

Chiemgau/Sudetenland – Die Erlebnisse des ehemaligen Lehrers und stellvertretenden Leiters vom Ludwig-Thoma-Gymnasium in Prien, Gerold Schwarzer, von der Vertreibung seiner Familie vom Altvatergebirge an den Chiemsee hat dieser zu seinem 80. Geburtstag in einem Buch festgehalten (wir berichteten). Im nunmehr zweiten Teil erinnert Gerold Schwarzer, der als eineinhalbjähriger Bub die besonderen Umstände aushalten musste, an die Geschehnisse der Vertreibung.

„Milizen kennen
kein Pardon“

Gerold Schwarzer schreibt: „Schon bald nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs werden in der wieder gegründeten Tschechoslowakei die Bestrebungen laut, alle Deutschen aus dem Land zu vertreiben. Eine Folge auch der nationalsozialistischen Diktatur in der Tschechoslowakei von 1938 bis 1945. Durch die berühmt berüchtigten Benesch-Dekrete (so genannt nach dem damaligen Staatspräsidenten Edvard Benesch) verlieren die Sudetendeutschen ihr gesamtes Hab und Gut, werden für rechtlos erklärt und schließlich ausgesiedelt. Es ist die größte Bevölkerungsverschiebung von einem Staat in einen anderen in der europäischen Geschichte. Tschechische Milizen kennen nach dem Krieg kein Pardon, auch nicht gegenüber Frauen, Kindern und alten Leuten. Gewalt und Unterdrückung sind an der Tagesordnung. Die Siegermächte des Zweiten Weltkriegs erklären die ,Überführung‘ der gesamten deutschen Bevölkerung nach Deutschland für rechtmäßig.“

So muss ein ganzes Volk die seit Jahrhunderten angestammte Heimat verlassen. Immer 1200 Personen pfercht man in Güterzügen zusammen, jeweils 30 Personen pro Viehwaggon. Im Jahr 1946 werden jeden Tag mehrere Züge in Richtung Deutschland geschickt. „Unter den rund drei Millionen heimatvertriebenen Sudetendeutschen sind auch meine Mutter mit mir als eineinhalbjährigem Kleinkind, meine Großeltern und die gesamte übrige Familie“, so Schwarzer weiter und er ergänzt: „Mein Vater ist am Ende des Krieges gewarnt worden, als ehemaliger deutscher Soldat nicht in die Tschechoslowakei zurückzukehren. Ihm hätte wohl Arbeitslager oder Zwangsarbeit in einem Bergwerk gedroht. Er bleibt 1945 in Deutschland und schlägt sich nach Hamburg durch, wo er vor dem Krieg bei der Polizei beschäftigt war.“ 

„Meine Mutter und ich werden am 27. 6. 1946 mit einem der ersten Schübe ausgesiedelt. Nur mit einem Rucksack, einem Koffer und dem Kinderwagen, mit mir als Kleinkind am Arm, so müssen wir am 27. Juni 1946 fort aus Zuckmantel – und zwar für immer. Tage vorher wird Brot von den Brotrationen abgezwackt, geröstet und in dauerhaften Zwieback umgewandelt. Der Kinderwagen, in dem ich aussiedeln ,darf‘, bekommt einen doppelten Boden fürs Verbergen von Wertgegenständen, für Eheringe, eine Armbanduhr. Leo, mein damals 17-jähriger Onkel, hat sich dazu entschlossen, seine Schwester und mich auf der Reise ins Ungewisse nicht allein zu lassen.“

Weiter heißt es: „Zunächst kommen wir in ein Sammellager für die zur Vertreibung bestimmten Sudetendeutschen aus dem Raum Altvatergebirge, ein ehemaliges Munitionslager mit über hundert Baracken, ,MUNA’ genannt. Rund 52000 Menschen werden 1946 hier für den Abtransport nach Deutschland ,gesammelt’. Insgesamt 46 Viehwaggon-Transporte fahren von dort nach Deutschland. Unser Transport-Zug fährt am 28.6. in Richtung Westen und am 1.7.1946 bei Furth im Wald nach Bayern. Einige Zeit sind wir dann in den zum Großteil im Krieg zerstörten Hallen der Messerschmidt-Flugzeugwerke bei Regensburg untergebracht. Dort grassiert die Ruhr unter den Vertriebenen. Als eineinhalbjähriges Kleinkind bekomme ich Dauerdurchfall. Fehlende Medikamente und Mangelernährung – für Tage hängt mein Leben nur an einem seidenen Faden. Durch Zufall erfahren wir von einem Rückführungstransport Evakuierter in die damalige britische Zone nach Hamburg, wo mein Vater nach Kriegsende ,gelandet‘ ist. Nach einer langen Bahnfahrt im Herbst 1946 trifft sich die kleine Schwarzer-Familie im fast völlig zerbombten Hamburg, sehe ich zum ersten Mal meinen Vater.“ Bald darauf ging es für die Großeltern los: „Am 28.10.1946 erfolgt dann auch die Aussiedlung für die Kuhn-Großeltern.

Kuhn-Opa, ehemals Sozialdemokrat, wird als Antifaschist anerkannt. Er darf Hausrat im Umfang eines Viertel Viehwaggons mitnehmen. Dazu gehören einige Möbel, Geschirr, Wäsche, eine Geige, und … – fast die gesamte Einrichtung der kleinen Wohnung der Kuhn-Oma später in Rosenheim stammt noch aus Zuckmantel. Oma und Opa erreichen nach vier Tagen Eisenbahnfahrt im Viehwaggon über Furth im Wald schließlich den kleinen Ort Pfaffing bei Wasserburg am Inn. Dort werden sie in einer Schule provisorisch untergebracht.“

Auch für den Schwarzer-Hof gibt es genaue Erinnerungen, hierzu heißt es im Buch: „Für das kleine, abgeschiedene Dorf Weißbach im Sudetenland bringt der Zweite Weltkrieg wie überall Furcht, Not und schlimmes menschliches Leid. Die jungen Männer werden zum Kriegsdienst einberufen. 69 junge Männer aus Weißbach (1939: 736 Einwohner) fallen im Krieg oder werden vermisst. (Bereits im ersten Kriegsjahr mit Russland erleidet der jüngste Sohn Alois den Tod, gerade mal 23 Jahre alt. Und in den letzten Kriegsmonaten kommt die Nachricht, dass Sohn Alfred an der Westfront schwer verwundet und im Süden Frankreichs in der Nähe von Marseille gestorben ist. Viktor, der Hoferbe, wird in Russland an der rechten Hand schwer verletzt. Durch ein Explosivgeschoß verliert er zwei Finger und einen Teil der Mittelhand.)“

Oma liegt sich
wund und stirbt

Abschließend heißt es: „1946 erfolgt auch für die Weißbacher die Vertreibung von Haus und Hof. In einem der Züge nach Deutschland sind auch Schwarzer-Oma und -Opa und ihre gesamte Familie. Die Schwarzer-Oma muss wegen ihrer Gehbehinderung liegend am Boden des Viehwaggons transportiert werden. In dem ratternden, ungefederten Viehwaggon liegt sich die Oma wund. Am 10.10.1946 erreicht der Transport Baden-Württemberg. Die heimatvertriebenen Weißbacher werden in einem Kloster provisorisch untergebracht. Hier stirbt die Schwarzer-Oma nur 14 Tage nach der Ankunft am 24.10.1946 infolge der schweren Rückenwunden. Medizinische Versorgung, Medikamente oder gar Antibiotika: Fehlanzeige!“

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